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Thomas Mitschke (Nabu) gibt Tipps für einen insektenfreundlichen Garten. (Foto: t&w)

Wo sich Biene Maja wohlfühlt

Lüneburg. Es gab Zeiten, da hüpften Biene Maja, Grashüpfer Flip und Käfer Kurt nicht bloß durch das Kinderfernsehen, sondern ließen es sich zuhauf auch vor der Haustür in heimischen Bauerngärten gut gehen. Doch wenn Thomas Mitschke heute durch die Wohnsiedlungen spaziert, sichtet er dort häufig eines: „Gärten des Grauens.“ So nennt Lüneburgs Nabu-Kreisvorsitzender Grünflächen, denen es an Blüten und somit an Nahrung für Biene, Hummel und Co. fehlt. Fast 8000 Insektenarten stehen nach Angaben des Experten auf der roten Liste, davon 42,5 Prozent mit negativer Bestandsentwicklung. „Die Menschen müssen ihr Herz für die Natur wiederentdecken“, sagt Mitschke. Am Dienstag, 24. April, zeigt er bei den „Aktionstagen für Biene, Hummel und Schmetterling“ ab 19.30 Uhr im Museum Lüneburg auf, was Gartenbesitzer selbst für Insekten tun können. Die LZ hat vorab um Tipps gebeten.

Herr Mitschke, was läuft falsch in Deutschlands Gärten?
Thomas Mitschke: Viele Gärten strahlen förmlich eine Naturentfremdung aus. Die Menschen gestalten ihre Flächen heute gerne geradlinig, sauber und ordentlich, weil sie sich womöglich auch mit ihren Gärten identifizieren. Sie sagen über ihren Besitzer aus: „Ich bin auch sauber und ordentlich und habe mein Leben im Griff.“ Doch wir müssen weg von diesem völlig falschen Verständnis von Ordnung und Sauberkeit, das übrigens auch ganz typisch für die öffentlichen Grünanlagen ist.

Was braucht ein Garten, um eine „Wohlfühloase“ für Insekten zu sein?
Kleine Blühwiesen, Stauden- und Kräuterbeete. Auch Kletterpflanzen machen sich immer gut: die Rotfrüchtige Zaunrübe, die breitblättrige Platterbse und altes Efeu. Viele Käferarten, Amphibien und Reptilien freuen sich zudem über Versteckplätze und Rückzugsmöglichkeiten wie Lesestein- oder Totholzhaufen. Wenn jeder Gartenbesitzer ein paar Quadratmeter den Insekten schenken würde, dann wären wir ein ganzes Stück weiter.

Welche Pflanzensorten empfehlen Sie?
Heimische Pflanzen, weil wir ja heimische Tierarten unterstützen wollen und die nun mal auf vertraute Arten angewiesen sind. Mit den Exoten, Thujen zum Beispiel, können die teilweise gar nichts anfangen. Ich empfehle Lupinen und Stockrosen, das sind einfache Sorten und unglaubliche Nektar- beziehungsweise Pollenspender. Auch Glockenblumen, Malven, Klatschmohn, die Nachtviole oder Ochsenauge – alles tolle Sorten. Aber Vorsicht: Es ist leider so, dass bei Saatgut gern getrickst wird. Zum Beispiel gibt es welches für Sonnenblumen, die gar keine Pollen mehr generieren können – und trotzdem steht „bienenfreundlich“ auf der Verpackung. Man sollte immer vorbereitet in den Garten- oder Baumarkt gehen und nicht einfach das kaufen, was einem zuerst ins Auge sticht. Die Bepflanzung mit Kräutern aller Art hilft der Bienenwelt. Mit ihren ätherischen Ölen locken sie vor allem Wildbienen an.

Ist das neue Eigenheim gebaut, muss in der Regel bald ein Sichtschutz für die Privatsphäre her…
Da eignen sich zum Beispiel Hecken, zusammengesetzt aus verschiedenen heimischen Arten wie der Wilden Johannisbeere. Die länglichen, roten Blüten werden im Frühjahr gerne besucht – und traumhaft schön sind sie noch dazu. Man kann auch einfach ein Spalier aufbauen und Kletterbohnen dran setzen. Aus den geernteten Bohnen kann man sogar Suppe kochen. Nahrhaft für Insekten und gesund für den Menschen sind auch Johannis-, Stachel-, Brom- und Himbeeren. Wenn die Sträucher blühen und Beeren bilden, rücken später die Vögel nach – und profitieren ebenso. Apropos: Aus der Kategorie „Bäume und Sträucher“ empfehle ich auch die Schlehe, Süßkirsche, Kirschpflaume, Weißdorn, Blasenstrauch und den Spitzahorn.

