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Matthias Nördemann, Kerstin Harms und Andrea Barckhan (r.) helfen Dr. med. Klaus-Helmut Markwardt bei der Praxisauflösung. (Foto: t&w)
Matthias Nördemann, Kerstin Harms und Andrea Barckhan (r.) helfen Dr. med. Klaus-Helmut Markwardt bei der Praxisauflösung. (Foto: t&w)

Eine Arztpraxis für Masuren

Neetze. „Sauerstoffgerät?“, ruft Dr. Klaus-Helmut Markwardt durch den Praxisraum und zieht eine Metallflasche unter dem Schrank hervor. „Das ist noch super in Schuss!“ Dann greift er zur OP-Lampe über seinem Kopf. „Auch die, noch tipptopp…“ Sein Blick fällt auf den Computer. „Mmhhh.“ Er verschränkt die Arme und schiebt die Unterlippe vor, „das ist schwierig wegen der Patientendaten… Aber der hier!“ Er macht zwei Schritte nach links und greift hinter sich, ohne hinzusehen. Nach 35 Jahren findet der Landarzt den Infusionsständer blind.

1983 eröffnete Markwardt mit seiner Frau Petra in Neetze eine Hausarztpraxis, gleich neben ihrem Wohnhaus auf einem kleinen Hügel am Ortsrand. „Bergdoktor“, sagt der 74-Jährige, „so nannte man mich hier.“ Er habe den Spitznamen gemocht, und die Arbeit als Landarzt geliebt. Nun steht er neben Kerstin Harms, der Vorsitzenden des Vereins „Freunde Masurens“, um Abschied zu nehmen. Denn zwei Jahre nach der Schließung hat sich endlich eine Zukunft für seine Praxis gefunden.

OP-Lampe, Empfangstresen und Schränke, Behandlungsliege, EKG- und Ultraschallgerät, die Stühle im Wartezimmer und der Rollhocker – die gesamte Praxis­einrichtung geht nach Masuren, soll dort einem Arzt in einem neuen Sozialzentrum zur Verfügung gestellt werden. Kerstin Harms hilft beim Packen, sie hat gemeinsam mit Pastor Fryderyk Tegler den Kontakt vermittelt und auch den Transport schon geregelt. „Eine Spedition aus Polen holt alles kostenlos ab und bringt es nach Masuren“, sagt sie.

Als sie von dem Sozialzen­trum in Polen erzählt, von dem geplanten Frauenhaus und dem Obdachlosenheim, lächelt Markwardt. Seit ihm ein Sturz und die Folgen der Schulterverletzung gezwungen haben, im Juni 2016 die Praxis aufzugeben, fehlt ihm die Arbeit. „Da ist es eine schöne Vorstellung, mit meiner Praxis zumindest auf diesem Weg noch Menschen helfen zu können“, sagt er und wischt mit der Hand über den Lederbezug der Behandlungsliege. „Was soll das Zeug hier nur rumstehen und einstauben?“

„Da ist es eine schöne Vorstellung, mit meiner Praxis zumindest auf diesem Weg noch Menschen helfen zu können.“ Dr. Klaus Markwardt, Allgemeinmediziner

Markwardt hat selbst nach einer Verwendung für seine Praxis gesucht. Vergeblich. Erst hatte er auf einen Nachfolger gehofft. „Keine Chance“, sagt er. Dann wollte er verkaufen. „Nichts zu machen.“ Am Ende suchte er nach einer sinnvollen Sache, um die gesamte Praxis zu verschenken. „Doch glauben Sie mal nicht, dass irgendjemand eine Arztpraxis haben will.“

Der Mediziner schrieb an die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. „Eine Antwort habe ich bis heute nicht bekommen.“ Er fragte den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). „Doch auch da kein Interesse.“ Schließlich wandte er sich im Oktober 2017 schriftlich an die Stadt Lüneburg, sein Vorschlag: der Aufbau einer kostenlosen Praxis für Obdachlose. Zwei Wochen später teilte ihm das Büro des Oberbürgermeisters mit, dass seine „Anregungen an das zuständige Dezernat weitergeleitet und dieses um Stellungnahme gebeten“ worden seien. Sobald die vorliegen, sollte er eine Rückmeldung bekommen. „Danach habe ich nie wieder was von denen gehört.“

In Masuren hingegen häufen sich inzwischen die Anfragen nach weiterem Praxisinventar. „Da haben wir mit unserer Suche eine regelrechte Welle losgetreten“, sagt Harms. Rollatoren, Hörgeräte und Rollstühle bringt der Verein schon seit Jahren nach Masuren. Eine ganze Arztpraxis ist eine Premiere. „Aber wie sich jetzt herausgestellt hat, ist offenbar auch dafür der Bedarf groß.“

Markwardt hat sich vorgenommen, selbst bald nach Masuren zu fahren. „Meine Praxis besuchen“, sagt er und grinst. Vorher muss er die allerdings erst einmal abbauen, einpacken und loslassen. In seiner Vorstellung war das ziemlich leicht. „Jetzt blutet einem schon das Herz“, gesteht er.

Von Anna Sprockhoff