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2700 Euro hat Ingrid Friedrich für das Therapiegerät berappt - ein Vielfaches von dem, was solche Geräte in Geschäften kosten. Das Gerät wird um den Nacken gelegt, es massiert und wärmt. (Foto: t&w)
2700 Euro hat Ingrid Friedrich für das Therapiegerät berappt - ein Vielfaches von dem, was solche Geräte in Geschäften kosten. Das Gerät wird um den Nacken gelegt, es massiert und wärmt. (Foto: t&w)

Der Schwindel mit der Gratistour

Lüneburg. „Bei dieser Sonderfahrt handelt es sich nicht um eine sogenannte Kaffeefahrt mit leeren Versprechungen. Alle angegebenen Versprechungen und Leistungen sowie die kostenlose Schifffahrt werden garantiert eingehalten und durchgeführt.“ Der Inhalt des Briefes, den die Lüneburgerin Ingrid Friedrich im Briefkasten fand, klang verlockend: Sie wurde zu einer „einmaligen kostenlosen Sonderfahrt mit tollem Rahmenprogramm“ eingeladen. Das Ziel: Bremerhaven mit Hafenrundfahrt und Besuch des Klimahauses. Von all dem hat die 78-Jährige nichts gesehen – und war am Abend 2700 Euro los.

Vor allem Senioren sind Opfer solcher Kaffeefahrten oder Amtsanmaßungen, wenn etwa angebliche Polizisten am Telefon Geld fordern oder Gauner den Enkeltrick anwenden, dafür hat Oberkommissarin Antje Freudenberg von der Lüneburger Polizeiinspektion eine Erklärung: „Das Gehirn ist laut einer NDR-Studie so gestrickt, dass der für das Misstrauen zuständige Bereich im Alter abbaut. Sie vertrauen anderen Leuten eher, sind zudem hilfsbereiter als junge Menschen.“ Auch hätten Senioren häufig Geld beiseite gelegt, das sie dann auch schon mal eher hergeben.

Zu Beginn ein kostenloses Frühstück

„Ich dachte, das könnte Betrug sein“, mutmaßte Ingrid Friedrich, als sie das Schreiben einer Firma namens Kathrin Reisen aus Bremerhaven las: „Aber nach Bremerhaven wollte ich mal. Ich habe extra nur ein kleines Taschengeld mitgenommen. Kaufen wollte ich nichts.“ Die Tour startete an einem Montag um 6.10 Uhr am ZOB neben dem Lüneburger Bahnhof: „Es war ein kleiner Zubringerbus mit Fahrer, einem Mann und einem Pärchen.“ Der Bus steuerte eine Gaststätte im 580-Einwohner-Nest Mulmshorn bei Rotenburg/Wümme an: „Ein Ort, da kannste nicht abhauen.“ Es gab das kostenlose Frühstück: „Kaffee und belegte Brötchen für 25 Leute im Saal.“ Danach die Verkaufsshow. Ein „Herr Lammert“ pries ein Gerät für eine Mehrfach-Reflexzonen-Therapie an, speziell für den Nacken geeignet. Das Gerät nutze eine elektrische, vibrierende und Infrarot-Massagetherapie. „Er sagte, dass er nur drei dieser Geräte habe. Und 3000 Euro pro Gerät sind viel Geld.“ Doch der Apparat habe ihr Interesse geweckt, da sie Rückenprobleme habe. Sie probierte das Gerät, es wurde ihr wohlig-warm.

Ingrid Friedrich muss selbst mit dem Kopf schütteln, wenn sie ihre Geschichte erzählt: „Wie konnte ich mich so beschubsen lassen? Der Mann hat mich überrumpelt, erzählt, dass ich 300 Euro sparen könne, wenn ich bar bezahle, ihm 2700 Euro gebe.“ Da sie aber kaum Geld dabei hatte, gab‘s statt des Mittagessens das Angebot, dass ein Kollege des Verkäufers sie zu ihrer Bank nach Lüneburg fahre: „Herr Lammert sagte, der würde mich dann auch nach Hause bringen.“

Keinen Kaufvertrag unterschrieben

Der Fahrer parkte an der Heiligengeistschule, während sie das Geld abhob. „Wie dumm ich nur war. Der hätte mich ausrauben oder umbringen können.“ Er fuhr sie tatsächlich nach Hause, kassierte das Geld und gab ihr eine Einweisung ins Gerät.

