Mittwoch , 26. September 2018
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Barbara Otte-Kinast war Ehrengast beim Finale des Bundesmelkwettbewerbs in Echem. Doch der Tag war überschattet von der persönlichen Drohung einer Tierrechtsorganisation. (Foto: t&w)
Barbara Otte-Kinast war Ehrengast beim Finale des Bundesmelkwettbewerbs in Echem. Doch der Tag war überschattet von der persönlichen Drohung einer Tierrechtsorganisation. (Foto: t&w)

„Ich lass mich nicht verbiegen“

Echem. Die Ministerin kommt zu spät. Um halb sieben sollte das Finale des 35. Bundeswettbewerbs Melken in Echem beginnen, bis viertel vor sieben sitzt sie vor der Tür im Auto und telefoniert, dann eilt Barbara Otte-Kinast mit wehendem pinken Tuch um den Hals ins vollbesetzte Schützenhaus. Sie sieht erschöpft aus, aber sie lächelt, schüttelt die ersten Hände, umarmt alte Bekannte. Als Vorsitzende des niedersächsischen Landfrauenverbandes war sie schon oft in der Region. Als Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ist es ihr Antrittsbesuch im Landkreis Lüneburg – und gleichzeitig der Abschluss eines der härtesten Tage der vergangenen fünf Monate.

Tierrechtsorganisation droht mit Stalleinbruch

Ende November ist die 54 Jahre alte Milchbäuerin aus Bad Münder vereidigt worden, löste als Christdemokratin den Grünen Christian Meyer ab. Der hatte zu Beginn seiner Amtszeit vor allem als „Bauernschreck“ für Schlagzeilen gesorgt, war bis zum Schluss bei etlichen Landwirten als Hardliner in Sachen Tier- und Umweltschutz verschrien. Otte-Kinast hingegen gilt als Lobbyistin der Bauern, die „taz“ bezeichnete sie gar als „langen Arm der konventionellen Landwirte“. Auch sie hat in den ersten fünf Monaten mit der Streichung der Weideprämie oder ihren Plänen zum Tierschutzplan bereits für Schlagzeilen gesorgt, die letzte liegt nur wenige Stunden zurück: „Tierrechtsorganisation Peta droht Otte-Kinast öffentlich.“

Es ist der bisher persönlichste Angriff in ihrer Zeit als Ministerin. Nachdem sie gefordert hatte, radikalen Tierrechtsorganisationen im Zweifelsfall die Gemeinnützigkeit aberkennen zu wollen, soll Peta sie aufgefordert haben, den Experten der Organisation 24 Stunden täglich Einlass in ihre Ställe zu gewähren. Anderenfalls werde die Organisation nicht umhin kommen, selbst Ermittlungen vorzunehmen. So berichtet es „agrarheute“. Und so bestätigt es die Ministerin in Echem.

Staatsschutz eingeschaltet

Otte-Kinast spricht auf LZ-Nachfrage offen über das Thema, auch über ihre Betroffenheit und die Angst, die sie hatte, als sie am Vorabend von der Drohung erfahren habe. Inzwischen sei der Staatsschutz eingeschaltet, ihr Hof werde überwacht, trotzig sagt sie: „Ich lass mich nicht verbiegen.“ Und sie lässt sich nichts anmerken. In ihrem Grußwort zur Kür der besten Melker Deutschlands verliert sie kein Wort zu dem Vorfall, stattdessen erzählt sie, dass auch ihre Tochter schon mal den niedersächsischen Landesmelkwettbewerb gewonnen habe, und gibt den Zuhörern mit auf den Weg: „Der Umgang mit Kühen ist nicht nur ein Beruf, sondern vielfach auch eine Berufung.“

Hinter der Ministerin liegen in diesem Moment gut zehn Stunden Arbeit. Erst die „Morgenlage“ in ihrem Ministerinnenbüro in Hannover, dann ein Gespräch mit Vertreterinnen des Arbeitskreises AgrarManagerin, dann die Fahrt nach Bruchhausen-Vilsen, um dort die Spargelsaison 2018 zu eröffnen. Echem ist ihr letzter Termin für diesen Tag, eine Art Heimspiel.

Viele Bekannte aus den Reihen der Landfrauen

Als milchviehhaltende Ministerin muss sie hier nicht viel fürchten, keine kritischen Fragen oder Vorwürfe, sie weiß, was gemeint ist, wenn die Redner von „Side-by-Side“- und „Fischgräten-Milchständen“ sprechen, wenn es um den richtigen Melkgriff und die Zellzahl in der Milch geht. Einige Landfrauen im Saal kennt sie aus ihrer Zeit als Landesvorsitzende noch so gut, dass man sich duzt. Eine Ministerin zum Anfassen.

Fast zwei Stunden hört sie geduldig weiteren Grußworten und den Berichten der Wettbewerbsrichter zu, schüttelt bei der Siegerehrung mehr als 40 Teilnehmern die Hand und lächelt fast drei Dutzend Mal in irgendeine Kamera. Dann geht es nach einem kurzen Essen zurück nach Hause. Am nächsten Morgen wartet die Agrarministerkonferenz in Münster.

Zur Person

Verwurzelt mit der Landwirtschaft

Barbara Otte-Kinast ist 1964 als Tochter eines Landwirts in Ehmen/Wolfsburg geboren und ausgebildete Hauswirtschaftsleiterin. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder, führt gemeinsam mit ihrem Mann in Beber einen Betrieb mit Milchvieh, Ackerbau und Biogas. Seit 2014 war sie zudem Vorsitzende des Landfrauenverbandes, einer Organisation mit 70 000 Mitgliedern. Otte-Kinast saß bisher nicht als Abgeordnete im Landtag, war aber Mitglied für die CDU im Kreistag Hameln-Pyrmont sowie stellvertretende Oberbürgermeisterin (ab 2001).

Von Anna Sprockhoff