Mittwoch , 19. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | „Dein Bruder ist tot“
Müssen Polizisten eine Todesnachricht überbringen, werden sie von einem Kriseninterventionsteam unterstützt, das die Betreuung der Angehörigen übernimmt. Das hilft, macht die Aufgabe jedoch nicht leichter. (Foto: Polizei)
Müssen Polizisten eine Todesnachricht überbringen, werden sie von einem Kriseninterventionsteam unterstützt, das die Betreuung der Angehörigen übernimmt. Das hilft, macht die Aufgabe jedoch nicht leichter. (Foto: Polizei)

„Dein Bruder ist tot“

Hamburg/Melbeck. Es ist noch früh am Morgen. Ich sollte eigentlich noch im Bett liegen. Stattdessen sitze ich in meinem Büro und lese die ersten E-Mails. Meine Entscheidung, kurzfristig für einen Dienstgruppenleiter einer anderen Dienstgruppe einzuspringen, bereue ich leicht. Als ich gefragt wurde, war ich auch nicht so müde. Ich studiere die Befehle für das Wochenende. Der HSV spielt zu Hause und Fans von Hansa Rostock reisen durch. Es wird also nicht langweilig.

Plötzlich höre ich über Funk die Einsatzmeldung „Person unter S-Bahn im Bahnhof Altona“. Kurz darauf steht ein Kollege der Einsatzzentrale in meinem Büro. Ich habe schon meine Jacke an und die Autoschlüssel in der Hand. Er nickt wortlos. Sein Blick verrät, er weiß, was die Meldung bedeutet.

Es ist kurz nach sieben. 15 Minuten später bin ich vor Ort. Der Bahnsteig ist geräumt, der Zug steht noch am Gleis. Im Schotter liegt ein Mann. Vergeblich versucht der Notarzt, ihn zu reanimieren.

Die Videobilder sind eindeutig. Der Mann torkelt am Bahnsteig und fällt ins Gleis. Er bleibt zunächst liegen. Als sich ein Zug nähert, versucht er noch, sich zu retten. Leider vergeblich. Ich informiere das Landeskriminalamt. Die Sanitäter finden den Ausweis des Opfers. Der Blick darauf lässt mich erstarren. Der Tote ist erst Anfang 20 und wohnt in Hamburg.

Bedenke, auf welcher Seite des Tisches Du sitzt

Da ist er, der Moment von dem ich – selbst Vater – immer hoffte, er würde mir erspart bleiben. Ich muss den Eltern die wohl schlimmste Nachricht überbringen. Es wird still, alle Blicke richten sich auf mich.

Todesnachrichten musste ich schon oft übermitteln. An Eltern noch nie. Meine Gedanken kreisen. Ich erinnere mich an einen Fall aus dem Jahr 2014: Ein 16-Jähriger hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Ich bat damals die Polizei Schleswig-Holstein, die Nachricht zu überbringen. Nach der Benachrichtigung rief mich der Kollege zurück. An seine Worte erinnere ich mich noch heute: „Es war schrecklich. Das mach‘ ich nie wieder.“

Am Unfallort sichern wir Spuren, befragen Zeugen und suchen den Gleisbereich ab. Der Tote ist schon auf dem Weg in die Rechtsmedizin. Die Gleise werden gereinigt.

Es ist neun. Ich eile zum Hauptbahnhof und fordere auf der Fahrt das Kriseninterventionsteam an. Mein Telefon klingelt wieder. Es ist der Gruppenleiter vom Hauptbahnhof. Ich hatte ihn gebeten, einen Freiwilligen zu finden, der mich bei der Benachrichtigung der Angehörigen des jungen Mannes unterstützt. Gern eine Frau, war mein Wunsch. „Maria macht es“, sagt er leise und ruhig. Die Nachricht lässt mich kurzzeitig aufatmen.

Am Hauptbahnhof treffe ich meine Kollegen Maria und Jan. Es ist laut und hektisch. Wir reden über den Unfall. „Dir geht’s nicht gut, oder?“, fragt Jan mich. Ich erschrecke. „Ja“, entgegne ich. „Das kann ich gut verstehen. Aber bedenke bitte, auf welcher Seite des Tisches Du sitzt“, sagt er fast forsch. Die Worte gehen mir durch den Kopf. Das ist es, denke ich. So hart die Worte sind, so wahr sind sie.

