Aktuell
Home | Lokales | Und dann kam Peter
Konrad Ruß (l.) und Peter Bramstedt sind ein Paar. Sie haben sich im Seniorenheim kennen und lieben gelernt. Für Konrad Ruß war es ein spätes Outing. Bereut hat er es nicht. (Foto: ape)
Konrad Ruß (l.) und Peter Bramstedt sind ein Paar. Sie haben sich im Seniorenheim kennen und lieben gelernt. Für Konrad Ruß war es ein spätes Outing. Bereut hat er es nicht. (Foto: ape)

Und dann kam Peter

Lüneburg. Als Konrad Ruß ins Altenheim zog, nahm er vier Nägel und hämmerte sie in die Wand: einer für das Hochzeitsfoto, einer für das Bild von seiner Frau, je einer für die Landschaftsaufnahme aus der Heimat und Katze Trolli. 70 Jahre an vier Nägeln, hinter Glas, in Plastik gerahmt. In der Mitte blieb die Wand leer. Ein weißer Fleck für das, was noch kommt. Für Konrad Ruß‘ Wünsche und Hoffnungen, von denen er damals noch gar nicht so genau wusste, wie die überhaupt aussehen. Was sollte schon groß passieren? Ausgerechnet hier, im Altenheim? Jetzt hängt da ein Bild von Peter Bramstedt. Peter ist Konrads neue Liebe.

Konrad Ruß trägt immer noch den gleichen, akkurat gezogenen Seitenscheitel wie damals bei der Hochzeit, hat immer noch diese aufrechte Haltung und den wissenden Blick, der wenig von dem preisgibt, was er gerade denkt. Er ist immer noch der Alte, nur älter, grauer und ein bisschen ehrlicher. Die Tür zum Flur hat er sperrangelweit geöffnet – für den Durchzug an diesem heißen Tag und weil das, was er zu erzählen hat, ohnehin jeder wissen darf: Ja, Konrad Ruß war 33 Jahre lang mit einer Frau verheiratet – hat sie gepflegt, als sie krank wurde und getrauert, als sie starb. Und ja, eigentlich liebt er Männer.

„Tja, was soll man dazu sagen?“ Der 73-Jährige fährt seinen Ledersessel in halbliegende Position zurück. Gewusst habe er das schon mit 12, 13 Jahren – zur falschen Zeit am falschen Ort. Die DDR, das 20. Jahrhundert, das Dorf: „Da konntest Du so etwas nicht sagen.“ Weil sein Vater gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gefallen war, musste seine Mutter ihn und seine fünf Geschwister alleine durch die mageren Nachkriegsjahre bringen. Da hat er ihr das mit den Männern nicht auch noch zumuten wollen, sagt Ruß und zuckt mit den Schultern. Möglicherweise habe er auch einfach Angst gehabt. Angst, ausgegrenzt zu werden – so sehr, dass er sich nicht einmal seinen engsten Freunden anvertraute. Und so entschied sich der junge Mann aus Cottbus, sein Geheimnis in Pflichtbewusstsein zu ertränken, machte zwei Ausbildungen – eine zum Bäcker, eine zum Berufskraftfahrer –, verdiente Geld, fand eine Frau und bezog ein Haus.

Seine Ehefrau hat er auch geliebt

Er machte das Holz, sie die Wäsche – oder umgekehrt. „Wir haben uns eben unterstützt und sehr gut verstanden – in jedem Punkt“, erzählt Ruß und lächelt versonnen, als sein Blick das Foto von der jungen Frau mit den feuerroten Locken streift. „Wir hatten ja auch glückliche Tage, so ist es nicht.“ Die gemeinsamen Feste, die Fahrten nach Büsum… Ruß hat sich mit der Situation arrangiert und seine Frau, flüstert er dann kaum hörbar, „auch geliebt“. Es war eine besondere Liebe, die die beiden miteinander verband – ein Geben und Nehmen, Füreinander-da-sein und gemeinsames Schuften für die zeitgemäße Idee vom glücklichen Leben. Nur Kinder waren ihnen nicht vergönnt.

