Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Peter Gottheit steht vor einem Bild in der Beratungsstelle „Leben mit Krebs“, das symbolischen Charakter hat. Denn durch die Erkrankung haben sich für ihn mit Blick aufs Leben auch neue Wege erschlossen. (Foto: t&w)
Peter Gottheit steht vor einem Bild in der Beratungsstelle „Leben mit Krebs“, das symbolischen Charakter hat. Denn durch die Erkrankung haben sich für ihn mit Blick aufs Leben auch neue Wege erschlossen. (Foto: t&w)

Auch nach dem Krebs geht das Leben weiter

Lüneburg. Peter Gottheit war 18 Jahre Ausbildungsmeister für Maurer bei der Handwerkskammer Lüneburg. Reden, sich mitteilen sei für ihn nicht nur in seinem Beruf immer wichtig gewesen, sagt der 62-Jährige. Doch dann sorgte ein „kleiner Knubbel“ am Hals nicht nur dafür, dass er vorübergehend sprachlos war. 2014 erkrankte der Embsener erstmals an Krebs. Ein schwerer Einschnitt, durch den er aber auch einen anderen Blick auf das Leben bekam. Begleitung auf seinem Weg hat er auch beim Beratungszentrum „Leben mit Krebs“ erfahren, eine Einrichtung der Sieb & Meyer Stiftung.

Es dauerte Monate bis herauskam, was der Grund für den Knubbel war. Hausarzt und Halsnasenohrenarzt waren anfänglich davon ausgegangen, dass die Ursache eine Infektion sein könnte. Im Frühjahr 2014 dann die Diagnose: Karzinom am Zungengrund. Der Knubbel war ein geschwollener Lymphknoten. Im ersten Moment stand für ihn nur eins fest: „Der Krebs muss raus. Die Ärzte im Winsener Kreiskrankenhaus hatten mir erklärt, dass ich gute Heilungschancen habe.“ Dass vor ihm ein langer, schwerer Weg liegen würde, der ihn immer wieder an seine Grenzen bringen würde, konnte Gottheit nicht ahnen. Er, der bislang immer anpackend agiert hatte, der dem Leben gezeigt hatte, wo‘s lang geht.

Peter Gottheit erzählt ruhig und konzentriert von den Tagen nach der Operation im Juni 2014. Die bösartige Geschwulst ist entfernt, Gewebe und die Ader aus dem rechten Unterarm wurden in den Zungengrund transplantiert. Alle Lymphknoten sind entfernt. Zehn Tage darf er nicht sprechen, nicht aufstehen, wird über Infusionen ernährt. „Damals habe ich das erste Mal im Leben eine Vorstellung davon bekommen, wie es sein muss, wenn man alt, hilfebedürftig und abhängig ist.“ Gleichzeitig habe ihn die Angst befallen, wie es weiter geht. Sein Bruder war vor einigen Monaten an Krebs gestorben, seine Mutter lebte im Seniorenheim, „um die musste ich mich doch kümmern“.

Chemotherapie und immer wieder übergeben

Am zwölften Tag nach der OP bekommt er erstmals Nahrung durch eine Nasensonde, einige Tage später darf er essen. Das sei schön gewesen, erinnert er sich versonnen lächelnd. „Dann bekam ich eine Sprachkanüle, sodass ich schlagartig wieder reden konnte.“ Das war wie Geburtstag für ihn. Ausgestanden war die Therapie damit aber noch lange nicht. 35 Bestrahlungen, parallel dazu Chemotherapie. Zuerst ambulant, dann wochenweise stationär in der Klinik. Als er die erste Chemo bekommt, denkt er noch: alles easy. Dann ab dem dritten Tag ist ihm nur noch übel. Essen geht gar nicht. Als er nach einer Woche wieder nach Hause kommt, zwingt er sich zu essen. Dann geht es wieder zur Chemo in die Klinik. Er kämpft gegen Übelkeit, er fühlt sich zunehmend maddelig, die Kräfte schwinden. Peter Gottheit erhält intravenös Astronautennahrung. „Und ich bekam hochkalorische Lebensmittel in Form von Trinknahrung. Die kam sofort wieder raus.“ Sein körperlicher Zustand verschlechtert sich dramatisch. Im Laufe der Zeit verliert der einstige 118-Kilo-Mann 32 Kilo Gewicht. Die Blutwerte sind schlecht.

Kraft tanken in der Reha

Aber Peter Gottheit bietet dem „Arschloch Krebs“, wie er seine Erkrankung nennt, die Stirn. „Für mich ist das so: Es gibt eine höhere Macht, die entscheidet, ob und wie lange wir bleiben dürfen. Was gar nicht geht, ist, alles negativ zu sehen“, beschreibt er seine Lebenseinstellung. Unbeugsam stellt er sich der nächsten Chemo und probiert etwas aus: Statt hochkalorischer Trink­nahrung, nimmt er häppchenweise Brötchen mit Butter und Honig zu sich. Das behält der Körper bei sich. Dennoch: Als Strahlen- und Chemotherapie beendet sind, fühlt er sich körperlich komplett am Ende.

Als es im November 2014 zur Reha nach Bad Münder geht, „schaffte ich es kaum, meinen Koffer bis zum Zimmer zu tragen“. Dann tankte er neue Kraft. „Es gab gutes Essen, und man hat Rücksicht darauf genommen, dass das bei mir Zeit braucht“, berichtet er, einmal mehr mit einem leichten Lächeln, das ihm so eigen ist – trotz all dem Schweren, was ihn in den letzten Jahren getroffen hat. Er nutzt die Zeit, um mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen, sie wandern gemeinsam. All das stärkt ihn, gibt dem Leben wieder Zuversicht.

