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Fröhliche Christen: Joschi Stahlberg (mitte), Markus Schmidt und Brigitte Mienert feiern Gottesdienst in der Freikirche an der Stadtkoppel. Foto: t&w

Das Leben leben

Lüneburg. Joschi Stahlberg hat ein Problem, das andere gerne hätten: zu wenig Platz. Wenn am Sonntagmorgen die Gläubigen zum Gottesdienst in die Freie evangelis che Gemeinde Lüneburg strömen, bleibt im Saal an der Stadtkoppel kaum ein Stuhl frei. Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn es kommen immer mehr. Im Sinne der Gemeinde wollen sie das Leben leben, im Glauben wachsen und für andere da sein – jeder auf seine Art. Und das kommt an.

Während die Landeskirchen in Deutschland noch immer kontinuierlich ihre Mitglieder verlieren, verzeichnen einige der freien Kirchen einen enormen Zuwachs – auch in Lüneburg. Meike Basting-Neumann, Mitglied in der Matthäus-Gemeinde am Kalkberg, weiß, was die Menschen treibt: „In unsere Gemeinden wird man nicht hineingeboren, es gibt keine automatische Zugehörigkeit, es kommen Menschen, die sich entschließen, kommen zu wollen, und die sind dann eben auch alle mit Herz und Seele dabei.“

Seit 1997 existiert die Glaubensgemeinschaft im Herzen Lüneburgs, sie gehört zu den evangelischen Freikirchen in Deutschland und ist Mitglied im Mühleimer Verband und in der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) in Lüneburg. Wie die Freie evangelische Gemeinde (FeG) an der Stadtkoppel wird sie nicht von Steuergeldern getragen, sondern finanziert sich ausschließlich über Spenden. „Etwa den zehnten Teil ihres Einkommens geben viele Mitglieder freiwillig“, erklärt Meike Basting-Neumann, „und das funktioniert.“

Muss es auch, denn auch die Freikirchen haben Ausgaben: Gebäude müssen unterhalten, Pastoren bezahlt und Angebote finanziert werden. Und die sind umfangreich. Joschi Stahlberg sagt: „Wie leben unseren Glauben von Montag bis Samstag, das ist unser Alltag – und am Sonntag kommen wir übrigens auch zusammen.“ So gibt es zahlreiche Kurse zu unterschiedlichen Themen, Gesprächsrunden im privaten Umfeld, spezielle Angebote für jede Altersgruppe und außerordentliche Veranstaltungen wie Familien-Show und Männertag.

Taufe stets eine eigene Entscheidung

Alle sind gut besucht, auch in der Matthäus-Gemeinde, wie Meike Basting-Neumann weiß und den Zulauf auch erklären kann: „Wir lieben die Menschen und lieben Gott, wir wollen ständig mehr über ihn erfahren. Wir haben hier einen Ort, an dem wir Gleichgesinnte treffen, mit denen wir uns auf einer anderen Ebene austauschen können.“
Im Mittelpunkt dabei steht die Bibel in ihrer zeitgemäßen Übersetzung und die persönliche Entscheidung für den Glauben an Jesus Christus. „Deshalb werden bei uns keine Säuglinge getauft, sondern nur Menschen, die sich selber dazu entschieden haben“, erläutert die vierfache Mutter. Und das ist an der Stadtkoppel nicht anders: Im Sommer findet das Ritual am Scharnebecker Inselsee, im Winter in der Kirche statt. Eigens dafür wurde in den Boden ein Wasserbecken eingelassen. Joschi Stahlberg sagt: „Die Taufen sind immer ein ganz besonders starkes Erlebnis.“

Aber auch sonst gibt es viele Unterschiede zur Landeskirche – was allein schon Folge ihrer Geschichten ist: Während man in der einen meist auf Holzbänken in beeindruckenden sakralen Bauwerken sitzt, nimmt man in der anderen auf Stapelstühlen im schlichten Saal Platz. Prägt dort meist noch das traditionelle Liederwerk, untermalt von tragenden Orgelklängen, den Gottesdienst, setzt man hier auf zeitgemäße Musik, begleitet von einer jungen Band. Findet dort für Kinder ein spezielles Programm zu besonderen Zeiten statt, werden sie hier – nach Altersgruppen getrennt – parallel zu den Erwachsenen an den Glauben herangeführt.

Auch die sakralen Symbole finden eine andere Deutung: „Das Kreuz, das bei uns übrigens aus transparentem Material besteht und beleuchtet wird, soll eine frohe und keine drohende Botschaft übermitteln“, erklärt der Pastor, „es versinnbildlicht das menschliche Minus, also den Bereich von uns, in dem wir defizitär bleiben, in seiner horizontalen und Gott, der auf Erden kommt und das Minus durchkreuzt, in der vertikalen Ausrichtung. Am Kreuz macht Gott aus unserem Minus Plus.“

Bis zu 200 Menschen bei den Gottesdiensten

Das steht auch für die fünf Eckpunkte der Gemeinde: Gott kennenlernen, miteinander leben, für andere da sein, im Glauben wachsen und Gott von ganzem Herzen lieben. „Und dieses Lieben wollen wir bei möglichst vielen Menschen entfachen“, erklärt Joschi Stahlberg. Das gelingt ihm offensichtlich: Bis zu 200 Menschen versammeln sich sonntags regelmäßig zum Gottesdienst, dazu kommen weitere 80 Kinder und Jugendliche – Tendenz weiter steigend.

Personell hat die Kirche auf den Zulauf bereits reagiert und mittlerweile zwei feste Pastorenstellen eingerichtet. Wo der Platz für weitere Gläubige herkommen soll, steht allerdings in den Sternen.

Gemeinden im Überblick

Christen arbeiten zusammen

Es gibt zahlreiche Freikirchen in der Stadt Lüneburg, darunter die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) in der Wichernstraße, die Matthäusgemeinde am Kalkberg, die FeG in der Stadtkoppel, die Adventgemeinde Lüneburg an der Friedenstraße sowie die Freie Christengemeinde Lüneburg an der Wedekindstraße. Sie arbeiten eng zusammen und kooperieren etwa bei der Ausrichtung von Jugendgottesdiensten miteinander – aber auch mit der Landeskirche in Lüneburg, wie beim ökumenischen Gottesdienst im Kurpark am Pfingstmontag. Darüber hinaus existieren weitere Gemeinschaften wie die Neuapostolische Kirche am Wilschenbrucher Weg.

von Ute Lühr