Aktuell
Home | Lokales | Gellersen | Schwer verletzt, aber streng geschützt
Durch ein Spektiv gelang es Hubert Horn, den Storch zu fotografieren. Eindeutig zu erkennen: der verletzte, bereits schwarz verfärbte linke Fuß.

Schwer verletzt, aber streng geschützt

Kirchgellersen. Der Notruf erreicht Hubert Horn am Abend des 9. April: Ein Landwirt hat bei der Feldarbeit in Kirchgellersen einen schwer verletzten Storch gesichtet. Am nächsten Morgen macht sich der Storchenbetreuer des Nabu mit seiner Frau Gundhild auf die Suche, an einem Feldrand bei Kirchgellersen entdecken sie schließlich den Vogel und beobachten ihn durch ein Spektiv. Er steht auf dem rechten Bein, der linke Fuß hängt nur noch an einigen Sehnen in der Luft, ist bereits schwarz verfärbt. Es ist sein Todesurteil, das weiß Horn aus Erfahrung. Ginge es nach ihm, würde er den Vogel durch einen Schuss vom Profi erlösen lassen. Doch eine streng geschützte Art wie der Storch darf ohne Zustimmung der Behörden nicht getötet werden – auch dann nicht, wenn das Tier schwer verletzt oder krank ist.

Landkreis verweigert Nottötung im August 2014

Doch was passiert mit streng geschützten Arten wie Storch, Wolf oder Biber in einer Notsituation? Lässt man sie leiden, bis die Natur entscheidet? Erlöst man sie? Und wenn ja, wie? Zuletzt sorgte im August 2014 ein solcher Fall für Aufsehen in der Region. Auch damals entdeckte ein Landwirt einen Storch mit gebrochenem Bein. Und auch damals war der Storchenbetreuer Hubert Horn eingeschaltet. Beim Landkreis Lüneburg hatte er um eine Ausnahmegenehmigung für den Abschuss des Vogels gebeten. Doch weil das Tier noch bewegungsfähig war und eine „gewisse Vitalität“ in ihm steckte, verweigerte der Kreis die Nottötung. Nun bat der Bleckeder erneut um eine Ausnahmegenehmigung – und hatte dieses Mal Erfolg.

Doch unter welchen Bedingungen darf ein streng geschütztes Tier getötet werden? Und wer darf schießen? „Dafür gab es bisher keine klare Regelung“, sagt Hubert Horn. „Das hat der Landkreis Lüneburg im Einzelfall entschieden.“ Er hat in den vergangenen 25 Jahren als Storchenbetreuer fünf ähnliche Fälle wie den in Kirchgellersen erlebt, „einmal wurde der Abschuss erlaubt und durchgeführt, zweimal wurde die Nottötung nicht gestattet und zweimal ließ sich der Storch fangen und wurde dann eingeschläfert.“

Einheitliche Vorgaben fehlten bisher. Doch das soll sich nun ändern. Um im Ernstfall schnell entscheiden zu können, erstellt der Landkreis derzeit eine Art Notfallplan. Für den Wolf gibt es den bereits. „Für alle anderen streng geschützten Tiere ist er nahezu fertig“, sagt Jochen Gronholz vom Veterinäramt.

Ärzte-Team darf verletzte Wölfe einschläfern

„Anlass für diesen Plan war ohne Frage der Wolf“, sagt Gronholz. Immer wieder wurden die Tiere in den vergangenen Jahren bei Verkehrsunfällen verletzt. „Da mussten wir regeln, wie mit einem solchen Tier umzugehen ist.“ Für den Ernstfall gibt es nun ein Team aus Amts- und normalen Tierärzten, das zur Verfügung steht und auch berechtigt ist, einen verletzten Wolf einzuschläfern. „Ähnlich soll das dann auch bei Störchen oder auch Bibern ablaufen“, erklärt Gronholz vom Veterinäramt.

Hubert Horn begrüßt den Schritt. „Es ist wichtig, dass wir im Ernstfall schnell reagieren können und eine Abschusserlaubnis bekommen.“ Doch der jüngste Fall zeigt auch: Die Abschussgenehmigung allein erlöst den Storch noch nicht von seinem Leid. Denn nachdem Horn und seine Frau ihn das erste Mal aufgestöbert haben, verschwand er – und tauchte immer nur dann auf, wenn gerade niemand vor Ort war, um ihn abzuschießen. Am Ende meldete sich eine Frau aus Kirchgellersen mit der Nachricht bei Horn, dass ein flugunfähiger Storch in ihrem Garten liegt, beide Flügel von sich gestreckt. „Ein Helfer hat den Vogel dann in die Wildtierstation von Diana Erdmann gebracht“, berichtet Horn. Von dort aus ging es weiter zu einer Tierärztin, die ihn schließlich erlöst hat. 12 Tage waren inzwischen vergangen, seitdem der verletzte Storch das erste Mal gesichtet wurde.

Von Anna Sprockhoff

Der offizielle Ablauf

Notfallplan auch für den Wolf

Was passiert , wenn ein kranker oder verletzter Wolf gefunden wird, hat der Landkreis Lüneburg inzwischen klar geregelt. Gemeldet werden sollte der Fall entweder der Polizei oder der Einsatzleitstelle der Feuerwehr. Die leiten die Information weiter an das Team aus Amtstierärzten und beauftragten Tierärzten. Ein Veterinär fährt dann zu dem verletzten oder kranken Tier und entscheidet über das weitere Vorgehen.

Gegebenenfalls muss der Wolf für weitere Untersuchungen betäubt, vielleicht auch in die Tierarztpraxis gebracht werden. Stellt sich heraus, dass der Wolf so schwer verletzt ist, dass eine langwierige Behandlung notwendig und er nicht nach wenigen Tagen oder Wochen auswilderungsfähig ist, wird er nach Absprache mit den zuständigen Behörden eingeschläfert. Bei einer leicht- bis mittelschweren Verletzung wird der Wolf behandelt und bis zur Auswilderung im Wildpark Lüneburger Heide oder im Wolfcenter Dörverden betreut. Ist der Wolf nur leicht verletzt, wird er wenn nötig behandelt und sofort wieder freigelassen.