Donnerstag , 15. November 2018
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Auf dem Zentralfriedhof an der Soltauer Straße gibt es ein Grab für Sternenkinder. Foto: A/Bengsch

Wenn Kinder nicht leben können

Lüneburg. Jacqueline Legeler ist da, wenn Eltern glücklicher nicht sein können. Sie darf einer erschöpften Mutter nach der Geburt ihr Neugeborenes auf die Brust legen. Doch der Beruf einer Hebamme kann auch mit unendlich großem Schmerz besetzt sein. Mit einer Trauer, die die Macht hat, Partnerschaften zu entzweien. Jacqueline Legeler flüstert fast, als sie erzählt, wie wichtig es ist, dass Mütter ihr Kind auch dann auf natürlichem Wege zur Welt bringen, wenn das kleine Herz längst nicht mehr schlägt. „Es geht dabei um den Prozess des Loslassens, darum, dass die Trauer überhaupt beginnen kann.“

Es kommt immer wieder vor, dass Kinder geboren werden, die nicht lebensfähig sind. Auch am Lüneburger Klinikum. Solche Babys werden „Sternenkinder“ genannt. Um betroffenen Eltern in dieser schweren Zeit beizustehen, wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Vier Mal im Jahr setzen sich Psychologen, Pflegekräfte und Seelsorger zusammen, um Maßnahmen zu entwickeln und die Betreuung dieser Eltern stetig zu verbessern.

Eltern brauchen ausreichend Zeit, sich zu verabschieden

Jacqueline Legeler weiß, dass sich in der Vergangenheit viel getan hat. „Um die Eltern zu schützen, hat man ihnen das Kind nach der Geburt früher sofort weggenommen. Mittlerweile hat man gemerkt, dass es ganz wichtig ist, sich zu verabschieden“, sagt sie. Nicht nur für die Partnerschaft sei es essenziell, diesen großen Verlust zu verarbeiten, sondern auch für eine mögliche nächste Schwangerschaft. „Sonst leben werdende Mütter permanent in Angst, können sich nicht entspannen.“

Im Städtischen Klinikum können Eltern sich in einem ruhigen Raum beliebig viel Zeit nehmen, um sich von ihrem Baby zu verabschieden. Zeit, um es in den Armen zu halten und zu trauern. Um greifbare Erinnerungen zu schaffen, kann auch ein Fotograf kommen. Die Klinikseelsorge und Psychologen werden stets hinzugezogen, denn manche Eltern fühlen sich dem zu zweit nicht gewappnet. „Wir versuchen, das gemeinsam aufzufangen.“ Auf Wunsch spricht Seelsorgerin Doris Paland auch eine Segnung.

Therapeutische Begleitung

Auch Karolina Mátl steht Müttern und Vätern in den wohl schwersten Momenten ihres Lebens bei. Die Psychologin beantwortet Fragen, stellt zudem die Möglichkeit der therapeutischen Begleitung in den Raum. Mehr als ein oder zwei Termine können sie und ihre Kollegen jedoch nicht leisten, deshalb gibt Mátl eine Liste mit niedergelassenen Psychotherapeuten weiter.

Jacqueline Legeler weiß, dass viele Eltern große Angst vor dem Anblick ihres Kindes haben, sich im Kopf ein Bild zurechtlegen, das nicht der Realität entspricht und alles andere als schön ist. „Gerade Babys, die am Termin zur Welt kommen, sehen aus wie schlafende, friedliche Neugeborene“, sagt die Hebamme, die hervorhebt, wie wichtig die Einleitung einer herkömmlichen Geburt für die Trauerbewältigung ist. „Die erste Reaktion ist häufig, dass Mütter es beendet haben möchten. Sie wollen, dass ihr Kind rausgeholt wird.“

Die Frage nach dem Warum bleibt

Doris Paland hält vor allem das aktive Arbeiten der Frau bei der Geburt für essenziell. In dieser ohnehin körperlich schmerzhaften Phase könnte Trauer und Wut Raum gegeben werden. „Schließlich hat sie mit dem Kind zusammengelebt, diese Beziehung hört nicht auf einmal auf.“ Im Nachhinein bekäme sie oft die Rückmeldung, dass das ganz schwer, aber gut gewesen sei, da durch zu müssen.

Doch eine Frage bleibt. Die Frage, warum es das Kind nicht geschafft hat, warum es niemals leben wird. „Häufig lässt sich im Nachhinein kein Grund feststellen“, sagt Jacqueline Legeler, die weiß, dass viele Mütter sich schuldig fühlen, manches Paar deshalb eine Obduktion machen lässt. „Es kann tröstlich sein, zu wissen, woran es lag.“

15-köpfiges Team

Tatsächlich ist es so, dass Embryos vor der 24. Schwangerschaftswoche so gut wie keine Überlebenschancen haben. Mögliche Ursachen, warum es ein Kind nicht schafft, können auch die vorzeitige Ablösung der Plazenta oder aber eine Nabelschnurumschlingung sein. Legeler glaubt zudem, dass es so etwas wie einen plötzlichen Kindstod auch innerhalb der Gebärmutter geben kann.

Was Eltern bei der Trauerbewältigung helfen könnte, ist eine der Fragen, mit der sich die Arbeitsgruppe beschäftigt. Das 15-köpfige Team erstellt beispielsweise für Sternenkinder Geburtskarten – auch wenn sich manches Paar erst nach Monaten dazu entscheidet, den Umschlag zu öffnen. Ähnlich ist es mit der Karte, die zum ersten Todestag des Kindes verschickt wird. Auch mit kleinen Engelsfiguren haben die Fachkräfte gute Erfahrungen gemacht: So bleibt ein Erinnerungsstück bei den Eltern, die ihr Kind verloren haben, und eines bei dem Baby, das niemals leben wird.

Die Arbeitsgruppe hat die Angebote für trauernde Mütter und Väter überarbeitet. Auf der Internetseite trauernetz-lueneburg.jimdo.com sind die Institutionen aufgeführt, die in der Trauerbegleitung tätig sind.

Von Anna Paarmann

Abschied

Gedenkfeier

Die Seelsorge des Klinikums lädt für Dienstag, 15. Mai, um 11 Uhr zu einer Gedenkfeier für Sternenkinder auf dem Zentralfriedhof ein. Eltern und Angehörige haben dann im Rahmen einer kleinen Feier die Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Auch Menschen, die vor Jahren ein Kind verloren haben, sind eingeladen. Anmeldungen: (04131) 772577.

In der Grabstätte können seit 2003 Kinder beerdigt werden, die tot zur Welt gebracht wurden und weniger als 500 Gramm wiegen. Vier Mal im Jahr findet auf dem Zentralfriedhof eine Gedenkfeier statt. Anders ist es bei Säuglingen, die schwerer sind und lebendig geboren wurden. Eltern müssen sich dann selbst um die Bestattung kümmern.