„Für die Angehörigen wird die Nachricht alles verändern. Das ist mir bewusst. Ich muss und will es gut machen. So dies überhaupt geht.“ Ronny von Bresinski, Bundespolizist

Genau mit diesem Satz im Kopf kann ich mich der Aufgabe stellen. Egal wie es mir geht. Für mich geht danach das Leben weiter. Für die Angehörigen wird die Nachricht alles verändern. Das ist mir bewusst. Ich muss und will es gut machen. So dies überhaupt geht.

Mein Telefon klingelt. Die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams sind schon im Revier Altona. Es ist halb elf.

Was, wenn er alleine ist? Ich fahre mit Maria nach Altona. Mittlerweile weiß ich, dass der junge Mann mit seinen drei Geschwistern bei seinen Eltern gewohnt hat. Der jüngste Bruder ist 14. Das macht es nicht besser.

Ronny von Bresinski ist 41 Jahre alt und seit 1995 bei der Bundespolizei. Aktuell ist der Melbecker Dienstgruppenleiter bei der Bundespolizeiinspektion Hamburg. Dazu gehören die Reviere Hamburg-Hauptbahnhof, Altona und Harburg. Der Text erschien zuerst in der "Bundespolizei kompakt". (Foto: privat)
Ronny von Bresinski ist 41
Jahre alt und seit 1995 bei der
Bundespolizei. Aktuell ist der
Melbecker Dienstgruppenleiter
bei der Bundespolizeiinspektion
Hamburg. Dazu gehören die
Reviere Hamburg-
Hauptbahnhof, Altona und
Harburg. Der Text erschien
zuerst in der „Bundespolizei
kompakt“. (Foto: privat)

Im Aufenthaltsraum des Reviers warten zwei Frauen des Kriseninterventionsteams auf mich. Ich schalte den kleinen Fernseher aus und schildere den Hergang. Die Frauen hören aufmerksam zu. Wir sprechen darüber, was uns erwarten könnte und legen die Aufgaben fest. Ihre Stimmen klingen freundlich. Sie reden leise und ruhig. Ich übernehme es, die Nachricht zu überbringen, und beantworte Fragen zum Unfallhergang und zum weiteren Verfahren. Das Kriseninterventionsteam übernimmt die anschließende Betreuung. „Was, wenn wir nur auf den jüngsten Sohn der Familie treffen?“, frage ich. „Dann versuchen wir, die Eltern zu erreichen. Klappt das nicht, müssen wir es ihm sagen. Wenn wir vor der Tür stehen, wird er wissen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Wir können ihn damit nicht alleine lassen.“ Ich bin von der Antwort überrascht, es scheint mir abwegig. Wird schon nicht passieren, hoffe ich.

Das Haus der Familie liegt in einem guten Hamburger Viertel. In den Straßen ist wenig Verkehr. Vor den vielen großen Grundstücken stehen Limousinen und Sportwagen. Wir finden das alte rote Backsteinhaus auf Anhieb. Es steht unter großen Laubbäumen am Waldrand. Alles wirkt sehr gepflegt. Das Eingangstor steht offen. Ein großes Schild weist uns auf die Überwachung durch einen Sicherheitsdienst hin. Ich schalte alle Telefone und Funkgeräte aus. Ich will nicht gestört werden.

Es ist niemand zu Hause

Es ist halb zwölf. Wir betreten das Grundstück und gelangen über einen langen Weg zum Haus. Ich atme noch einmal tief durch und drücke den Klingelknopf. Stille. Drinnen brennt Licht. Ich drücke nochmal den Klingelknopf. Wieder bleibt es still. Vielleicht geht der Kelch doch an mir vorbei, denke ich kurz, bevor ich den dritten Versuch wage. Es bleibt still. Nur das Rauschen der Blätter im Wind ist zu hören. Wir gehen um das Haus. Auf der Rückseite stehen wir in einem stilvoll angelegten, riesigen Garten. Durch den Wintergarten ist ein Blick ins Haus möglich. Ich klopfe an die Fenster. Keine Reaktion.

