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Kurier Maik Hoffmann sollte mit seiner Firma einem Betrüger helfen. Es wurde ein Abenteuer samt Polizeieinsatz für den Lüneburger. (Foto: ca)

Vom Versuch, Betrüger zu betrügen

Lüneburg. Für Maik Hoffmann war es zunächst ein ganz gewöhnlicher Auftrag. Dokumente von Bad Bevensen nach Berlin bringen. Als das Lüneburger Mobile Einsatzkommando seinen Fahrer aus dem Auto holte, war klar: Normal ist hier gar nichts. Spediteur Hoffmann und sein Mitarbeiter waren mittendrin in einer Ermittlung der Polizei. Die mutmaßte, sie hätte endlich einmal einen Enkeltrick-Betrüger auf frischer Tat erwischt.

Hoffmann und die Polizei erzählen die Geschichte. Am Donnerstag vergangener Woche klingelt Hoffmanns Telefon um 19.30 Uhr. Ein Herr Fischer möchte für den nächsten Tag eine Fahrt buchen. Es gehe um Dokumente für ein Immobiliengeschäft, die müssten von einer alten Dame in Bad Bevensen abgeholt und an die Spree geschafft werden. Zu einem Verwandten oder einem Notar. Das kläre sich noch. Hoffmann denkt: „Einfache Sache, machen wir.“ Sein Neffe soll die Tour übernehmen. 450 Euro plus Mehrwertsteuer sind drin.

„Eine halbe Stunde später hat der Herr erneut angerufen“, berichtet Hoffmann. Wieder spricht er alles durch, es seien Originale für Grundstück und Haus. Es ist nicht das letzte Telefonat. Am Abend dröhnen Hoffmann die Ohren.

Eine Beute von mehreren 10 000 Euro

Am nächsten Tag geht es weiter. Telefon, achtmal. Um 13 Uhr soll der Fahrer in Bad Bevensen sein. Er müsse sich aber fünf Minuten vorher unbedingt bei Fischer melden. „Komisch kam mir das schon vor“, sagt Hoffmann. Aber der 38-Jährige denkt nichts Böses, vielleicht ist der Kunde sehr aufgeregt. Es geht ja um etwas.

Der Fahrer trifft in der Kurstadt eine alte Frau, die Rentnerin übergibt ihm einen Umschlag. Der Mann fährt los, kommt aber nicht weit: „Er wurde eingekeilt, Autos vorne und hinten. Männer haben ihn aus dem Auto gezogen, die Hände auf den Rücken gedrückt. Er wusste nicht, wie ihm geschah.“ Die Beamten vom MEK diskutieren nicht, die greifen zu. Hoffmanns Neffe erzählt von seinem Auftrag, die Polizei ruft Hoffmann an. Die Ermittler glauben die Story – und wollen, dass der „Blitzkurier“ mit ihnen zusammenarbeitet.

Polizeisprecher Kai Richter schildert die Lage aus Sicht der Ordnungshüter. Die fast 80 Jahre alte Rentnerin war tags zuvor reingelegt worden: „Enkeltrick. Obwohl wir so oft davor warnen.“ Am Telefon gibt sich jemand als Verwandter aus: Er sei in Not, brauche dringend Geld. Immer wieder setzt sie der Anrufer unter Druck, wann er Bares bekomme, dass er einen Freund schicke. Die Seniorin geht schließlich zur Bank. Mehrere Zehntausend Euro hebt sie ab. Trotz einer Warnung der Angestellten.

Sie übergibt das Geld, an wen, ist unklar. Die Betrüger hoffen, ein zweites Mal kassieren zu können. Denn die Frau scheint nicht verstanden zu haben, dass sie ausgeplündert wurde. Wieder zig Anrufe. Am Freitag geht sie wieder zur Bank. Die Mitarbeiter alarmieren die Polizei. Die wittert ihre Chance, eine Bande von Betrügern zu fassen. Statt Geld knistert Papier in dem Umschlag. Das MEK überwacht alles. Folgt dem Auto. Zugriff am Campingplatz Melbeck.

Doch es ist der falsche Mann. Er soll nun helfen, den richtigen zu fassen. Die Betrüger wissen nicht, dass die Polizei an Bord ist. Sie bleut dem Boten und seinem Chef eine Legende ein. Zur Verzögerung komme es, weil der Fahrer noch etwas in Zarrentin zulade, um es nach Berlin zu bringen. Denn Herr Fischer bombardiert Hoffmann und seinen Neffen weiter auf dem Handy: Was der zulade, wo er sei, ob alles klappe? Hoffmann sagt: „Ich bin wohl 50-mal angerufen worden, mein Fahrer 20-mal.“

Wo sitzen die Drahtzieher?

Doch bis Zarrentin an der Autobahn nach Berlin kommt der Blitzkurier nicht. Bei Adendorf beenden die Polizisten die Fahrt. Offiziell aus „taktischen Gründen“. Hoffmann will gehört haben, dass in Mecklenburg kein weiteres MEK einsatzbereit war. Naheliegend ist ein anderer Grund: Die Ermittler machten sich Sorgen um den Fahrer – wer weiß, wie aggressiv die Betrüger reagieren, wenn sie merken, dass sie selbst betrogen werden?

So kommen die Täter davon. Die Beamten fahnden aber weiter, versuchen, Telefonverbindungen nachzuverfolgen. Die Frage ist, mit welchem Erfolg. So erzählt Hoffmann, dass er zeitweilig von einer englischen Nummer aus angerufen wurde. Aber die Täter können überall sitzen, in Berlin, Belgrad oder Balaschicha in Russland, falsche Nummern kann man auch aufs Display schicken.
Am Ende bleibt das Prinzip Hoffnung. „Wir hoffen, noch an die Täter heranzukommen“, sagt Polizeisprecher Richter. „Und wir hoffen, dass auch Kurierdienste und Bankmitarbeiter sensibel reagieren, wenn ihnen etwas ungewöhnlich vorkommt.“

Von Carlo Eggeling

2 Kommentare

  1. mein lieber Carlo, ich hätte eine frage gestellt: warum hat sich ein polizist als fahrer und somit als bote nicht zur verfügung gestellt? war dem ganoven das aüßere von herrn hoffmann bekannt? gibt es in diesem unternehmen nur einen fahrer? glaubt man, das ganoven super-intelligent sind und alle eventualitäten einbeziehen?

  2. Kopfschüttel. Unglaubliche Vorgehensweise der Polizei. Armes Deutschland