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Die Oecotrophologin Tanja Strube ist ziemlich skeptisch, wenn es um Fertigprodukte geht. Zu viel Salz und Zucker, zu wenig Nährstoffe lautet die Kritik. Besser ist es, selber Gerichte vorzukochen und einzufrieren. Dann hat man immer vollwertige und gesunde Nahrung im Vorrat. (Foto: ape)
Die Oecotrophologin Tanja Strube ist ziemlich skeptisch, wenn es um Fertigprodukte geht. Zu viel Salz und Zucker, zu wenig Nährstoffe lautet die Kritik. Besser ist es, selber Gerichte vorzukochen und einzufrieren. Dann hat man immer vollwertige und gesunde Nahrung im Vorrat. (Foto: ape)

„Ständig hinters Licht geführt“

Lüneburg. Heute vor 60 Jahren ging im Maggi-Werk in Singen eine kleine Revolution vom Band: die erste Dose „Ravioli in Tomatensauce“. Im Zuge des Wirtschaftswunders in den 50er-Jahren, als die Deutschen das Reisen in andere Länder für sich entdeckten, begann auch die Liebe für Italien – und die landestypischen Speisen. Das Fernweh sollte bald in den heimischen Speisekammern Einzug halten – damals, als noch überwiegend Selbstgekochtes auf dem Esstisch landete. Damals, als der Kühlschrank noch nicht fester Bestandteil der Kücheneinrichtung war.

Die Ravioli-Konserve, das erste Fertiggericht aus dem Hause Maggi, wurde bald zum allseits geschätzten Klassiker. Die Nachfrage ist ungebrochen: Allein im vergangenen Jahr wurden, nach Angaben des Unternehmens, 29,3 Millionen Dosen produziert, 2016 knapp 28 Millionen. In den Vereinigten Staaten wird die Speise sogar mit einem eigenen Ehrentag bedacht: dem National Ravioli Day.

Die LZ hat den 60. Geburtstag der Dosenravioli zum Anlass genommen, mit der Lüneburger Oecotrophologin Tanja Strube mal über Fertigprodukte zu sprechen – darüber, was drinsteckt und was es mit uns macht.

Die Dose Ravioli im Vorratsraum ist allzeit bereit, einen Engpass zu überwinden. Das soll bei manch einem durchaus öfter vorkommen. Ist das problematisch?

Tanja Strube: Ich würde diese Dosen niemandem empfehlen. Der Inhalt ist einfach nicht nahrhaft, sehr einseitig. Nicht nur, dass da die Nähr- und sättigenden Ballaststoffe fehlen, nein: In so einer Dose stecken meist auch jede Menge Konservierungsstoffe, künstliche Aromen und Geschmacksverstärker, denn genau so wie die Ravioli abgepackt werden, müssen sie ja auch noch in drei Jahren schmecken. Um Speisen zu konservieren wird oftmals Salz und Zucker zugesetzt, sodass diese Produkte teilweise einen deutlich zu hohen Gehalt davon aufweisen. Nicht zu vergessen: die Fette! Und auch, wenn das Bundesinstitut für Risikobewertung und die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde die Beschichtung der Konservendosen als unbedenklich darstellen: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland etwa warnt vor diesen Beschichtungen mit Bisphenol A. Es wirke im menschlichen Körper wie das weibliche Hormon Östrogen, was hormonelle Störungen verursachen kann. Herz- und Kreislauferkrankungen, Sexualstörungen sowie Diabetes, schlimmstenfalls sogar Krebs könnten die Folge sein.

Dann ist die Fertigpizza besser?

Nein. Die muss sich zwar nicht ganz so lange halten, hat aber trotzdem viele der bedenklichen Inhaltsstoffe. Ich würde sagen: Wenn Fertiggerichte, dann bitte in Bio-Qualität, denn da werden zumindest einige Zutaten ausgeschlossen – und die Ökobilanz ist besser. Doch nur, weil Bio auf der Packung steht, heißt es nicht, dass die Pizza gleich ganz toll ist. Paracelsus hat mal gesagt: „Nur die Dosis macht das Gift.“

Was passiert denn beim regelmäßigen Konsum von Fertigprodukten mit dem Körper?