Der Sicherheitsdienst könnte vielleicht helfen. Ich gehe zum Tor und schalte mein Diensthandy wieder an. Der nette Mann will die Nummer des Hausherrn nicht herausgeben. Wir vereinbaren, dass er ihn anruft und ihm meine Nummer gibt. Die Bewohner der Nachbarhäuser sind mittlerweile auf uns aufmerksam geworden. Sie stehen an den Fenstern, schauen zu uns rüber. Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen und warten in unseren Fahrzeugen auf den Rückruf. Dann klingelt mein Telefon. Der Mann vom Sicherheitsdienst. Er konnte den Hausherrn nicht erreichen.

Plötzlich steht ein schlanker Junge in der Einfahrt und schaut in unsere Richtung. Gemeinsam gehen wir zu ihm. „Wohnst Du hier?“, frage ich ihn. „Ja“, antwortet er. „Was ist denn passiert?“ Sein Blick verrät, dass er ahnt, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss. Er erinnert mich an meinen Sohn. „Wo ist Dein Vater?“, frage ich. Er weiß es nicht und kann ihn auch nicht erreichen. Während ich überlege, reißt mich der Satz „Wir müssen Dir etwas sagen, können wir ins Haus gehen?“ aus meinen Gedanken. Ich schaue zu den Damen vom Kriseninterventionsteam, sie nicken mir zu. Auf dem Weg gefriert mir das Blut in den Adern. Ich fühle mich unwohl. Wir betreten das Haus. Über den Flur gelangen wir ins lichtdurchflutete Esszimmer. An den Wänden hängen Kunstwerke. Wir setzen uns an den riesigen Esstisch.

Gleich werde ich eine heile Welt zerstören

Ich zerstöre gleich eine heile Familie, wird mir bewusst. Plötzlich bekomme ich Zweifel. Soll ich es ihm wirklich sagen? Er ist ganz allein. „Kann ich nochmal mit Euch sprechen?“, frage ich meine Begleiterinnen. Wir gehen in einen Nebenraum. Ich schildere ihnen meine Zweifel. „Du musst es tun. Er weiß, dass etwas passiert ist. Wir können ihn jetzt nicht mehr allein lassen. Oder willst Du ihm wortlos gegenüber sitzen? Das geht nicht.“

Wir gehen zurück, ich setze mich wieder. Er sitzt mir gegenüber und schaut mich mit traurigem Blick an. Ich denke an Jans Worte. „Ich muss Dir leider mitteilen, dass Dein Bruder heute Nacht einen Unfall hatte und verstorben ist. Er ist tot“, sage ich deutlich, aber in ruhigem Ton. Es ist raus, denke ich. Der Junge bricht zusammen. Er weint. Es ist schrecklich, ich versuche, meine Emotionen zu kontrollieren. Nach kurzer Zeit versuchen wir, ihn aus seinen Gedanken zu holen und abzulenken. „Wie war Dein Bruder?“ Er mochte seinen Bruder sehr, sie verstanden sich sehr gut.

Sein Handy vibriert. Es ist der Freund seiner Schwester. Er geht ran und bittet ihn, sofort zu kommen. „Was ist los? Was ist los?“, höre ich. „Er muss herkommen. Nicht am Telefon“, bitten wir ihn. „Komm her, es ist was Schlimmes passiert“, spricht er ins Telefon und legt auf. Stille. Wir versuchen, sie zu durchbrechen, aber es ist schwer. Schier unendliche Minuten verstreichen. Die Frauen vom Kriseninterventionsteam nehmen ihn in den Arm und versuchen immer wieder, den Jungen auf andere Gedanken zu bringen. Dazwischen immer wieder Stille. Ich denke an Jans Worte.

Endlich ist der Freund da. Er ist völlig außer Atem und setzt sich zu uns an den Tisch. Er schaut mich an. „Was ist los?“ Auch ihm sage ich, was vorgefallen ist. Ein Fehler. Der kleine Bruder bricht erneut zusammen. Die Frauen vom Kriseninterventionsteam versuchen, ihn zu beruhigen. Es gelingt. Wieder Stille. Wieder wird sie vom Handyklingeln durchbrochen. Es ist der Vater. Er hatte die vielen Anrufe auf seinem Telefon gesehen. „Was ist passiert?“, will er wissen. „Nicht am Telefon, er muss herkommen“, sage ich erneut bestimmt.