Schätzungen zufolge sind etwa 800 000 über 65-Jährige in Deutschland homosexuell. Strafrechtliche Verfolgung und gesellschaftliche Diskriminierung hätten jedoch bis in die Gegenwart hinein dazu geführt, dass sich Männer – und Frauen – versteckten, sagt Sigmar Fischer vom Vorstand der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS). Sexuelle Handlungen unter Männern waren in der DDR bis 1968 strafbar, in der Bundesrepublik bis 1969. Es drohten bis zu fünf Jahre Gefängnis. Danach wurde der sogenannte „Schwulenparagraf“ 175 abgeschwächt, vor 24 Jahren schließlich ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Die Urteile aber wurden erst vor kurzem aufgehoben. Sigmar Fischer setzt sich für die Betroffenen ein: „Viele leben nicht mehr. Andere haben die Verurteilung und Verfolgung tief in ihrem Innersten verschlossen und wollen das Ganze vergessen. Andere haben gesagt: Mit diesem Tag im Jahr 2017 ist eine lebenslange Last von mir abgefallen. Endlich bin ich kein verurteilter Straftäter mehr, kein ‚175er‘.“

Seine Frau starb an Krebs

Als Konrad Ruß sein altes Leben an die Wand nagelte, war der weiße Fleck in der Mitte so präsent wie der Schmerz in seinem Innersten. Er hatte gerade seine Frau verloren – sie starb an Krebs –, das gemeinsame Haus in Schleswig-Holstein verkauft, die Katzen ins Tierheim gegeben und alles, was irgendwie in seine neuen 65 Quadratmeter Privatsphäre passte, mit nach Lüneburg gebracht. Dort gefiel es ihm besser als zu Hause – und doch war da dieses Gefühl von Einsamkeit zwischen all den neuen Leuten.

„Du wirst kränker werden, bettlägerig, in den Rollstuhl kommen“, dachte sich Ruß. „Und ehe ich dann sterbe, bin ich vielleicht 80, 85. Das ist ne‘ lange Zeit, diese Wartezeit.“ Seine Stimme wird brüchig. Der Senior zieht ein Papiertuch aus seiner Hosentasche und tupft sich unauffällig die Tränen von der Wange. „Jedenfalls habe ich mich nicht wieder fangen können. Ich wollte einfach nicht mehr leben.“ Zwei Selbstmordversuche. „Und dann kam er.“ Peter.

Es war ein heißer Sommertag vor fast drei Jahren, als eine Schwester zu Ruß aufs Zimmer kam und sagte: „Wir haben da einen, der ist recht allein. Kannst Dich ja mal mit an den Tisch setzen.“ Ruß zögerte nicht lange und gesellte sich zu Peter Bramstedt, der nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt wegen einer chronischen Lungenentzündung noch recht schwach unterwegs war. „Wir haben uns gleich gut verstanden.“ Sie aßen zusammen, plauderten – von nun an jeden Mittag. Eines Tages sagt Peter: „Ich bin eigentlich homosexuell.“ Da sagt Konrad: „Das passt ja gut, das bin ich auch.“

„Was die so tuscheln, interessiert mich nicht. Nach mir die Sintflut.“ Konrad Ruß

Peter Bramstedt ist überwiegend bei seiner Großmutter aufgewachsen. Nach der Schule hielt er sich ein paar Jahre mit Gelegenheitsarbeit über Wasser und eröffnete dann eine Kneipe in der Lüneburger Altstadt. Jeder wusste, dass er nicht auf Frauen stand, die Kneipe lief. „Er hatte einen Freund, mit dem er zusammenlebte“, weiß Ruß. Manchmal ist er etwas neidisch auf Peter Bramstedt und sein frühes Outing. „Aber da kann man ja jetzt nichts mehr machen, nech?“ Trotzdem: Auch Ruß wollte sich nicht länger verstecken. Im Heim galten die beiden bald als das „verlobte Paar“, wegen der Ringe, die sie sich haben fertigen lassen – mit drei funkelnden Steinen für drei gemeinsame Jahre. Ob sich die Anderen für sie freuen? „Vielleicht, vielleicht auch nicht“, antwortet Ruß. „Was die so tuscheln, interessiert mich nicht. Nach mir die Sintflut.“