Es können sich Veränderungen in der Verdauung zeigen, die wiederum viele andere Bereiche im Körper beeinflussen, die Haut zum Beispiel. Fette, Salz, Zucker und die ganzen Zusatzstoffe müssen ja auch verstoffwechselt und neutralisiert werden. Übersäuert der Körper, muss er das immer wieder mühsam ausgleichen – sonst beginnt es zu haken. Vielleicht zeigt sich das durch Durchfall, oft merkt man es aber gar nicht unbedingt. Und: Viel Salz kann zu Bluthochdruck führen.

Unreinheiten im Gesicht sollen ja auch die Folge sein, sagt man. Ein Gerücht?

Das kenne ich von süßen und extrem fetten Speisen wie zum Beispiel Fastfood. Künstliche Zusatzstoffe können auch zu Hautreaktionen führen. Das hängt aber davon ab, wie sensibel man in dem Punkt ist. Apropos süß und fett: Bei so einem gemütlichen Sofaabend verschwindet ja nicht selten auch mal eine ganze Tafel Schokolade.

Muss ich mir deshalb jetzt Sorgen machen?

Jein. Wenn es mal vorkommt – an einem stressigen Tag vielleicht –, ist das wohl weniger dramatisch. Bei mir gilt immer: Alle guten Dinge sind drei. Ich esse dann also drei Stücke. Zuckersehnsucht hat ja schon den Charakter einer Abhängigkeit. Wenn ich regelmäßig süß verzehre, ist es irgendwann schwierig, den Konsum zu reglementieren. Ich kenne das auch von mir selbst. Ich mache regelmäßig Zuckerfasten und dabei fällt mir auf, dass mich in disziplinierten Zeiten der Verzicht gar nicht so sehr stört, in einer lockeren Phase dagegen schon. Kleiner Tipp: Schokolade mit hohem Kakaoanteil hat weniger Zucker.

Gibt es überhaupt etwas aus der Konserve, der Plastikhülle oder dem Tiefkühlregal, das ich bedenkenlos zu mir nehmen kann?

Aus dem Tiefkühlregal geht das, was erntefrisch tiefgefroren wurde: Gemüse und Obst. Der Begriff „erntefrisch“ auf der Verpackung ist wichtig, sonst verstecken sich darin wieder irgendwelche Konservierungsstoffe. Nicht falsch verstehen: Ich meine nicht diese tiefgekühlten, verarbeiteten Gemüsegerichte für die Mikrowelle. Was ich selbst für den spontanen Hunger immer zu Hause habe, sind Linsennudeln aus der Tüte. Eine schöne Eiweiß- und Ballaststoffquelle, in maximal fünf Minuten fertiggekocht. Die gibt’s zum Beispiel im Bioladen und in vielen Drogerien.

Und die Tütensuppe im Büro?

Die ist praktisch, aber… … geht gar nicht. Die hat einfach kaum bis gar keinen Nährwert. Und die Frage ist auch: Wie lange sättigt so etwas? Man könnte natürlich in die aufgebrühte Suppe ein bisschen Vollkornreis geben, aber das machen ja die wenigsten. Man stelle sich vor: Pulverisierte Tomaten und Paprika, die in drei Jahren noch schmecken sollen. Ich spreche da von Gaumen- und Verbrauchermanipulation. Wir werden ständig hinters Licht geführt.

Von Chemikern und Technologen, die dafür sorgen, dass den Geschmacksnerven der Eindruck „echter“ Lebensmittel vermittelt wird. Warum ist das bedenklich?