Der Moment, als ich dem Vater gegenüber stehe

Kurz darauf fährt ein Auto in die Einfahrt. Ich eile zur Tür und stehe dem Vater gegenüber. Er schaut mich an. Sein Blick durchfährt Mark und Bein und sagt mir: „Du also willst jetzt meine Familie zerstören?“ Ich stelle mich vor und bitte ihn in die Küche. Wir setzen uns. Als ich die Nachricht überbringe, sagt er fast emotionslos: „Das soll ein Scherz sein, oder?“ „Nein“, antworte ich: „Er ist tot.“ Ab da schweigt er. Kein Wort, keine Reaktion, minutenlang. Wir versuchen, ein Gespräch zu beginnen. Vergeblich. Plötzlich fragt er, wie es passiert sei. Ich erzähle es ihm. Dann wieder Stille. Die Frauen vom Kriseninterventionsteam nicken mir zu. Es ist Zeit zu gehen.

Ich hinterlasse meine Visitenkarte. Maria und ich fahren wortlos davon. Am Ende der Straße halte ich an. Wir steigen aus. Ich atme tief ein. Die Sonne scheint. Wir reden. Es ist halb zwei. Ich melde mich wieder auf Funk. „Keine besonderen Vorkommnisse“, heißt es aus der Leitstelle. „Bei der Einsatzbesprechung im Stadion haben wir Dich vorsorglich abgemeldet.“ Danke, denke ich und bringe Maria zum Hauptbahnhof. Am späten Nachmittag sitze ich in der Halbzeitbesprechung im Volksparkstadion. Mein Telefon klingelt. Eine Dame vom Kriseninterventionsteam. „Wir haben die Betreuung vorerst beendet. Du hast das gut gemacht“, sagen sie mir. Ich habe Zweifel und fahre zurück ins Büro. Endlich Feierabend. Nach Hause.

Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, kommen meine Kinder zur Tür gelaufen. Ich nehme alle in den Arm und drücke sie lange und wortlos. „Was ist passiert?“, fragt meine Frau. „Nichts“, sage ich. Ich saß auf der richtigen Seite des Tisches. Mein Leben geht weiter.

Von Ronny von Bresinski

5 Kommentare

  1. hat schon jemand über die lkw-fahrer und lokführer und busfahrer nachgedacht, wo selbstmörder sich vor ihren fahrzeugen werfen? geht mal in eine krebsklinik wo auch palliativmedizin veranstaltet wird. auch feuerwehrleute haben da ihre probleme im staßenverkehr.wer von ihnen wird da am besten vorbereitet und ausgebildet?

    • Sehr bewegender Bericht. Danke dafür und Danke das wir bis jetzt auf der anderen Seite des Tisches gesessen haben ! @ Klaus Bruns .. muss hier alles „ausgeschlachtet“ werden ? Kann man einen Artikel nicht mal „einfach so wirken lassen“ ?! (Bitte keine Antwort … einfach mal so wirken lassen) Danke.

  2. Thomas + Petra

    Hoffentlich bleibt uns so etwas erspart. Unseren vollsten Respekt für Menschen die so einen Job machen müssen

  3. Steffi Michnevics

    Ich habe diesen Bericht mit Tränen in den Augen gelesen, zeigt er doch deutlich dass auch Polizisten und Polizistinnen Menschen mit Gefühlen und Emotionen sind und den Hass den sie so oft erleben nicht verdienen!! Ich selber bin keine Polizistin sondern Krankenschwester, aber ich kann nachvollziehen wie man sich in diesem Moment fühlt !! Familienangehörigen zu sagen dass ein geliebter Mensch gestorben ist, ist glaub ich das schwerste an diesem Beruf !! Lieber Ronny( Ich darf doch du sagen?) ich danke dir für diesen Bericht, den ich in meiner Polizeigruppe auf Facebook teilen werde.

  4. Martin Bpöttcher

    Lapidare Einsatzinfo „Überbringung Todesnachricht“.
    Die sicher fordernste Aufgabe für die PolizistInnen und auch für uns von der Krisenintervention. Respekt für diesen ehrlichen, aus großem Herzen kommenden Bericht, Ronny!