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Siegfried Ahrens (r.) schneidet mit der Kreissäge eine Holzleiste in Stücke. Die angehenden Maurer Pascal Röber (l.) und Phillip Vollert messen den Lärm, den das Gerät erzeugt. (Foto: phs)
Siegfried Ahrens (r.) schneidet mit der Kreissäge eine Holzleiste in Stücke. Die angehenden Maurer Pascal Röber (l.) und Phillip Vollert messen den Lärm, den das Gerät erzeugt. (Foto: phs)

Geräuschkulisse birgt Gefahren

Lüneburg. Lärm kann schwerwiegende Folgen haben. Zum Beispiel im Job: Seit 20 Jahren zählt die Schwerhörigkeit zu den häufigsten anerkannten Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft. Jörn Jorczyk glaubt, dass das auch daran liegt, dass die meisten jungen Menschen Lautstärke schwer einschätzen können und sich der Gefahren von Lärm nicht bewusst sind. „Sie haben Vorstellungen von Massen, Volumen und Längen, aber nicht von Dezibel.“ Jorczyk arbeitet bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, seine Aufgabe ist es, möglichst zu verhindern, dass Lärm die Bauarbeiter krank macht. Mit seinen Kollegen hat er im Lüneburger Technologiezentrum rund 100 Lehrlinge aus der Region anlässlich des Tags gegen Lärm über das Risiko eines Hörschadens informiert.

Wie laut eine Kreissäge kreischt, ist Jonas Fist erst bei einem Versuch klar geworden. „Wir standen fast 15 Meter entfernt, erst da hätten wir keinen Gehörschutz mehr tragen müssen“, sagt der 18-Jährige, der eine Maurerlehre macht. Auch die Übungen mit dem Messgerät, das anzeigt, wie laut etwas tatsächlich ist, haben den Lüneburger beeindruckt. „Das merkt man so auf der Baustelle ja gar nicht.“ Alltägliche Situationen, in denen auch er seine Ohrstöpsel nicht aus der Tasche holt, kennt Fist nur zu gut. Als Beispiel nennt er das Loch in der Wand, das zu Hause mal eben gebohrt wird, um etwas anzubringen. „Ich werde da jetzt auf jeden Fall drauf achten“, sagt der Azubi: „Denn wenn das Gehör erstmal beeinträchtigt ist, lässt sich das nicht so einfach reparieren.“

Lärm hat vielfältige Folgen

Wie lange sie sich am Tag in gewissen Schallpegeln aufhalten dürfen, ohne Schaden zu nehmen, hat Jorczyk den angehenden Maurern, Zimmerern, Malern, Lackierern und Auszubildenden aus dem Hochbau anhand verschiedener Grafiken erklärt. So könnte jemand beispielsweise vier Stunden lang an einer stark befahrenen Kreuzung stehen, aber nur 15 Minuten dem Lärm einer Baukreissäge ausgesetzt sein. „Den Rest des Tages braucht das Gehör zur Regeneration“, sagt der Fachmann.

Die Zahlen sprechen für sich: Allein im Jahr 2016 musste die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft 17,5 Millionen Euro für Angestellte aus der Branche aufbringen, die schon Hörschäden davongetragen haben. Dabei hat Lärm nicht nur Auswirkungen auf die Funktion der Ohren, er kann genauso zu Stress und zunehmenden Leistungs- und Konzentrationsstörungen führen, gar das Herzinfarktrisiko erhöhen. Die Berufsgenossenschaft geht davon aus, dass viele der heutigen jungen Menschen ab ihrem 50. Lebensjahr ein Hörgerät benötigen werden.

Schäden durch ständiges Musikhören über Kopfhörer

Abhilfe schaffen kann ein Gehörschutz. Doch nicht jedes Gestell oder jedes Stöpsel-Paar erfüllt auch seinen Zweck. Jorczyk sagt, dass ein Exemplar aus dem Baumarkt für kleines Geld gerade einmal eine Schalldämmung von etwa 19 Dezibel habe. Ein vernünftiger Gehörschutz dagegen könne 35 Dezibel dämpfen. „Das elementare Wissen darüber fehlt, das ist ein generelles Prob­lem in der Gesellschaft.“

Das sieht auch sein Kollege Siegfried Ahrens so, der Maurermeister und Bautechniker schult seit vielen Jahren Auszubildende. „Viele gehen schon mit einer schlechten Hörkurve in den Beruf.“ Ein Problem neben dem beruflichen Lärm sei auch der im privaten Bereich. „Heutzutage ist man vom Kindesalter an daran gewöhnt, ständig Musik zu hören, permanent Geräusche auf dem Ohr zu haben.“ Besonders die Übertragung über Kopfhörer sei eine direkte Schalleinwirkung, bei der die Faustregel gelte: Je hochwertiger die Hörkapsel, desto effektiver und schädigender die Geräusche der Musik.

Hintergrund

Wie laut ist Lärm?

Als Lärm wird jeder Schall bezeichnet, der zu einer Beeinträchtigung des Hörvermögens führen kann. Geräusche ab 65 dB(A) lösen Reaktionen wie Durchblutungsstörungen oder Veränderungen der Pulsfrequenz aus, ab 80 dB(A) kann es zu Hörminderungen kommen. Doch was ist eigentlich wie laut?

  • 30 dB(A) entspricht Flüstern
  • 40 dB(A): leise Radiomusik
  • 70 dB(A): Lärm eines Autos
  • 80 bis 85 dB(A): starker Straßenverkehr
  • 100 bis 105 dB(A): Baukreissäge
  • bis 110 dB(A): Disco-Musik
  • ca. 130 dB(A): Flugzeugstart

Von Anna Paarmann