Ein bisschen schwieriger war da die Sache mit der Familie. „Ich habe meinen Geschwistern einen Brief geschrieben – geschrieben, dass ich jemanden kennengelernt habe und dass ich ihnen sagen wollte, dass ich homosexuell bin.“ Ein halbes Jahr lang herrschte Funkstille. Dann kam ein langer Brief zurück: Ob er das nicht noch einmal „überdenken“ wolle, fragten sie, nach 33 Jahren Ehe. Und überhaupt: der Glaube! Erst vor kurzem haben sie sich wieder zusammengerauft. Das Thema wird seitdem vermieden, Ruß kommt damit klar: „Ich hatte schon gedacht, dass sie mir den Laufpass geben – für immer!“

Viele homosexuelle Senioren flüchteten sich in jungen Jahren in Scheinehen – oder überhaupt in eine Ehe, „weil es der gesellschaftliche Erwartungsdruck so vorsah und sie selbst es für normal hielten“, weiß Sigmar Fischer. „Daher gibt es insbesondere unter den älteren Schwulen viele schwule Väter.“

Neuer Lebensmut mit dem neuen Partner

Die Liebe besiegt alles, heißt es im Volksmund. Konrad Ruß sagt: „Mit Peter hatte ich jemanden, der mich auffing. Er hat mich abgebracht von der Sache mit dem Selbstmord.“ Das Leben hatte ihm einen Wunsch erfüllt, den er sich lange Zeit nicht zu wünschen traute. Ausgerechnet hier, im Altenheim. Peter Bramstedt allerdings machte die kaputte Lunge zunehmend mehr zu schaffen. „Früher, als er noch laufen konnte, sind wir öfter durch die Stadt spaziert oder ins Café an der Ecke. Aber das geht jetzt schon seit über einem Jahr nicht mehr.“ Der Mensch kann von Luft und Liebe leben, auch das sagt man.

Liebe bekommt Peter Bramstedt eine ganze Menge. Nur die Luft… Tag und Nacht ist er über Schläuche an ein Sauerstoffgerät gekettet. Mit dem Rollator und der „Sauerstoffbombe“, wie Ruß das tragbare Gerät nennt, geht es jetzt nur noch hin und wieder vor die Tür auf den Innenhof. „Morgens wecke und begrüße ich ihn, frage, ob er raus will oder nicht.“ Denn bei dem, was Peter will, hilft Konrad. Und wenn Peter Bramstedt will, dass er ihre gemeinsame Geschichte allein erzählt, dann tut Konrad Ruß das – auch, um seinen Partner nicht zu belasten.

Peter Bramstedt, einen halben Kopf kleiner als sein Freund, liegt derweil ein paar Zimmer weiter auf demselben Stock im Bett und schaut Tiersendungen. Ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht, als Ruß schließlich doch für ein Foto mit der „Reporterin“ im Schlepptau an seine Tür klopft. Ruß hilft ihm beim Aufsetzen und platziert sich neben ihm auf der Bettkante. Eine Frage ist dann doch erlaubt: „Herr Bramstedt, was schätzen Sie an ihrem Partner?“ Eine heisere Stimme antwortet: „Ich liebe ihn. Reicht das nicht?“ Noch vor einigen Jahren war für Konrad Ruß die Zukunft nicht mehr als reine Wartezeit. Er hat ziemlich lange gewartet. Jetzt ist er angekommen – bei Peter.

Von Anna Petersen