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Rote-Rosen-Star Johanna Liebeneiner fühlt sich sichtlich wohl in Lüneburg. Ihr Vater Wolfgang Liebeneiner wollte nach dem Krieg im schönen Lüneburg bleiben: „Meine Mutter Hilde Krahl aber wollte nach Hamburg zu meiner Taufpatin Ida Ehre ziehen, das taten sie dann auch.“ (Foto: be)
Rote-Rosen-Star Johanna Liebeneiner fühlt sich sichtlich wohl in Lüneburg. Ihr Vater Wolfgang Liebeneiner wollte nach dem Krieg im schönen Lüneburg bleiben: „Meine Mutter Hilde Krahl aber wollte nach Hamburg zu meiner Taufpatin Ida Ehre ziehen, das taten sie dann auch.“ (Foto: be)

Existiert der verschollene Film noch?

Lüneburg. Das Dritte Reich stand vor dem Ende, Reichspropaganda-Leiter Joseph Goebbels setzte auf Durchhalteparolen – und einen Film, der zunächst in Berlin, dann in Lüneburg gedreht wurde: „Das Leben geht weiter.“ Der letzte Monumentalfilm der Nazis soll abgedreht worden sein. Die Filmrollen allerdings sind bis heute verschollen.

Es gibt verschiedene Thesen. Dass sie noch existieren könnten, das hält Johanna Liebeneiner für möglich. Die Schauspielerin, die aktuell als Sybille Pasch zu einer der Protagonistinnen in den Roten Rosen zählt, ist die Tochter des Regisseurs Wolfgang Liebeneiner und seiner Ehefrau Hilde Krahl, die eine Hauptrolle in dem Propagandafilm hatte: „Mein Vater behauptete, die Rollen seien von seinem Regieassistenten kurz vor Einmarsch der Engländer am 18. April 1945 in die Grabkammern des Bardowicker Doms gebracht worden. Als der zurückkam, habe er erzählt: ,Ich habe das so versteckt, das wird keiner finden‘.“ Später habe ihr Vater erzählt, dass der Mann die Rollen auch ganz woanders hingebracht haben könnte.

Tochter hielt Gespräche auf Tonbändern fest

Liebeneiner und Krahl waren ein Jahr verheiratet, als sie „Das Leben geht weiter“ drehten. Nach Einmarsch der Briten zog das Paar zur großen Theaterdame Ida Ehre, beste Freundin von Hilde Krahl, nach Hamburg. Am 25. Juni 1945 kam Johanna Liebeneiner zur Welt: „Ich wurde in Blankenese von einem rauschgiftsüchtigen Arzt entbunden.“ Später erzählte Wolfgang Liebeneiner seiner Tochter viel über den Film: „Ich habe etwa 20 Stunden Tonbandaufnahmen, die habe ich Hans-Christoph Blumenberg zur Verfügung gestellt.“ Der verwendete das Material mit eigenen Recherchen für die als Buch erschienene Reportage „Das Leben geht weiter“.

Eine der wenigen erhaltenen Produktionsskizzen von „Das Leben geht weiter“, gezeichnet von Ufa-Produktionsleiter Karl Ritter, zeigt Gundel Martens (Hilde Krahl) während eines Luftangriffs auf eine Berliner S-Bahn-Station. (Repro: tast)
Eine der wenigen erhaltenen Produktionsskizzen von „Das Leben geht weiter“, gezeichnet von Ufa-Produktionsleiter Karl Ritter, zeigt Gundel Martens (Hilde Krahl) während eines Luftangriffs auf eine Berliner S-Bahn-Station. (Repro: tast)

Der Filmkritiker und Regisseur Blumenberg geht davon aus, dass Goebbels selber als Autor am Drehbuch beteiligt gewesen sein könnte. Hier sagt Johanna Liebeneiner klar: „Goebbels hat nicht mitgeschrieben“, er habe lediglich die Idee gehabt. Mit einem ständig steigenden Kostenaufwand lag das Produktionsbudget mit letztlich weit über zwei Millionen Reichsmark deutlich über dem anderer Produktionen.

