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Die Ilmenau ist ein Aushängeschild für die Lüneburger Heide. Doch das Idyll trügt. Der Fluss ist in keinem guten Zustand. (Foto: t&w)
Die Ilmenau ist ein Aushängeschild für die Lüneburger Heide. Doch das Idyll trügt. Der Fluss ist in keinem guten Zustand. (Foto: t&w)

Lüneburgs Flüssen geht es schlecht

Lüneburg. Die Ilmenau – „zauberhafter Fluss in der Heide, Lebensraum zahlreicher seltener Tier- und Pflanzenarten“, heißt es zum Beispiel auf der Internetseite der Lüneburger Heide GmbH. „Das Landschaftsbild der Ilmenauniederung ist traumhaft abwechslungsreich. Der idyllische Heidefluss ist ein weitgehend naturnahes Fließgewässer mit zahlreichen Seitenbächen. Er ist das mit Abstand größte und wichtigste Gewässer in der Lüneburger Heide.“ In der Tat: Für die Region ist die Ilmenau ein Aushängeschild. Doch das Idyll trügt. Der Fluss ist ökologisch in einem schlechten Zustand – so wie die meisten Flüsse und Bäche in Deutschland.

Monitoring zeigt nur mäßige bis schlechte Ergebnisse

Zwar fordert die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, dass die Fließgewässer bis spätestens 2027 einen guten ökologischen Zustand, beziehungsweise bei erheblich veränderten Gewässern, ein gutes ökologisches Potenzial erreichen müssen. Doch der Weg bis dahin ist noch lang. Denn trotz der gesetzlichen Vorgaben sind nur 6,6 Prozent der bewerteten Fließgewässerabschnitte nach EU-Kriterien ökologisch in gutem Zustand. Gerade einmal 0,1 Prozent sind in sehr gutem Zustand. „Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist ein echtes Problem“, warnt Nabu-Kreisvorsitzender Thomas Mitschke.

Der Lüneburger Naturschützer sorgt sich vor allem um die heimischen Fließgewässer. Denn auch der Ilmenau und ihren Zubringerbächen geht es nicht gut. Das belegt unter anderem ein regelmäßiges Monitoring des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Dabei werden Fische, Wasserpflanzen, Algen und aquatische Kleinlebewesen wie Insektenlarven, Krebstiere, Schnecken oder Muscheln als biologische Qualitätskomponenten untersucht und bewertet. „Jede dieser Qualitätskomponenten zeigt Belastungsschwerpunkte in einem Gewässer auf“, sagt Achim Stolz, Pressesprecher des NLWKN.

„Wir sollten uns alle mal fragen: Was für eine Welt hinterlassen wir der nachfolgenden Generation?“ Thomas Mitschke, NABU-Vorsitzender

„Während die Fische die Situation der ökologischen Durchgängigkeit, der Wasserführung und der Substratverhältnisse aufzeigen, sind die Wasserpflanzen zusätzlich Indikatoren für Nährstoffbelastungen“, erklärt Stolz und warnt: „Auf der Grundlage der vorliegenden Bewertungsergebnisse lässt sich für die Fließgewässer im Landkreis Lüneburg feststellen, dass diese sich überwiegend in einem mäßigen Zustand beziehungsweise Potenzial befinden. Kein Gewässer erreicht das Ziel.“ Ein nur unbefriedigendes Potenzial wiesen zum Beispiel auch Sauerbach, St. Vitusbach und Mausetalbach auf. Im Oberlauf der Neetze mit ihren Nebengewässern könne ein nur schlechtes Potenzial nachgewiesen werden.

Als Belastungsschwerpunkte der Fließgewässer im Landkreis Lüneburg, ebenso wie überall in Niedersachsen, nennt Stolz „die fehlende ökologische Durchgängigkeit sowie Gewässerausbau und Begradigungen“. Zahlreiche Wehre und Abstürze behinderten zudem immer noch die Wanderung der Fische und Kleinlebewesen im Gewässer. „Sandeinträge, Treibsand, fehlende Kiesbänke und Totholz tragen dazu bei, dass die typischen Arten weniger Lebensraum finden und sich oft nicht fortpflanzen können. Darüberhinaus beeinflussen auch Nährstoffeinträge aus dem Umfeld die aquatische Lebensgemeinschaft“, sagt Stolz.

