Aktuell
Home | Lokales | Wenn das Handy zur Qual wird
Gehören Smartphones in die Schule? Eine kontrovers diskutierte Frage. (Foto: micmacpics)
Gehören Smartphones in die Schule? Eine kontrovers diskutierte Frage. (Foto: micmacpics)

Wenn das Handy zur Qual wird

Lüneburg. Das Thema brannte offenkundig vielen unter den Nägeln. Trotz besten Grillwetters waren rund 50 Teilnehmer in die Häcklinger Grundschule gekommen. Und die interessierte vor allem eins: Gehören Smartphones in die Schule und was kann gegen Gewaltvideos und Cyber-Mobbing unternommen werden? Eingeladen dazu hatte der Schulelternrat. Knapp zweieinhalb Stunden wurde informiert und diskutiert. Am Ende zeigte sich: Eine generelle Lösung gibt es nicht.

„Was soll ich tun, wenn ich merke, da läuft vielleicht was?“ Mit ihrer Frage brachte eine Teilnehmerin das Interesse wohl der meisten Anwesenden auf den Punkt: Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind möglicherweise Mobbing-Opfer in den sozialen Netzwerken der Mitschüler geworden ist? Immer wieder kamen die Teilnehmer, aber auch die Gäste auf dem Plenum auf dieses Thema zurück, darunter der Beauftragte für Jugendsachen bei der Polizei, Arne Schmidt, die Mediatorin Mone Drews vom Lüneburger Verein Brückenschlag und Martin Leupold, Leiter der Grundschule Wendisch Evern.

Konflikte aushalten

„Am besten halten Sie sich zurück“, riet Arne Schmidt der jungen Mutter und verblüffte mit der Empfehlung: „Nehmen Sie den Kindern die Konflikte nicht weg.“ Denn eine Einmischung der Eltern würde die Verhaltens­unsicherheit der Beteiligten in solchen Situationen nicht nur verstärken, Kinder bräuchten auch die Möglichkeit, sich zu reiben. Besser sei es, sein Kind bereits im Vorfeld stark zu machen und ihm dabei zu helfen, sich einen eigenen Schutzschild gegen Mobbing-Angriffe zuzulegen. Es gelte, gar nicht erst ein Ungleichgewicht im Machtgefüge zwischen Täter und Opfer entstehen zu lassen.

Nur: Dieser Ansatz sei nur zu Beginn eines Mobbing-Prozesses deutlich. Bei fortgeschrittenen Phasen empfahl Mone Drews das Konzept des „no blame approach“, bei dem Schuld und Strafe ausgeblendet werden – ein Aspekt, der nicht nur im Publikum Fragen aufwarf. „Ich bekomme dabei ein Problem mit der Gerechtigkeit“, warf Jochen Volmer vom Schulelternrat ein, schließlich könne es ja nicht sein, dass der Mobbing-Täter ungeschoren davon komme. Zwar zeigte Drews Verständnis für diese Haltung, erklärte aber: „Man muss sich entscheiden, ob der Wunsch nach Strafe höher zu gewichten ist als das Abbrechen eines unseligen Prozesses.“ Letztlich zähle das Wohl des Opfers.

Dass Cyber-Mobbing keine Seltenheit ist, machte Arne Schmidt deutlich. So geben laut aktueller JIM-Studie 42 Prozent der Mädchen an, dass in ihrem Bekanntenkreis schon mal jemand per Handy/Internet fertiggemacht wurde. Bei den Jungs waren es 33 Prozent. Dass solche Auswüchse auch vor den Schulen nicht Halt macht, zeigt, dass rund 97 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren bereits ein eigenes Smartphone besitzen und dieses auch in den Unterricht mitbringen.

Wächst die Mobbing-Gefahr?

Wie Schulen damit umgehen sollten, wurde am Abend kon­trovers diskutiert. Während Martin Leupold sich als Medienpädagoge für einen bewussten Einsatz der Mobilgeräte im Unterricht aussprach – „die Schüler lernen auch andere wichtige Dinge dadurch“ –, gab es deutliche Bedenken bei Teilen des Publikums. „Ich halte das für vollkommenen Unsinn“, sagte ein Vater. Die Mobbing-Gefahr werde durch Smartphones nur größer. Ähnlich sah es eine Teilnehmerin: „Wir dürfen erst mit 18 Führerschein machen, mit 17 nur in Begleitung fahren. Aber unsere Kinder setzen wir den Gefahren des Internets schon ab der fünften Klasse aus.“ Beifall gab es für eine Gymnasiallehrerin, die vor der Einrichtung von Whatsapp-Gruppen für Schulklassen warnte: „Das ist eine Pest! Wir Erwachsenen merken es, aber unseren Kindern muten wir es zu.“ Sie appellierte, auf Smartphones in der Schule gänzlich zu verzichtem, „das schmerzt die Schüler nur am ersten Tag“.

Dass ein generelles Handyverbot an Schulen nicht in Frage komme, machte Arne Schmidt klar: „Das ist rechtlich nicht möglich.“ Er empfahl stattdessen das Aufstellen klarer Regeln, an denen auch die Schüler beteiligt werden sollten. Letztlich aber müssten die Eltern gemeinsam entscheiden, ob und wie sie den Einsatz von Smartphones in der Schule wünschen. Dabei gab er auch den Rat, vor einem Schulwechsel einen kritischen Blick auf das Präventionskonzept der Schulen zu werfen: „Die sind verpflichtet, so etwas zu erarbeiten.“

JIM-Studie 2017

Gerätebesitz Jugendlicher

  • Smartphone: 97 Prozent
  • PC/Laptop: 88 Prozent
  • Fernseher: 53 Prozent
  • Radiogerät: 51 Prozent
  • Spielkonsole: 47 Prozent
  • E-Book-Reader: 12 Prozent
  • Streaming-Box: 7 Prozent

Von Ulf Stüwe