Donnerstag , 15. November 2018
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„Wer Gewalt gegen seine Partnerin ausübt, hat in der Regel selber Gewalt erfahren“, sagt Albrecht von Bülow. Foto: A/be

„Sicherung ist durchgebrannt“

Lüneburg. Von der Liebe war nichts mehr übrig, als Pascal* seine Freundin würgte. Es gab so viel Streit. Er fühlte sich so gedemütigt. Er wollte, dass es aufhört. Es hätte tödlich enden können, er ließ rechtzeitig von der Frau ab. Die rief die Polizei. Ein Strafverfahren läuft. Jetzt sitzt der Student im Haus der Drogenberatungsstelle an der Heiligengeiststraße. Zwei Dutzend Sitzungen eines Anti-Gewalt-Trainings hat er hinter sich. Der 32-Jährige sagt: „Ich möchte nicht, das sich so etwas wiederholt, deshalb komme ich.“

Selbsthilfegruppe ein erster Schritt

Die Sozialpädagogen Albrecht von Bülow und Sascha Freitag bieten Beratung und Hilfe an, bis zu zehn Männer sitzen einmal die Woche zusammen, um über ihre Erfahrungen zu reden – das Prinzip Selbsthilfegruppe. Pascal sagt: „Ich kann hier reden und zuhören.“ Es sei schon „ein Schritt“ gewesen, seine Geschichte zu erzählen, über seine Ängste zu reden, über das, was schief gelaufen ist, was ihm gefehlt hat.

Von Bülow bietet das Training seit zehn Jahren an, Freitag kam später hinzu. Das Land unterstützt das Angebot jährlich mit 20.000 Euro, die Teilnehmer zahlen je nach Einkommen zwischen fünf und fünfzehn Euro pro Sitzung als eigenen Beitrag dazu. Manche kommen freiwillig, andere haben entsprechende Auflagen der Justiz. Was im Polizeibericht als Meldung unter „häuslicher Gewalt“ jede Woche zu finden ist, daraus wird hier eine Lebensgeschichte.

„Wer Gewalt gegen seine Partnerin ausübt, hat in der Regel selber Gewalt erfahren“, sagt von Bülow. Meistens früh: zu Hause, auf dem Schulhof, in der Clique. Viele schlagen irgendwann auch: „Sie haben nicht gelernt, Konflikte im Gespräch zu lösen.“

„Wir sind zu Spielen gefahren, um uns zu kloppen.“

So geht es auch Pascal. „Mein Vater hat viel gearbeitet, er hat nicht viel geredet, emotional war da wenig.“ Er wächst in einem rauhen Hamburger Stadtteil auf: „Da musst du dich durchkämpfen oder Du bekommst etwas ab.“ Das gilt in der Gruppe der Kumpels, die mit anderen konkurrieren. Das gilt für den Fußball: „Wir sind zu Spielen gefahren, um uns zu kloppen.“

Von Bülow sagt zu Konflikten: „Die Betroffenen denken, sie schnellen hoch von 0 auf 100. Sie merken die Spannung nicht, die sich aufbaut und glauben, nicht anders handeln zu können.“

Es wirkt wie eine Spirale: Alte Erfahrungen wiederholen sich in neuen Situationen. Freitag erklärt, dass es – grob gesagt – drei Ebenen gibt, in denen Erlebtes verarbeitet wird. Eltern ordnen an: „Du machst das jetzt!“; Kinder wollen das nicht, sie fühlen sich hilflos, reagieren trotzig, stampfen beispielsweise mit den Füßen auf; dazu kommt erwachsenes Verhalten, nämlich ein Problem sachlich zu besprechen.

In Stresssituationen bleiben für manchen nur zwei Muster übrig: Ich fühle mich kindlich-hilflos, aber jetzt kann ich elterlich-autoritär reagieren – ich bringe meine Partnerin in die hilflose Lage. Das falle einem Mann leichter, da er seiner Frau in der Regel körperlich überlegen sei.

Mein Körper gibt mir Zeichen

Pascal hat es erlebt und gelebt. Er habe immer gedacht, er explodiere sofort. „Aber stimmt nicht, das habe ich gelernt. Mein Körper gibt mir Zeichen. Meine Stimme wird zittrig, ich stottere.“ Der Druck steigt: „Ich sehe jetzt die Punkte, an denen es sich hochschaukelt.“

In seiner Beziehung fühlt er sich unterlegen und herabgewürdigt. „Ich habe in Hamburg studiert und nebenbei gearbeitet. Ich habe Geld verdient, damit wir mit unserer Tochter leben konnten.“ Seine Freundin sei zu Hause geblieben. Er pendelt aus dem Landkreis an die Elbe, hat auch ein Zimmer dort, weil er an den Wochenenden Schichten schiebt. Seine Freundin wirft ihm vor: „Du bist nie da. Du kümmerst dich nicht um das Kind.“

Pascal hingegen sagt: „Ich habe meine Tochter gewickelt, wir sind zusammen zu Schwimmkursen gegangen. Ich habe immerzu gearbeitet. Meine Freundin hat angerufen, ich würde nichts für die Familie tun. Einmal konnte ich nicht nach Hause kommen, wegen eines Sturmes fuhr kein Zug. Daraus wurde: „Du willst nur nicht.“ Es gibt kein Gespräch mehr, nur noch Vorwürfe, böse Verletzungen. Wenn man sich gut kennt, weiß man, was den anderen trifft. Um im Bild des Sozialarbeiters zu bleiben: Pascal fühlt sich kindlich-hilflos. Und dann reicht es.

Raus aus der Demütigung

Der junge Vater sitzt im Auto, als seine Freundin ihn anruft, wieder Vorwürfe, es geht um Geld. Wieder einmal. Er dreht um: „Sie hat mich frech angelacht und gesagt, was ich hier wolle. Da brannte bei mir die Sicherung durch.“ Er geht auf die Frau los. Nun hat er die Macht, raus aus der Demütigung.

Die Polizei ermittelt. Körperverletzung. Pascal besucht das Anti-Gewalt-Training. Er darf seine Tochter nicht sehen: „Die Kindsmutter will das nicht.“ Ein Wort von bürokratisch-kalter Distanz. Bloß kein Gefühl. Er nimmt es hin, weil er glaubt: „Es ist besser für die Kleine.“ Da bleibt eine Baustelle der Seele.

Pascal glaubt, er werde in kritischen Situationen anders reagieren: „Ich sehe die Signale meines Körpers, ich kann aus einer Situation rausgehen.“ Dann hätte der Kurs ein Ziel erreicht.

*Name geändert

Wer mehr erfahren möchte, wendet sich an die drobs: (04131) 684460 und unter www.drobs-lueneburg.de im Internet.

Von Carlo Eggeling