Das lag auch am Staraufgebot: Heinrich George und Marianne Hoppe, Gustav Knuth und Hilde Krahl, Viktor de Kowa und Hilde Körber sowie Karl Schönböck und Friedrich Kayssler – die Gagen sprengten das übliche Maß. Johanna Liebeneiner: „Alle Schauspieler, die noch nicht eingezogen waren, drängelten sich, um eine Rolle in dem Film zu bekommen.“ Und sie weiß von ihrem Vater auch, warum die Produktionskosten immer weiter stiegen: „Er zögerte die Dreharbeiten raus, verschleppte sie – denn nach Abschluss wären die Darsteller wohl in den Krieg geschickt worden.“

Den Krieg allerdings erlebten alle Beteiligten mit. Es sollte in der Stadt Berlin gedreht werden, die war aber bereits so ausgebombt, dass sie für einen Durchhaltefilm nicht mehr geeignet war. So wurden im Oktober 1944 aufwendige Atelierbauten in den Neubabelsberger Ufa-Studios errichtet, wo die Dreharbeiten am 20. November begannen. Als auch hier die Angriffe starteten und das Team laut Johanna Liebeneiner auch kein technisches Material mehr hatte, zog die komplette Filmcrew um. Neuer Drehort war der „Fliegerhorst“ in Lüneburg, die spätere Theodor-Körner-Kaserne. Die meisten Stars nächtigten in der Kaserne, das technische Team wurde in Bardowick untergebracht, die Mitarbeiter mussten in der Regel morgens zum Dreh laufen.

Wolfgang Liebeneiner fuhr eine Doppelstrategie

Dass sich Schauspieler weigerten, bestimmte Szenen zu spielen, weiß Johanna Liebeneiner aus Erzählungen: „In einer Szene schaut meine Mutter auf die Stadt Lüneburg, sieht leuch­tende Bomben fallen und soll sagen: ,Nein, ist das nicht schön, das erinnert mich an Weihnachten.‘ Sie machte meinem Vater klar: ,Nein, das sag‘ ich nicht.“

Laut Blumenberg fuhr Liebeneiner ab September 1944 – als längst klar war, dass der Krieg nur noch wenige Monate dauern würde – eine Doppelstrategie: Er erarbeitete eine zweite Version, die nicht mehr der Intention Goebbels entsprach. Der Gedanke des Regisseurs nach Ansicht Blumenbergs: „Das Leben geht weiter“ soll nicht nur der letzte Film des Krieges, sondern auch der erste des Friedens werden. Doch da­raus wurde nichts: Kurz vor Einzug der Engländer ließ der Regisseur seine Filmrollen verschwinden. Gibt es sie noch? Es gibt mehrere Thesen: Sie sind tatsächlich noch irgendwo versteckt. Engländer haben sie gefunden, vernichtet oder mit nach Hause genommen. Bardowicker haben sie entdeckt und einfach behalten. Oder die Geschichte eines Bardowickers stimmt: Er erzählte der LZ 1992, dass er mit anderen Kindern an den Rollen gezündelt hatte. Dann wäre der Film endgültig Geschichte.

Der Regisseur und Mensch Liebeneiner

„Ein Meister des Verdrängens“

Aus zwei Blickwinkeln sieht Johanna Liebeneiner ihren Vater Wolfgang, einem guten und einem nachdenklichen. „Alles Gute in meinem Leben kam von ihm, er besaß eine unglaubliche Güte. Er hat aber mal gesagt, dass seine Eltern ihn in den Kadettenchor geschickt haben mit knapp 8 Jahren, das hat seine Seele zerstört.“ Er sei „ein Meister des Verdrängens“ gewesen, „ein Chamäleon im Geiste wie im Leben.“ In „der Partei“ sei er nicht gewesen.

Es existiert ein Foto aus dem Deutschen Theater, auf dem Goebbels ihm die Hand schüttelt, dem neuen Leiter der Reichsfilmakademie Babelsberg gratuliert – dabei lacht Liebeneiner. Die Geschichte dahinter kennt seine Tochter: „Da mein Vater zu spät kam, scherzte Goebbels: ,Sie muss man wohl mit der SA abholen lassen, um Ihnen die Professoren-Würde zu verleihen.“ Ihr Vater habe nicht über diesen „Scherz“ gelacht, sondern an die vielen Leute gedacht, „die sich laut über Hitler äußerten und denen er und seine erste Frau, die Schaupielerin Ruth Hellberg, Wohnungen besorgten“. Auch ihre Taufpatin Ida Ehre habe ihr erzählt, dass er „gegenüber Juden immer ordentlich war“. Johanna Liebeneiner sagt klar mit Blick auf ihre Eltern: „Ich begreife nicht, dass man hier in Deutschland geblieben ist und die Augen verschlossen hat.“

Der Regisseur wurde nach dem Krieg rasch entnazifiziert, jüdische Mitarbeiter hatten ihn entlastet, gaben an, er habe ihnen geholfen. Bereits 1947 inszenierte er an den Hamburger Kammerspielen Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“.

Von Rainer Schubert