Und wenn ich bloß über einen Balkon verfüge: Wie kann ich den zum „Summen“ bringen?
Einfach Töpfe und Kübel aufstellen, Kräuter hinein pflanzen und sich an den Düften, Farben und dem Summen erfreuen. Als Balkonbesitzer kann ich zu Lavendel raten. Der vertreibt die Mücken durch seine ätherischen Öle, blüht schön und lockt andere Insekten. Großes auf kleinem Raum leistet auch eine Nisthilfe aus Bambus. Die könnte man in eine sonnige Ecke hängen.

Kann man so etwas auch selber basteln?
Klar. Dazu braucht man nur Bambusstäbe mit einer Innenröhrengröße von zwei bis sechs Millimetern. Die sägt man direkt hinter den natürlichen Knoten ab, sodass sie insgesamt etwa zehn Zentimeter lang und jeweils hinten geschlossen sind. Die fertigen Stäbe mit Draht zu einem Bündel zusammenbinden und in die pralle Sonne hängen. Ich garantiere: Das ist das beste Insektenhotel, das Bastler den Bienen bieten können. Noch ein Tipp für Fortgeschrittene: Nehmen Sie ein mindestens zehn Zentimeter langes Stück Hartholz, Eiche zum Beispiel, und bohren Löcher hinein – so tief wie möglich, aber nicht zu viele, weil sonst das Holz reißt. Weniger ist da mehr.

Es muss also nicht immer teuer sein. Gilt das auch für die Pflanzen?
Wer einen kleinen Blühstreifen anlegen will, aber nicht viel Geld ausgeben möchte, der nimmt am besten Weiß- und Rotklee. Da kann man sogar mit dem Rasenmäher drüberfahren, er blüht trotzdem bald wieder aus voller Kraft. Wenn man im Herbst die Samen etwa der Stockrose einsammelt, kann man sie im nächsten Jahr selbst wieder aussäen. Das spart ebenso Geld. Und aus Brombeer- und Brennnesselblättern lässt sich auch ganz einfach Tee kochen – wieder ein Punkt weniger auf der Einkaufsliste.

Was sind No-Gos für Insekten?
Nicht die ganze Rasenfläche mähen, besser auch mal etwas Gras stehen lassen. Kreisrunde oder bananenförmige Inseln bringen Struktur in den Garten. Sie werden staunen, wie schnell es da blüht und sich wieder Artenvielfalt bildet. Auch Vögel fühlen sich im hohen Gras wohl, weil sie dort Nahrung finden, die vorher auf der Flachwiese fehlte. Langweilig wird es auf diesem Fleckchen Erde nicht. Verzichten Sie auf Exoten wie Koniferen, Thujen, Zedern und Krüppelkiefern, die helfen unseren heimischen Arten nicht. Und: Lassen Sie die Finger von Torf und Gift. Wenn Sie alle freien Flächen mit Bodendeckern schließen würden – Sie hätten kein Unkraut mehr, da der Bodendecker verhindert, dass es überhaupt aus der Erde schießen kann. Diese Blühteppiche ersparen uns somit Arbeit und sind noch dazu Hingucker.

Von Anna Petersen

One comment

  1. Vielen Dank für diesen interessanten und wichtigen Artikel! „(…)wir müssen weg von diesem völlig falschen Verständnis von Ordnung und Sauberkeit, das übrigens auch ganz typisch für die öffentlichen Grünanlagen ist.“ Mit dieser Aussage har Herr Mischke die Problematik sehr gut auf den Punkt gebracht, besser kann man es eigentlich nicht sagen. Bleibt zu hoffen, dass die Grünflächen-Verantwortlichen endlich anfangen, umzudenken. Leider scheint das Ganze aber ein sehr mühsamer Prozess zu sein, nicht nur in Lüneburg (ich denke zum Beispiel an die Flächenversiegelungen endlang der Ilmenau-Ufers etc), sondern auch im Umkreis; vergl. z.B. :
    https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/bienenbuettel/1523642-kettensaege-contra-fallobst