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Die leuchtenden Warnwesten, die im Fall von Lisa Heinbockel (l.) einen Menschen mit einem Blindenstock zeigen, sind eine bewusste Entscheidung von Verena Wegener. Sie sollen auch Hundebesitzer da­rauf aufmerksam machen, dass ihre Laufpartnerin fast blind ist. (Foto: t&w)
Die leuchtenden Warnwesten, die im Fall von Lisa Heinbockel (l.) einen Menschen mit einem Blindenstock zeigen, sind eine bewusste Entscheidung von Verena Wegener. Sie sollen auch Hundebesitzer da­rauf aufmerksam machen, dass ihre Laufpartnerin fast blind ist. (Foto: t&w)

Im Tandem läuft‘s gut

Lüneburg. Wenn Lisa Heinbockel einen Schritt mit dem linken Bein macht, ist es bei Verena Wegener der rechte Fuß, der vorangeht. Auf Hüfthöhe halten die beiden Frauen an einem gelbfarbenen Laufband fest. Sie durchqueren in einem gemütlichen Tempo den Kurpark, Seite an Seite. Wegener lässt immer wieder ihren Blick schweifen, mal nach rechts zu ihrer Laufpartnerin, dann wieder nach vorn. Sie scannt die nächsten Meter des Weges, hält nach möglichen Hindernissen Ausschau. Denn für Lisa Heinbockel kann schon ein Tannenzapfen oder ein Ast, der von einem Baum hinabgesegelt ist, zum Problem werden. Die 60-jährige Lüneburgerin ist fast blind, verfügt gerade mal noch über einen Sehrest von zwei Prozent. Vom Joggen hält sie das aber nicht ab.

Drei Jahre ist es her, dass Verena Wegener bei einem monatlichen Treffen des Blindenvereins auf Lisa Heinbockel getroffen ist. Die anfängliche Skepsis und die Angst vorm Scheitern hatte sie schnell überwunden, heute bewältigt sie die einstündige Laufeinheit zweimal wöchentlich ohne Probleme. Ob es ihr leicht fiel, einer fremden Person zu vertrauen? Lisa Heinbockel weiß, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibt. „Man muss vertrauen.“ Sie wurde bereits mit einem grauen Star und einer Sehschwäche geboren, 1996 kam eine Netzhautablösung dazu. „Da ist es nochmal schlechter geworden. Ich kann nur noch Umrisse erkennen, ansonsten ist alles dunkel.“

„Mit etwas Training kann das jeder schaffen“

Aus diesem Grund hat Lisa Heinbockel nie darüber nachgedacht, zu joggen. Dabei ist sie keinesfalls unsportlich, entspannt sich regelmäßig bei Yoga und Qi-Gong. Inzwischen kann sie von sich sagen: „Ich bin durch das Laufen auch im Gehen trittsicherer geworden.“ Missen möchte sie die Runden im Kurpark nicht mehr. „Es ist toll, sich draußen an der Luft zu bewegen. Mit etwas Training kann das jeder schaffen“, ist sie überzeugt.

Ihre Begleiterin Verena Wegener, die selbst vor 15 Jahren zum Laufen gekommen ist und inzwischen ihren vierten Marathon überstanden hat, geht nach dem „Paderborner Modell“ vor. Das Ziel: Die Teilnehmer sollen nach zwölf Wochen 30 Minuten durchhalten können. Das Programm startet ganz gemächlich mit einem Rhythmus von einer Minute Laufen, einer Minute Gehen. „Da gibt es einen genauen Plan, der vorher Mobilisierung und Gleichgewichtsübungen vorsieht.“

Der Antrieb der Brietlingerin liegt in der Wertschätzung ihrer eigenen Sehkraft. „Ein Leben ohne Augenlicht kann ich mir nicht vorstellen“, sagt die 58-Jährige, die Betroffenen deshalb die Freiheit geben wollte, sich läuferisch zu betätigen. „Körperliche Einschränkungen sind nicht unnormal, sie können jeden treffen. Mit der Hilfe anderer Menschen, und sei es nur als Guide zum Laufen, können sie in irgendeiner Weise zur Normalität werden.“

Hunde sind mögliche Gefahrenquellen

Um aber speziell für blinde Menschen eine Hilfe sein zu können, hat sie vor einigen Jahren einen Kursus an einem Schweizer Institut absolviert. In den vergangenen Jahren hat Verena Wegener viel darüber gelernt, was es bedeutet, für eine andere Person verantwortlich zu sein. So gehört zur sogenannten Tandem-Begleitung beispielsweise, dass sie stets die Bodenqualitäten im Blick behält, Lisa Heinbockel mögliche Gefahrenquellen rechtzeitig per Kommando ansagt. „Im Kurpark sind es manchmal Hunde, die ich beobachten muss“, sagt Wegener. Besonders vorsichtig sei sie nach einem Sturm. „Wir laufen auch im Herbst und Winter, wenn es dunkel ist. Dann habe ich eine Stirnlampe auf.“

Ende des Jahres hat sie ihre Aus- und Weiterbildung zur Lauftherapeutin beendet, dafür muss Verena Wegener aber bis September noch eine Hausarbeit schreiben. Da ihr das Thema freigestellt ist, hat sie sich für das Laufen mit Sehbehinderung entschieden. Dazu sucht sie zwei Protagonisten (siehe Infobox). Sie hofft, dass mehr Menschen den Weg wählen, den sie in den vergangenen Jahren verfolgt hat. „Es muss mehr Laufbegleitungen geben, man kann anderen so die Angst nehmen.“

Projekt

Teilnehmer gesucht

Eine sehende Person und eine, die über Einschränkungen verfügt, sucht Verena Wegener für ihre Hausarbeit. Sie erwartet ein dreimonatiges Laufprogramm, das bei Null startet. Deshalb sollten die beiden Teilnehmer untrainiert sein. Das Projekt soll im Mai starten. Wer Interesse hat, erreicht die angehende Lauftherapeutin per E-Mail an verena.wegener@t-online.de oder telefonisch unter (04133) 3531.

Von Anna Paarmann