Woher kommt denn der Erdbeergeschmack im Joghurt? Das hat nichts mit einer Erdbeere zu tun, nein: Man kann aus Holzspäne Aromastoffe herstellen, die danach schmecken. Das ist ein Kunstprodukt. Und dazu gehören künstliche Stoffe: Süßstoffe, Aromen, irgendwelche Transfette. Sie sollen dem Verbraucher vortäuschen, etwas „Echtes“ zu essen. Ich habe mal einen Test mit mehreren Personen gemacht: Gekaufter Erdbeerjoghurt gegen frisch Zubereiteten. Welcher wurde lieber gegessen? Richtig. Nicht der selbstgemachte Naturjoghurt mit den Erdbeeren – weil der geschmacklich nicht mehr das erfüllt, was wir erwarten. Der Gaumen wird heute schon früh süß antrainiert: Jemand, der regelmäßig seine Schokocreme frühstückt und viel Cola trinkt, der sagt: „Ist ja eklig. Da brauche ich mehr Zucker im Joghurt.“ Die gute Nachricht ist: Wenn man sich dem Süßwahn einmal komplett entzieht, neutralisiert sich der Geschmack wieder.

Wenn ich es mir nun doch nicht ganz verkneifen kann: Worauf sollte ich beim Kauf von Fertigprodukten achten?

Greifen Sie zu solchen Produkten so selten wie möglich. Wenn es einmal in der Woche passiert, ist es schon wieder zu regelmäßig, besser seltener als einmal im Monat. Und im Idealfall verfährt man dann nach dem Prinzip „Pimp My Fertiggericht“. Das heißt: Kombinieren Sie das Gericht mit etwas Frischem, streuen Sie zum Beispiel Tomaten, Paprika und Rucola auf die Pizza. Und achten Sie darauf, dass keine Geschmacksverstärker auf der Zutatenliste stehen. Ich sage immer: Alles, was auf „it“ und „ose“ endet, ist Zucker: Maltit, Sorbit, Maltose, Fructose… Auch das besser vermeiden. Ohnehin gilt: Je weniger Zutaten auf der Verpackung stehen, desto besser.

Zur Sache

Vorkochen lohnt

  • Fertiggerichte beinhalten oft schon mehr als die empfohlene Tagesmenge an Salz. Auch Transfettsäuren können enthalten sein. Allgemein sollten bevorzugt fettarme, gemüsereiche Varianten von Fertiggerichten mit wenig Fett, Salz und Zucker ausgewählt werden.
  • Frittierte, gebratene und panierte Fertiggerichte nicht so häufig verzehren. Je kleiner die einzelnen Stücke, desto größer ist der Anteil an Panade und damit an Fett, das von der Panade aufgesaugt wird. Beispiele: Chicken-Nuggets und Chicken Wings.
  • Wählen Sie fettärmere Zubereitungsmethoden: Statt in der Pfanne oder Fritteuse sollten die Gerichte im Backofen zubereitet werden. Das spart zusätzliches Fett. Beispiel: Tiefkühl-Pommes, die im Backofen zubereitet werden können.
  • Je mehr ein Produkt einer kompletten Mahlzeit gleicht, desto weniger Einfluss haben Sie auf die Zubereitung. Beispiel: Tiefkühl-Nudelgericht mit Gemüse-Käse-Sahne-Sauce. Greifen Sie daher lieber zu einzelnen Komponenten als zu einem kompletten Fertigmenü.
  • Wenn Sie als Hauptmahlzeit ein Fertiggericht mit einer eher ungünstigen Nährstoffzusammensetzung wählen: Zwischenmahlzeiten mit viel frischem Obst, Gemüse und fettarmen Milchprodukten gestalten.
  • Produzieren Sie eigene Fertiggerichte für den Vorrat. Größere Mengen an Grundrezepten selbst kochen, so lässt sich mit verschiedenen Zutaten viel Abwechslung auf den Tisch bringen: Suppen und Eintöpfe, Gulasch (neutral gewürzt), Geschnetzeltes, Tomatensauce Napoli.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Von Anna Petersen