Mittwoch , 26. September 2018
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Luca (7) wartet in der Brücke darauf, dass ihn jemand aus der Stellung befreit. Das Spiel soll zu Beginn der Trainingseinheit für eine positive Grundstimmung sorgen. (Foto: t&w)
Luca (7) wartet in der Brücke darauf, dass ihn jemand aus der Stellung befreit. Das Spiel soll zu Beginn der Trainingseinheit für eine positive Grundstimmung sorgen. (Foto: t&w)

Es mangelt an Respekt

Lüneburg. Elias blickt auf seine Turnschuhe, als er erzählt, dass er von anderen Schülern gehänselt wurde. Seine kleinen Hände verschwinden immer wieder in der Tasche seiner grauen Jogginghose, er trägt einen farblich dazu passenden Pullover. „Sie haben mich angespuckt, festgehalten und getreten“, sagt der siebenjährige Erstklässler leise. „Das war nach Schulschluss.“ Neben ihm hockt Claudia Bäsecke, Klassenlehrerin der 1 a. Sie ermutigt ihren Schüler, offen über das zu sprechen, was er erlebt hat. „Was kannst Du tun, wenn so etwas passiert, Elias?“, fragt sie. Er überlegt einen kurzen Moment. Dann zieht er seine Hand ruckartig aus der Hosentasche, streckt sie vor sich aus und ruft „Stopp, hör auf! Ich will das nicht!“. Ein verlegenes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Hinter Elias toben seine Mitschüler durch die Sporthalle, 23 an der Zahl. Sie spielen Brückenticker. Wer vom Fänger erwischt wurde, muss in einer bestimmten Stellung ausharren und warten, bis ein anderes Kind hindurch krabbelt. Dass die Sechs- und Siebenjährigen, die die Grundschule Lüne besuchen, gerade an einem Projekt zur Gewaltprävention teilnehmen, ist vielen gar nicht bewusst. Elias schon. „Das Training erinnert uns daran, dass es gut ist, anderen Kindern zu helfen“, sagt er. Ähnlich fasst es Juna (7) zusammen. Sie ist Klassensprecherin, wurde bereits zum zweiten Mal gewählt. „Yogi will die Kinder stark machen. Wenn er etwas sagt, müssen wir den Mund zumachen und zuhören.“

Auffällig hohe Gewaltbereitschaft

Yogi Christ, ein erfahrener Konfliktcoach, wurde engagiert, um mit den ersten Klassen der Lüneburger Grundschule zu arbeiten. Eine Woche lang durchlaufen die Schüler täglich eine Einheit, die etwa anderthalb Stunden dauert. Es ist das erste Mal, dass Am Domänenhof die Schulanfänger an einem Gewaltpräventionsprojekt teilnehmen.

Der Grund dafür ist ein unerfreulicher. „Uns ist in diesem Jahr die Gewaltbereitschaft der Kinder sehr aufgefallen“, sagt Ursula von Wolff, die stellvertretende Schulleiterin. „Zunehmend kommt es auf dem Schulhof zu Konflikten zwischen Erstklässlern.“ Die Auseinandersetzungen seien nicht nur verbaler, sondern immer häufiger auch körperlicher Natur. Sorgen bereitet von Wolff auch die Respektlosigkeit, die viele Kinder an den Tag legen würden. Ebenso käme es regelmäßig zu Regelverstößen innerhalb der Klassen.

„Die Kinder sollen die Grenzen ihrer Mitschüler kennenlernen“, sagt von Wolff im Hinblick auf die Entscheidung, erstmals Yogi Christ für einen Jahrgang zu engagieren. Der Bedarf, einen besseren Umgang im Schulalltag zu fördern, sei groß. „Schließlich haben wir mit diesen Kindern noch vier Jahre vor uns.“ Auch wünscht sich die Pädagogin mehr Unterstützung von Elternseite. „Oft heißt es, dass Schule das schon regeln wird. So läuft das aber nicht.“ Ziel sei es, mit den Eltern zusammen an den Problemen der Kinder zu arbeiten.

Großmutter, Tiger oder Kung-Fu-Meister?

Christ hat die Schüler aufgeteilt, jeweils zwölf Jungen und Mädchen stehen sich gegenüber. Das Spiel heißt „Gruppen-Sching-Schang-Schong“. Versammelt in einem Kreis, müssen sich die Schüler abstimmen, in welche Rolle sie schlüpfen möchten. Großmutter, Tiger oder Kung-Fu-Meister? Auf Kommando nimmt jede Gruppe eine Position ein, so fletschen die Schüler zum Beispiel wie Raubtiere ihre Zähne, formen ihre Finger zu Krallen.

„Es geht um die Förderung der Sozialkompetenz“, erklärt der 58-jährige Lüneburger, der seit 20 Jahren als Trainer für Gewaltprävention tätig ist. „Emotionale Impulse sollen ausgebaut werden, die Kinder sollen von- und miteinander lernen.“ Durch Spiele, die eine Gruppenbildung erfordern, sollen die Erstklässler lernen, dass sie auch mit jemandem Spaß haben können, den sie eigentlich nicht zu ihren Freunden zählen. „Ein Thema sind auch die Schulhof-Rangeleien, das Rumtoben und Anrempeln“, sagt Christ, der erreichen möchte, dass die Schüler dem jeweils anderen keine Absicht unterstellen. „Spiel und Spaß sind hier der entscheidende Motor. Die Kinder sollen sich freudvoll begegnen, sich unvoreingenommen gegenübertreten.“

Von Anna Paarmann