Thomas Mitschke vom NABU nennt weitere Probleme: „Verbrennungsprozesse, sei es im heimischen Kamin oder in industriellen Verbrennungsanlagen, Gülle und Klärwerke sorgen für eine Eutrophierung – also eine übermäßige Nährstoffanreicherung in der Landschaft und auch in den Gewässern.“ Weiterhin verhinderten Querbauwerke wie Wehre, dass Geschiebe, also Sand und Schlamm, abtransportiert werden können. „Sandfänge fehlen, die Fischpopulation ist zu schwach, Fischtreppen funktionieren nicht, Fischaufstiege an Wehren und Schleusen sind untauglich“, setzt Mitschke die Liste der Probleme fort.

Geld, Personal und guter Wille fehlen

Zwar gehöre die Ilmenau zum Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH-Gebiet) und habe somit „den höchsten Schutzstatus, den es gibt“ – doch nützen tue das alles nichts, „da wir schon lange nicht mehr umsetzen, was der Gesetzgeber fordert“, sagt Mitschke. In seinen Augen ist Naturschutz heute „nichts weiter mehr als ein einziger Papiertiger“. Der Naturschützer kritisiert: „Keiner setzt es um, keiner klagt es an – das ist ein Drama. Und das wirkt sich auf die Tier- und Pflanzenwelt aus.“ Was fehle, seien Geld, Personal und guter Wille.

Mitschkes Wunsch: „Denkmal- und Naturschutz, Schifffahrtsinteressen, Angelsport, Sportboote und Kanu – Leute aus all diesen Bereichen müssten sich mal an einen runden Tisch setzen, um zu überlegen, wie man die Ilmenau gemeinsam schützen kann.“ Doch dazu bräuchte es auch die Unterstützung der Politik. Die aber habe in den vergangenen Jahren gefehlt, sagt Mitschke.

Beratungen für Landwirte

Auch Achim Stolz vom NLWKN weiß: „Wir stehen nicht positiv da. Da ist noch einiges zutun.“ Verschiedene Maßnahmen sollen daher den Fließgewässern wieder etwas Gutes tun. Zum Beispiel Maßnahmen zur Fließgewässerentwicklung, Renaturierungsmaßnahmen oder zum Beispiel auch Beratungen für Landwirte. „Die werden vom Land gefördert und sollen im Hinblick auf die neue Düngemittelverordnung des Landes Landwirten Anregungen geben für eine gewässerschonende Bewirtschaftung der Felder.“

Trotz des schlechten Zustandes von Ilmenau und Co. nennt Stolz auch positive Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – und zwar im Hinblick auf die Saprobie, einem Maß, das die Belastung der Fließgewässer mit organischen, biologisch abbaubaren Stoffen anzeigt. „Da ungeklärte Abwässer nicht mehr in die Bäche und Flüsse eingeleitet werden, ist die saprobielle Belastung in den meisten Gewässern gering. Daher wird die Saprobie überwiegend mit gut bewertet.“ Für Mitschke nicht genug. „Wir sollten uns alle fragen: Was für eine Welt hinterlassen wir der nachfolgenden Generation?“

Von Patricia Luft

One comment

  1. Die maßgebliche Politik nimmt seit geraumer Zeit eine einzige Art als Indikator für den Zustand der Natur. Diese Art ist vermehrungsfreudig, allgemein bekannt, fotogen, in manchen Augen sogar charismatisch, und äußerst anpassungsfähig und daher anspruchslos hinsichtlich geigneter Habitate. Eine Maisacker und Jauchebach – Landschaft im Landkreis passt da auch.
    Warum dieses Vorgehen? Es erspart den Verantwortlichen, ernsthafte und aufwendige Bemühungen zu einem umfassenden Naturschutz inkl. Gewässerschutz zu ergreifen, entsprechende Investitionen anzustoßen und industrieller Landwirtschaft, trendigen Sportsfreunden oder sonstigen Naturignoranten weh zu tun.