Erst später merkte sie, dass das Gerät keine Nummer hat und kein Hersteller angegeben ist – und dass sie überhaupt keinen Kaufvertrag unterschrieben hat. Sie bekam lediglich ein Schreiben mit einer Handynummer eines angeblichen Servicezen­trums. Dort versuchte sie mehrfach anzurufen. Erst nach Tagen habe sie einen „Herrn Schmidt“ in der Leitung gehabt. Der habe ihr als Hersteller die Firma PSS in Posen genannt. Eine solche Firma gibt es nicht. Wieder einige Tage später gab es auch die Rufnummern von „Servicezentrum“ und Kathrin Reisen nicht mehr. Es dürfte sich um Prepaid-Handys gehandelt haben.

Ingrid Friedrich hat das Gerät ihrem Arzt gezeigt: „Der sagte, dass es mir nicht schaden, aber auch nicht besonders nützen würde – und dass es in Geschäften für rund 87 Euro zu haben sei.“ Sie hat Anzeige erstattet, doch die Polizei konnte nicht ermitteln, wer dahinter steckt – Kathrin Reisen existiert nicht. Friedrich hofft nun, dass das Pärchen, das mit ihr im Bus saß, mehr Infos zum Verkäufer hat.

Neue Masche

Gewinne locken

Teure Autos zu gewinnen. Das ist eine neue Masche, vor der Verbraucherschützerin Sabine Oppen-Schröder warnt. Jetzt sind in der Region Lüneburg Schreiben der „Reservierungszentrale“ in Bremen aufgetaucht. Die persönlich Angeschriebenen hätten entweder einen Mercedes, einen Golf, 1000 Euro Taschengeld, eine Traumreise oder einen von 999 Sachpreisen gewonnen. Der Gewinn müsste persönlich abgeholt werden. Die Gewinner würden mit einem Bus abgeholt und würden an einer „Werkmesse“ teilnehmen. Die Zusage müsste schriftlich erfolgen. Das Schreiben enthält weder einen Ansprechpartner noch eine Telefonnummer, lediglich als Adresse ein Postfach in Bremen.

Hintergrund

So schützen sich Verbraucher

Was kann man tun , wenn man zu Hause feststellt, dass man beim Kauf reingelegt wurde? Sabine Oppen-Schröder von der Verbraucherzentrale Lüneburg kennt solche Fälle und auch den Namen Kathrin Reisen. Sie sagt: „Kaffeefahrten sind Außergeschäftsraumverträge. Daher hat der Kunde, der dabei etwas erworben oder gebucht hat, grundsätzlich ein Widerrufsrecht. Ausnahme: Wenn das vereinbarte Entgelt 40 Euro nicht übersteigt und die Leistung sofort erbracht wird, sind die Regelungen für Außergeschäftsraumverträge nicht anwendbar und es besteht kein Widerrufsrecht.“ Der Verbraucher kann seine Willenserklärung innerhalb von 14 Tagen und, wenn er nicht ordnungsgemäß über das Widerrufsrecht informiert wurde, bis zu einem Jahr und 14 Tage nach Vertragsschluss widerrufen. Wer Zweifel hat, ob sich hinter Einladung oder Gewinnmitteilung eine Kaffeefahrt verbirgt oder den dort geschlossen Vertrag bereut, kann sich in der Verbraucherzen­trale an der Schröderstraße 16 informieren.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die Kontaktangaben des Unternehmens fehlerhaft sind? Oppen-Schröder: „Kaffeefahrten werden als eine nach dem Reisegewerbe anzeigepflichtige Wanderlagerveranstaltung angesehen und unterliegen den Gewerbeaufsichtsbehörden. Öffentliche Ankündigungen, die für Zwecke des Gewerbebetriebs erlassen werden, müssen den Namen oder die Firma und die Anschrift des Gewerbetreibenden enthalten, in dessen Namen die Geschäfte abgeschlossen werden sollen. Vielfach enthalten die Einladungsschreiben zu Kaffeefahrten nur eine Postfach­adresse und keine Anschrift. Die Anbieter wechseln häufig die Firmen oder sitzen im Ausland. Sind sie bekannt, ist eine Anzeige möglich.“

Von Rainer Schubert

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