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Lenn (7) und Tjark (4) toben auf dem satten Grün direkt vor dem Schullandheim. Sie sind schon oft mit ihren Eltern Alina Zilien und Carsten Jungblut in Böhmsholz gewesen. Foto: t&w

Unterricht mitten im Wald

Lüneburg. Ein Pfau spaziert stolz über das Grün, Pferde werden für einen Ausritt gesattelt, Kinder toben über die Rasenflächen. Bald schon könnte das Areal rund um den Waldhof Böhmsholz, ein Idyll und beliebtes Ausflugsziel, dauerhaft von Grundschülern bevölkert werden. Eine Initiative plant, in dem alten Schullandheim eine „Demokratische Schule“ zu gründen. Die dafür notwendigen Antragsunterlagen liegen zur Prüfung bei der Landesschulbehörde. Als Start peilt der Trägerverein „Selbstbestimmt Lernen in Lüneburg“ den August an. 20 bis 30 Kinder können im ersten Schuljahr dabei sein – egal ob Erstklässler oder Quereinsteiger anderer Schulen.

Das Schullandheim Böhmsholz wurde 1951 gegründet, Eigentümer der Grundstücke ist die Stiftung Hospital zum Großen Heiligen Geist. Sie wird von der Stadt verwaltet. 1969 haben Marianne und Gerhard Schmidt die Gebäude gekauft und die 10.000 Quadratmeter umfassenden Grundstücke gepachtet. Neben der Gaststätte stehen eine Reitschule, ein Jagdmuseum und ihr Elternhaus darauf.

Gaststätte hat Priorität

Sohn Eckhard Schmidt, der sein Erbe vor drei Jahren aus der Insolvenz übernommen hat, überlegt, zu verkaufen. Primär gehe es dabei um das Schullandheim und den Waldhof, sagt er auf LZ-Nachfrage. „Priorität hat, dass dort weiterhin eine Gaststätte betrieben wird.“ Die dafür notwendige Zulassung liegt vor. Es gibt aber auch einen Plan B: Sollte sich in naher Zukunft kein Investor finden, würde er das Nachbargebäude selbst an die Schulgründer verpachten.

Die Gründungsinitiative ist Ende 2017 auf Schmidt zugegangen. Alina Zilien war viele Male mit ihren beiden Söhnen in Böhmsholz: „Nicht nur aus schulischer Sicht ist das ein Traum-Standort“, findet die Lüneburgerin, die seit den Anfängen 2016 am Projekt mitwirkt. Ein Nachteil sei lediglich die Anbindung, kein Bus hält in der Nähe. Die Ideen, das Problem zu lösen, sind vielfältig: Leihräder, die Bereitschaft von Eltern, eine Fahrgemeinschaft zu bilden, Anmietung eines Busses für einen Shuttle-Service oder Einbeziehen des Kutschbetriebes zum Beispiel.

Ein Schulleiter steht schon in den Startlöchern

Im späteren Schulgebäude selbst müssen Brandschutzmaßnahmen umgesetzt werden. Auch möchte das 15-köpfige Team die Raumverteilung aufbrechen. Aktuell zählt das Schullandheim zwölf Zimmer. Carsten Jungblut, der designierte Schulleiter, sieht im oberen Stockwerk eine große Fläche, auf der die Kinder „freie Bahn“ haben sollen. Eine Bibliothek, ein Selbstlernzentrum und Themenecken könnten dort entstehen. Unten seien vier Räume vorgesehen, neben einem Büro oder Sekretariat beispielsweise eine Werkstatt. Für später gebe es Erweiterungsmöglichkeiten. Schließlich sollen einmal bis zu 110 Schüler hier lernen. Jungblut unterrichtet an einer öffentlichen Schule, den Antrag auf Beurlaubung für den Einsatz an einer Privatschule hat er bereits gestellt.

Andere wirken in der Initiative mit, weil es ihnen ein politisches Anliegen ist, eine Alternative zum Regelschulsystem zu bieten. Arne Bratenstein könnte sich gut vorstellen, seinen Sohn an der Demokratischen Schule anzumelden. „Ich habe meine Schulzeit als sehr einengend empfunden.“

Bei der Finanzierung auf Hilfe angewiesen

Einige Hürden muss das Team noch bewältigen. Zwar liegen der Landesschulbehörde mit Arbeitsverträgen, dem pädagogischen Konzept, Informationen zum Personal, einem Finanzierungsplan und Verträgen mit Eltern, die ihre Kinder gern anmelden würden, bereits etliche Dokumente vor. Mit dem Standort fehlt aber noch ein entscheidender Teil, dafür braucht das Team mehr als nur eine mündliche Zusage. „Mitte Mai entscheiden wir, ob ein Start zum August noch realistisch ist“, sagt Zilien.

Bei der Finanzierung sei man noch auf Hilfe angewiesen. An einem Kredit führt kein Weg vorbei, denn private Schulen erhalten erst nach drei Jahren Unterstützung vom Land. Katharina Menke, zuständig für die Finanzen, rechnet mit 550.000 Euro. Pro Kind soll ein Schulgeld von maximal 200 Euro anfallen. Eine Familie, die wenig Geld, aber fünf Kinder durchzubringen hat, soll weniger zahlen als jemand, um den es finanziell besser steht.

Mehr als 100 Voranmeldungen lägen schon auf dem Tisch, allein 50 für dieses Schuljahr.

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Die Idee

Bei der demokratischen Schule sollen die Schüler selbst bestimmen, wo, wann und was sie lernen. Die Kinder arbeiten jahrgangsübergreifend zusammen – ohne Lehrplan. Um der Schulpflicht nachzukommen, soll durch eine Kernlernzeit die erforderliche Anzahl an Unterrichtsstunden gewährleistet werden. Im nächsten Jahr möchte die Initiative die Erweiterung für die Sekundarstufe I beantragen.

Beim Personal plant das Team am Ende mit zehn bis zwölf Stellen. Infrage kommen dabei neben Lehrern auch Erzieher, Handwerker, Köche, IT-Experten und viele weitere Berufsgruppen. Mehr Informationen gibt es unter www.demokratischeschule.de im Internet.