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Kathleen Schwerdtner Manez, hier mit Hündin Luna, ist Ökologin und erforscht im Landkreis Harburg, woher die Angst vorm Wolf kommt. Foto: george

Woher die Angst vorm Wolf kommt

Ashausen. Knapp zwei Jahre ist es her, dass in Niedersachsen der erste Wolf seit Rückkehr des geschützten Wildtieres legal geschossen wurde: „Kurti“ wurde er genannt und als „Problemwolf“ bezeichnet. Die Debatte um die Ausbreitung der Wölfe in Niedersachsen hat an Emotionalität seitdem nicht eingebüßt – im Gegenteil. Warum das Tier den Menschen so viel Angst macht, will jetzt eine Wissenschaftlerin aus dem Landkreis Harburg herausfinden.

Kathleen Schwerdtner Máñez ist promovierte Ökologin und forscht seit vielen Jahren zu unterschiedlichen Themen der Mensch-Natur-Beziehung. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Wolf im vergangenen Jahr staunte die 42-Jährige so sehr darüber, mit welchen sachlich falschen Argumenten die Wolfsfreunde und –skeptiker diskutieren, dass sie beschloss, dem Thema in einer Feldforschung auf den Grund zu gehen.

Symbol für intakte Natur oder Gefahr durch Vermehrung

„Kein anderes Tier polarisiert so stark wie der Wolf“, sagt Kathleen Schwerdtner Máñez an ihrem Esstisch in Ashausen. Beide Seiten stünden sich so unversöhnlich gegenüber, dass es sie selbst überrasche. Da werten Naturschützer die Wiederansiedlung des Wildtiers als Symbol für eine intakte Natur und als Sieg des Naturschutzes, da warnen Weidetierhalter vor einer dauerhaften Vermehrung der Population in Höhe der vergangenen Jahre. „Beides ist nicht haltbar“, hält die Wissenschaftlerin dagegen.

2012 wurde das erste Wolfspaar in Niedersachsen nachgewiesen, heute sind es 15 Rudel. Gab es damals 30 Nutztierrisse im ganzen Jahr, waren es zwischen Januar und Mitte März 2018 schon 45. Mit den Zahlen wachsen auch die Ängste. Von betroffenen Weidetierhalten um ihre Existenz, aber auch von Menschen, die noch nie in Kontakt mit einem Wolf gekommen sind und es in ihrem Leben wohl auch niemals kommen werden.

„Mehr Ehrlichkeit, mehr Verständnis für die Ängste und mehr Hilfe für Weidetierhalter.“ – Kathleen Schwerdtner Máñez, Ökologin

Um Ängste und um Argumente ging es voriges Jahr beim Mahnfeuer gegen die unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes im Nachbardorf der Wissenschaftlerin. Mehr als 100 Menschen kamen in Pattensen bei Bier und Bratwurst zum Plausch am Feuer zusammen und tauschten sich über die neuesten Wolfssichtungen in der Umgebung aus. Viele Menschen hätten das Gefühl, nicht mitentscheiden zu können, wer in ihre Heimat gehöre. Dies löse eine „enorme Wut“ aus, sagt die Wissenschaftlerin.

Wurzeln der Furcht sind Jahrhunderte alt

Kulturhistorisch aber liegen die Gründe für die Ängste vor dem Wolf Jahrhunderte zurück, hat sie herausgefunden. Nicht nur das Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ trägt die Angst des Menschen vor dem Wildtier aus dem Wald von Generation zu Generation weiter. Es gibt auch reale Erlebnisse der mitteleuropäischen Geschichte, die die Angst ins Generationengedächtnis gepflanzt haben: etwa die Berichte über Wölfe, die im Dreißigjährigen Krieg in die verlassenen Dörfer kamen und die Leichen der Menschen fraßen.

Ihre Forschung betreibt Kathleen Schwerdtner Máñez aus eigenem Antrieb und Kapital. Finanziert von einer Institution, wäre die Studie zu gefährdet, in eine Ecke gedrängt zu werden, denkt sie. Und weil kein Auftraggeber da ist, der statistisch signifikante Ergebnisse fordert, forscht die 42-Jährige lieber qualitativ statt quantitativ. Statt zu erfahren, wie viele Menschen gegen den Wolf sind, will sie lieber wissen, warum. Sie will so lange auf Podiumsdiskussionen und bei Mahnfeuern zuhören und so lange Leute in den umliegenden Dörfern befragen, bis sie keine neuen Argumente oder Ängste hört. Anschließend wird sie die Ergebnisse in zwei Artikeln zusammenfassen, für deutschsprachige und englischsprachige Zeitschriften.

Doch hat die Wissenschaftlerin auch eine Idee, die unversöhnlichen Wolfslager zu versöhnen? Dr. Kathleen Schwerdtner Máñez ist keine Politikerin. Aber eine Idee hat sie trotzdem: „Mehr Ehrlichkeit, mehr Verständnis für die Ängste und mehr Unterstützung für Weidetierhalter.“ Fühlen sich Schafhalter auf Dauer unzureichend von der Politik unterstützt, werden sie ganz einfach aufgeben, prophezeit Schwerdtner Máñez – für die meisten von ihnen sei die Haltung ohnehin bloß ein Hobby. Und das Horrorszenario der Lüneburger Heide ohne Heidschnucken, das manche Gegner ausmalen, das ist für sie gar nicht so unrealistisch.

Bleibt die Debatte noch auf dem Land, rechnet die Forscherin mittelfristig mit dem Erreichen einer bisher nicht erlangten Eskalationsstufe. „Wird das erste Pferd gerissen, kracht es.“

von Carolin George

4 Kommentare

  1. Statt zu erfahren, wie viele Menschen gegen den Wolf sind, will sie lieber wissen, warum.
    sie sollte sich auch mal schlau machen, warum es menschen gibt, die keine angst vor dem wolf haben. ob hier nicht eher das problem beim menschen ist und nicht beim wolf? die ängstlichen in unserer gesellschaft nehmen langsam aber sicher in ihrer anzahl zu. ,,german angst,, ist das geflügelte wort, was dazu passt, wie die faust aufs auge. das jäger auch schon mal ein pferd erschießen, weil sie es mit wildschweinen verwechseln , soll ja vorkommen. wollen wir da nicht lieber die jäger abschaffen? sie haben schon so manches und so manchen erschossen.

    • Herr Bruns, ich wage mal die Prognose, dass neunzig Prozent der AfD-Wähler auch Wolfsphobiker sind. Haben Sie eine Idee, warum das so ist? Jedes Jahr sterben 1,5 Millionen Menschen an Diabetes, aber kein einziger durch einen Wolf. Warum will man dann dieses extrem scheue Tier erschießen, aber nicht die Vorstandsvorsitzenden der zuckerverarbeitenden Industrie sowie die Hersteller von todbringenden Schokoriegeln, killenden Grillsaucen und lebensverkürzenden Limonaden?

      • eine sehr gute frage, winterkorn will auch niemand erschießen, obwohl er uns alle vergiftet hat. schmunzeln. den wolf will man erschießen, weil er keine steuern zahlt. der hund kann froh sein, dass er einer ist und so mit als einziger dem menschen gleichgestellt ist. er wird nur an die leine gelegt, wie wir menschen. was heißt das für den wolf? er sollte steuern zahlen und zwar direkt an das agrarministerium. frau kinast cdu wartet schon.

  2. Janina Ernst
    zu ihrer prognose, sehe ich ähnlich. angst vor fremdem hört vor menschen nicht auf.