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In der praktischen Sachkundeprüfung muss Matex zeigen, dass das Gehen an einer stark befahrenen Straße für ihn kein Problem ist. Foto: t&w

Die Lizenz zum Hundehalten

Lüneburg. Mischlingsrüde Matex ist ein Herzensbrecher. Und das geht Svenja Saß an diesem Morgen gehörig auf die Nerven. Kaum 100 Meter kann die 20 Jahre alte Lü neburgerin mit ihm ungestört durch die Innenstadt gehen, dann beginnt wieder jemand bei seinem Anblick zu juchzen – und Matex zieht schwanzwedelnd an der Leine, um seinen Fan zu begrüßen. An anderen Tagen lacht Svenja Saß darüber, doch heute kann sie das so gar nicht gebrauchen. Denn die angehende Tierarzthelferin steckt mitten in ihrer Hundeführerschein-Prüfung. Und ohne die zu bestehen, darf sie Matex nicht halten.

Seit 2013 ist der Führerschein für alle neuen Hundebesitzer in Niedersachsen Pflicht. In einer theoretischen und einer praktischen Prüfung müssen die Halter nachweisen, dass sie im Umgang mit dem Tier sachkundig sind. Festgehalten ist das in einem Gesetz, das nach den tödlichen Beißattacken in Hannover und Hessen nun auch bundesweit wieder hitzig diskutiert wird. Nachdem Hund Chico zwei Menschen in Hannover tötete, ein anderer Rüde in Hessen ein Baby totbiss, verlangen Tierschützer nun eine Prüfung für alle Hundebesitzer – bundesweit.

Doch kann ein Hundeführerschein solche Vorfälle wirklich verhindern? Die Lüneburger Urte Inkmann ist als Tierärztin auf die Verhaltenskunde und -therapie von Hunden spezialisiert und sagt: „Dieser Führerschein kann natürlich keinen 100-Prozent-Schutz geben, doch er ist der erste Schritt in die Sachkunde.“ Und die brauche es gerade im Umgang mit schwierigen Hunden.

Lüneburger Innenstadt ist der perfekte Prüfungsort

Svenja Saß mit Matex und Tierärztin Urte Inkmann (r.). Foto: t&w

„Matti!“ Svenja Saß‘ Stimme ist leise, aber bestimmt. Sofort lässt Matex die frohlockende alte Dame links liegen, läuft zu seinem Frauchen, setzt sich, schaut sie an und gähnt. Urte Inkmann beobachtet die beiden aus ein paar Meter Entfernung und grinst. „Eine Übersprungshandlung“, sagt sie, „der weiß genau, dass er Mist gemacht hat.“ Rund 20 Minuten ist die Tierärztin von der Tierklinik Oerzen mit den beiden schon in der Lüneburger Innenstadt unterwegs, für sie der perfekte Prüfungsort. Wie reagiert der Hund auf Busse, Radfahrer, alte Leute mit Rollatoren oder Kinder mit kreischigen Stimmen? Und wie reagiert der Mensch auf den Hund? „Das alles kann ich hier ganz wunderbar beobachten.“ Ihr Ziel dabei: „Ich will erkennen, ob von Hund und Halter womöglich Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht.“

Meldet sich jemand zur Sachkundeprüfung, ist für Inkmann der wichtigste Schritt gemacht. „Wenn es dann Probleme mit dem Hund gibt, kann man daran arbeiten.“ Problematisch sind für sie vor allem die Menschen, die ihre Hunde erst gar nicht anmelden. „Und die damit auch der automatischen Führerschein-Kontrolle durch die zuständigen Kommunen entgehen.“ Kritisch sieht sie außerdem den Passus im Gesetz, der die Menschen von der Führerscheinpflicht entbinden, die in den letzten zehn Jahren mindestens zwei Jahre lang einen Hund gehalten haben. „Denn nur weil jemand schon mal einen Hund hatte, ist er leider noch nicht sachkundig.“

„Nur weil jemand schon länger einen Hund hatte, ist er leider noch lange nicht sachkundig.“ – Urte Inkmann, Tierärztin

Eine Stunde dauert die praktische Prüfung. Svenja Saß muss Matex‘ Zähne, Ohren und Pfoten kontrollieren, zeigen, dass er artig an der Leine neben ihr hergeht – auch wenn ihnen andere Hunde, Radfahrer, Menschengruppen oder Busse entgegenkommen. Auch die Straße muss er mit ihr überqueren, auf Zuruf warten oder kommen, zeigen, dass er Kommandos wie Sitz, Platz, Steh oder Bleib beherrscht. Dass Matex das alles mit verbundenem Bein mitmachen darf, ist eine Ausnahme. „Normalerweise wird die Prüfung mit einem verletzten Hund nicht abgenommen“, erklärt Inkmann. Doch Matex‘ Vorderbein ist chronisch krank, „ein Sonderfall“.