Doch Anfang 2017 schlägt das „Arschloch Krebs“ wieder zu. Im Rahmen einer Voruntersuchung erhält er die Diagnose Prostata-Krebs. Wieder Operation, anschließend Strahlen- und diesmal Hormontherapie. Wieder Reha, danach erneut Bestrahlung, nochmal Reha. „Heute hatte ich Nachsorge-Termin. Der PSA-Wert ist noch etwas erhöht, aber das soll ganz normal infolge der Bestrahlung sein.“ Abwarten, positiv nach vorne blicken. Doch Gottheit bekennt auch offen: Die regelmäßigen Nachsorgetermine, die Angst vor einem Rückfall sind die Hölle wie auch die Diagnose Krebs selbst. Zumal, wenn der eigene Bruder daran gestorben ist. Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod rückt ganz nah ran, dazu kommt die Sorge um die Angehörigen, wie es für sie weiter geht, wenn man stirbt.

„Für mich ist das so: Es gibt eine höhere Macht, die entscheidet, ob und wie lange wir bleiben dürfen. Was gar nicht geht, ist, alles negativ zu sehen.“ Peter Gottheit

Unterstützung bietet da das Beratungszentrum „Leben mit Krebs“. Gottheits Bruder hatte sich dahin bereits gewandt, mit guten Erfahrungen, wie der Embsener sagt. Es gebe Zeiten, wo man einen Dritten brauche, umschreibt er seine Motivation, warum er 2015 mit seiner Frau das Gespräch mit Angelika Thiel-Fröhlich suchte, eine der vier Psychoonkologinnen. „Vielleicht auch, weil der Partner so Dinge erfährt, die man sonst so nicht ansprechen würde.“

Und er nutzte ein weiteres Angebot des Beratungszentrums, das ihm Kraft und Freude spendet. Alle zwei Monate nimmt er teil an Wanderungen – nicht nur, weil Bewegung wichtig bei der Erkrankung ist. Gottheit schmunzelt: „Eigentlich wollte ich früher mit meinem Pferd Wanderreiten machen, aber der olle Zossen ist gestorben. Nun nutze ich dieses Angebot, dass mir auch Austausch mit anderen Betroffenen bietet, und während der Tour kommt jeder mit Frau Thiel-Fröhlich ins Gespräch.“

Die Tage auf dem Reiterhof genießen

Das Wandern steht aber auch symbolisch dafür, dass Gottheit trotz seiner Erkrankung für sich neue Wege gefunden hat, die sein Leben bereichern. Nachdem er im Herbst 2015 verrentet wurde, habe er seinen Job als Ausbildungsmeister erst einmal ziemlich vermisst. „Aber ich habe einen Ausgleich gefunden. Ich tummele mich auf dem Reiterhof gleich nebenan bei mir in Embsen. Das genieße ich sehr, denn ich hatte früher ja selber Pferde. Früher war ich ein Hausbauer, jetzt bin ich ein bisschen Bauer.“ Für ihn sind das wie auch die intensive Auseinandersetzung mit dem Jetzt „neue Welten, die sich erschließen“. Hadern, Aufgeben sind nicht sein Ding. Und wenn er zum Abschluss des Gespräches sagt: „Auch nach dem Krebs geht das Leben weiter“, dann spricht das für ansteckende Zuversicht.

Zur Sache

Stiftung wurde 2008 gegründet

Das Beratungszentrum „Leben mit Krebs“ der Sieb & Meyer Stiftung wurde vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Es bietet Unterstützung bei der Bewältigung in jedem Stadium der Erkrankung: Nach der Diagnose, während der medizinischen Behandlung und bei der Verarbeitung danach. Neben Einzel- und Paargesprächen gibt es die Angebote: Gesprächsgruppe, Gesundheitstraining, Singen und Wandern. Zum Team gehören die Psychoonkologinnen Angelika Thiel-Fröhlich, Iris Popkes, Dörte Mortensen sowie Stefanie Luz. Für Erstgespräche und sozialrechtliche Beratung ist Dorit Ritter zuständig. Die Beratungsangebote sind kostenfrei und werden vertraulich behandelt. Die Koordinatorin Stefanie Sivkovich, erste Ansprechpartnerin, ist dienstags und donnerstags von 11 bis 12 Uhr unter (04131) 604741 zu erreichen, Nachrichten können auch auf dem Anrufbeantworter hinterlassen werden.

Hintergrund

Hilfe für 200 Menschen

Die Sieb & Meyer Stiftung fördert seit vielen Jahren verschiedene soziale und Wohnprojekte in Lüneburg. Gründer sind die inzwischen verstorbenen Firmeninhaber der Sieb & Meyer AG: Reinhard Sieb und Johannes Meyer. Als Johannes Meyer an Krebs erkrankte, „stellte er fest, dass neben der medizinischen Behandlung auch eine psychologische Unterstützung in dieser Situation sehr wichtig ist“, sagt Renate Bockholdt vom Kuratorium der Stiftung. „Wir haben uns dann Projekte in anderen Städten angesehen und das Beratungszentrum auf den Weg gebracht.“ Inzwischen nehmen jährlich 200 Menschen die Angebote in Anspruch, darunter 170 Patienten und 30 Angehörige.

Von Antje Schäfer