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Unter dem Blick des Richters melkt Ida Krüwel per Hand ein paar Tropfen Milch in eine Schale. Dann fügt sie eine Indikatorflüssigkeit hinzu und kann erkennen, ob es Probleme mit der Eutergesundheit gibt. Der Milchzelltest ist eine von drei Disziplinen beim Bundesmelkwettbewerb. (Foto: t&w)

Der Melkwettkampf

Echem. Montagabend, kurz nach sechs, Ida Krüwel steht vor dem Kuhstall des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) in Echem und zieht si ch die pinke Wollmütze in die Stirn. Die 19-Jährige ist angespannt, nur noch wenige Minuten, dann beginnt ihr Einsatz im Melkstand. Sie seufzt, geht drei Schritte nach links, vier nach rechts, läuft zur Bank, die vor dem Eingang steht, und setzt sich. Dann öffnet sich die Stalltür. „Ida Krüwel?“ Sie springt auf, rückt im Gehen ein letztes Mal die Mütze zurecht und verschwindet im Stallgang. Das Wettmelken kann beginnen.

Läuft alles perfekt für die angehende Landwirtin aus Hasbergen bei Osnabrück, könnte sie heute Abend in Echem zu Deutschlands bester Melkerin gekürt werden und eine Reise in die Kuhställe der USA gewinnen. Doch die Konkurrenz ist stark, 35 weitere Teilnehmer im Alter von 16 bis 25 Jahren kämpfen beim 35. Bundeswettbewerb Melken um den Sieg. Alle zwei Jahre veranstaltet die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) den Wettbewerb in einem der landwirtschaftlichen Bildungszentren. Das Ziel der DLG: „Wir möchten gerade im Nachwuchsbereich das Handwerk des Melkens und die Arbeit rund um die Kühe fördern“, sagt Projektleiterin Nicola Vohralik. Dabei beweisen die Teilnehmer ihr Können in drei Disziplinen: „Theorie“, „Milchzelltest“ und „praktische Melkarbeit“.

Bis zu 20 Punkte für Eutergesundheits-Prüfung

Ida Krüwel stapft in Gummistiefeln durch den Kuhstall. Bevor sie in den Melkstand muss, erwarten sie am Hinterteil einer der Kühe bereits zwei Richter und eine Richterin zum Milchzelltest. Maximal 20 Punkte kann sie holen, wenn sie bei der Prüfung der Eutergesundheit alles richtig macht. Dafür muss sie aus jeder Zitze per Hand ein paar Tropfen Milch in je eine Testschale melken, eine Indikatorflüssigkeit hinzufügen und aus der Konsistenz des Milchgemischs die richtigen Schlüsse ziehen. Die 19-Jährige wirkt zuversichtlich. Zumindest kurz.

Vorsichtig streicht sie der Kuh über das Hinterbein, geht in die Hocke und berührt mit der Hand die erste Zitze – zum Ärger der Schwarzbunten. Die hebt das Bein, um nach ihr zu treten. Ida Krüwel weicht aus, streicht der Kuh erneut über das Bein und setzt nochmal an, doch wieder kommt ihr die Klaue bedrohlich nahe. Nun springt ihr einer der Richter zur Seite und hebt den Schwanz der Kuh, eine Art Tret-Bremse. Dieses Mal klappt es. Ida Krüwel melkt aus jeder Zitze eine kleine Menge in je eine Testschale, fügt die Flüssigkeit hinzu, schwenkt die Schale hin und her. Ihr Urteil: „Zwei mal schwach positiv.“ Das gleiche wiederholt sie bei einer zweiten Kuh, dieses Mal sagt sie: „Zwei mal stark positiv.“ Ob sie richtig liegt, erfährt sie noch nicht. Ihr Gefühl sei so lala, sagt sie. Ähnlich wie bei dem schriftlichen Test am Vormittag. „Der war echt knifflig.“

Zufrieden mit eigener Leistung

Anders als viele ihrer Mitbewerber stammt Ida Krüwel nicht aus der Landwirtschaft, die erste Kuh hat sie erst in der Lehre gemolken. Dass sie es trotzdem bis in den Bundesmelkwettbewerb geschafft hat, schreibt sie ihrer guten Ausbildung zu. „Da ging es gerade beim Melken nicht allein um Schnelligkeit, sondern vor allem um Sorgfalt.“ Und auf die kommt es nun auch im Wettkampf an. Wie wirkt der Melker? Wie setzt er das Melkzeug an? Wie spricht er die Kuh an? Nur einige der Kriterien, um die es im Melkstand geht. Den dürfen allerdings nur die Teilnehmer, die Jury und die Projektleitung betreten. Für die Öffentlichkeit ist das Wettmelken tabu. „Gleiche Bedingungen für alle“, betont die Projektleiterin.

Ida Krüwel melkt eine gute halbe Stunde, insgesamt zwölf Kühe. Als sie zurückkommt, lächelt sie. „Eine flüssige Runde“, sagt sie, „ich bin super zufrieden.“ Ob das reicht für einen Platz auf dem Siegertreppchen? Darüber macht sich die 19-Jährige vorerst keine Gedanken. Sie nimmt es sportlich, ihr Motto: „Dabei sein ist alles!“

Von Anna Sprockhoff