Seit September lebt der dreijährige Rüde bei Svenja Saß, „ein Tierschutzfall aus Polen“, erzählt sie. Wegen seines kranken Beines sollte er dort getötet werden, Saß lernte ihn in der Tierklinik kennen – und sofort lieben. Damals kannte er weder Sitz, noch Platz, zog an der Leine und sprang jeden sofort schwanzwedelnd an. „Inzwischen hat er schon ganz, ganz viel gelernt“, sagt die 20-Jährige. Ob das reicht für den Hundeführerschein?

Artig vorbei am dröhnenden Müllwagen

Die letzte Ablenkung liegt hinter Hund und Frauchen. Matex zeigt sich cool. An dem dröhnenden Müllwagen geht er vorsichtig, aber artig vorbei. Auch die Radfahrer und die alte Dame, die mit ihrem Rollator plötzlich aus dem Geschäft kommt, bringen ihn nicht aus der Ruhe. Und dem weißen Terrier läuft er zwar fröhlich entgegen, lässt sich aber problemlos zurückrufen. Nach 60 Minuten beendet Urte Inkmann die Prüfung mit einem breiten Lächeln und drückt Svenja Saß ein Blatt Papier in die Hand. „Glückwunsch.“ Die praktische Sachkundeprüfung – bestanden.

Die theoretische Prüfung hat die 20-Jährige – wie vogeschrieben – bereits bestanden, bevor sie den Rüden zu sich geholt hat. Dafür musste sie 35 Fragen rund um die Hundehaltung beantworten, „für mich kein Problem“, sagt die junge Frau. Dass sie nun auch die praktische Prüfung bestanden hat, habe sie gehofft. „Aufgeregt war ich trotzdem.“ Doch Matex‘ einzige Schwäche war sein Herzensbrecher-Gen. „Und das ist sicherlich manchmal nervig“, sagt Tierärztin und Prüferin Urte Inkmann, „aber ganz sicherlich keine Gefahr für die Allgemeinheit.“

Gesetz in Kürze: Die Pflichten für Hundehalter

Das Niedersächsische Gesetz über das Halten von Hunden schreibt für Hundehalter unter anderem Folgendes vor:

Erstens: Jeder Hund, der älter als sechs Monate ist, muss haftpflichtversichert werden und auch gechipt sein.

Zweitens: Hundehalter müssen die erforderliche Sachkunde besitzen. Nachweisen lässt sich das entweder mit dem Hundeführerschein, dafür muss die theoretische Prüfung vor Aufnahme der Hundehaltung und die praktische Prüfung innerhalb des ersten Jahres absolviert werden. Wer nachweisen kann, dass er innerhalb der letzten zehn Jahre vor der Aufnahme der Hundehaltung über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren ununterbrochen einen Hund gehalten hat, muss den Hundeführerschein nicht machen.

Drittens: Hunde müssen vor Vollendung des siebten Lebensmonats beim zentralen Hunderegister angemeldet werden (Kosten für die Online-Registrierung: 14,50 Euro, schriftliche oder telefonische Registrierung 23,50 Euro).

Auch bei der Kommune muss ein Hund angemeldet werden. Dort wird auch kontrolliert, ob die entsprechende Sachkunde vorliegt. Hundeführerscheine dürfen von Tierärzten, aber auch von speziell dafür anerkannten Hundetrainern und -schulen abgenommen werden. Beide Prüfungen kosten jeweils ab 40 Euro, über die genauen Beträge entscheiden letztlich die Prüfer.

von Anna Sprockhoff

3 Kommentare

  1. der führerschein ist eine mogelpackung, nicht, dass jeder mit einem gut erzogenen ,,fremden,, hund die prüfung ablegen kann, nein, es wird auch noch weiter vom staat gegängelt. was nützt mir die sachkunde, wenn der staat sie nicht ernsthaft bewertet? was soll da die leinenpflicht?

  2. Beide Prüfungen kosten jeweils ab 40 Euro, einer meiner bekannten durfte 150 euro bezahlen. in dieser branche ist selbstbedienung angesagt. gleiche sorgen eben für gleiche.

  3. Die jenigen die es eigentlich treffen sollte und die aus meiner Sicht kein Tier halten dürften, genau DIE kümmern sich einen Sch… um eure Gesetze wiedermal voll daneben geplant und ausgeführt. Wenn ein Hund auffällig wird dann muss gehandelt werden und zwar richtig. Wahrscheinlich ist das Veterinäramt aber viel zu überlastet um sich um jeden Hund und Halter zu kümmern der mal gebissen oder durch aggressives verhalten auffällig geworden ist.
    Außerdem dürften die gesamten Kosten einer Prüfung nur max. 50 Euro sein. Also 25 Euro für praktische und 25 Euro für die theoretische Prüfung, oder zahlt das Sozi die Prüfungsgebühren?
    Die Kosten für die Online-Registrierung sind eine Unverschämheit! Dafür das der Halter seine Daten(mit denen stattliche Stellen ja immer wieder gern handeln) eingibt soll er bezahlen, das mach mal als Unternehmer – bei euch ist doch irgendwo ein Schräubchen locker.