Donnerstag , 20. September 2018
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Seit Heinrich Römstedt im Rollstuhl sitzt, sehnte er sich nach einem Tag an der Elbe. Nun erfüllte ihm Hubert Erbe den Wunsch. Vermittelt hat das die neue Barskamper Nachbarschaftshilfe. (Foto: t&w)

Nachbarschaftshilfe Barskamp: Dem Glück so nah

Barskamp. Der Tag, an dem Heinrich Römstedt die Elbe wiedersieht, ist sonnig und warm. Schäfchenwolken ziehen am Himmel stromabwärts, Wind spielt in den Blättern, und die Butterblumen leuchten im Wiesengrün. Der 83-Jährige sitzt im Rollstuhl am Flussufer, die beige Schirmmütze aus der Stirn geschoben, die Hände im Schoß gefaltet. Sein Blick wandert über das Wasser, das träge dahinfließt, zur Fähre, die sich vollbeladen durch den Strom schiebt. Fast zwei Jahre war er nicht mehr hier. Es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit.

Früher war der selbstständige Raumausstatter jeden Sonntag an der Elbe, fuhr stundenlang mit dem Auto am Fluss entlang, Lauenburg, Bleckede, Hitzacker, immer wieder dieselben Strecken. Dann kamen die Schmerzen, die Rückenoperationen, der Rollstuhl. Römstedts Welt schrumpfte zusammen auf das Haus und die paar Orte in Barskamp, die er mit seinem elektrischen Rollstuhl erreichen kann. Die Elbe, nur ein paar Kilometer entfernt, war für ihn plötzlich unerreichbar. Bis Hubert kam.

Hubert Erbe, 57, steht an diesem Mainachmittag mit ihm am Elbufer, die eine Hand am Griff des Rollstuhls, in der anderen eine glimmende Zigarette. Ab und zu nimmt er einen tiefen Zug und atmet den Rauch in die Sommerluft, dabei schaut er auf den Fluss und schweigt. Ein Besuch an der Elbe, ohne zu reden. Das war es, was sich Heinrich Römstedt gewünscht hatte.

Edith Schulz und Jörg Märtensson hat ebenfalls die Nachbarschaftshilfe zusammengeführt. Weil sie kein Auto mehr hat, fährt er mit ihr alle zwei Wochen zum Großeinkauf nach Bleckede. Ehrenamtlich. „Und wahnsinnig gerne“, sagt er. (Foto: t&w)
Die beiden Männern kennen sich seit Jahrzehnten, zwei Generationen aus demselben kleinen Dorf. Römstedt feierte dort 1954 mit Erbes Vater Hochzeit, später kloppten der Raumaustatter und der 26 Jahre jüngere Schmied in derselben Männerrunde Doppelkopf. Doch nicht die alte Bekanntschaft hat Erbe dazu bewegt, zu Römstedt zu fahren, ihn aus dem Rollstuhl ins Auto zu hieven und an die Elbe zu fahren. „Schuld hat die Gräfin“, sagt der 57-Jährige und grinst breit. „Die hat mich überzeugt von ihrer Nachbarschaftshilfe.“

Die Gräfin, so nennen einige im Dorf Claudia von Bernstorff. Die 65-Jährige hat das Projekt Nachbarschaftshilfe vor einigen Wochen auf den Weg gebracht, kein leichter Weg, wie sich herausstellte. Ehrenamtliche Helfer stehen zwar zahlreich bereit, doch Hilfe anzunehmen, fällt den Barskampern schwer (LZ berichtete). Römstedts Ausflug an die Elbe ist einer der ersten Erfolge, ein Hoffnungsschimmer.

Der erste Schritt, Hilfe anzunehmen, fällt schwer

Dabei tat sich auch der 83-Jährige schwer mit dem ersten Schritt. Auch er füllte den Zettel, der Ende April in seinem Briefkasten steckte, nicht aus. „Nachbarschaftshilfe mit Herz, Hand und Verstand“ stand da in großen Buchstaben. Darunter las er: „Im Königreich Bhutan im Himalaya ist das Erreichen von größtmöglichem Glück erklärtes Staatsziel. Es gibt sogar ein Ministerium für Glück. Das haben wir zwar nicht, aber mit unserem neuen Projekt gehen wir zuversichtlich in eine ähnliche Richtung.“ Es folgten eine lange Liste mit Hilfsangeboten und eine Spalte zum Ausfüllen, Platz für Römstedts großen Wunsch: eine Fahrt an die Elbe.

„Es wächst da etwas ganz Wertvolles. Langsam… aber es wächst.“
Claudia von Bernstorff, Organisatorin

Doch Römstedt schrieb nichts in die Spalte. Er legte den Zettel zur Seite. „Mit mir“, dachte er, „hat das nichts zu tun.“ Er hatte doch alles, sein Haus, seine Rente, seine Frau, die sich um alles kümmert, ihn rund um die Uhr pflegt. Und es gibt den Fernseher, der von früh bis spät läuft, sein Fenster zur Welt. Die Fahrt an die Elbe, die fiel ihm erst ein, als er ein paar Tage später mit einer Nachbarin plauderte. Was er für Wünsche hätte, fragte sie ihn. Und er antwortete erst „keine“, bevor er sagte: „an die Elbe fahren und schweigen“.

Dass jemand aus dem Dorf ihm diesen Wunsch erfüllen könnte, womöglich sogar jemand, den er nicht kennt, das konnte sich Römstedt nicht vorstellen. Ein paar Mal hatte seine Frau versucht, ihn ins Auto zu hieven. Vergeblich. „Ist einfach scheiße so ne Krankheit“, sagt er. „Nix kann man mehr alleine.“ Und anderen will er nicht zur Last fallen. Erst als von Berns-torff nach einem Hinweis seiner Nachbarin zum zweiten Mal persönlich vorbeikkam, ihm die Helferliste zeigte und er zwischen vielen unbekannten Namen einen bekannten entdeckte, machte er seine Bitte dann doch offiziell. Vier Tage später rief Hubert an.

Anneliese Römstedt steckte ihrem Mann am Ausflugstag sein Portemonnaie in die Westentasche, strich im über den Arm und winkte zum Abschied. „Ich freu mich“, sagte sie, als er sie schon nicht mehr hören konnte, und flüsterte, als sollte es auch sonst niemand hören: „Ein paar Stunden, ohne aufpassen zu müssen.“ Hubert Erbe hatte ihr den ersten freien Nachmittag seit Monaten geschenkt.

Und der 57-Jährige schenkt auch sich etwas an diesem Tag. „Das war einfach schön mit Heini“, sagt er. „Schön zu sehen, dass er Freude hatte.“ Das Schweigen haben sie irgendwann aufgegeben, bei Kaffee und Kuchen über die Zeiten gesprochen, in denen man in Barskamp noch „ordentlich gefeiert“ hat, in denen der Schützenverein „noch nicht fast platt“ und Römstedt noch Präsident des Sparclubs war. Am Ende verabredeten sie sich für den nächsten Ausflug, ein Roadtrip an der Elbe. Wo‘s lang geht, wird Römstedt bestimmen. Erbe ist‘s recht. Da haben sich zwei gefunden.

Und noch zwei haben sich über die Nachbarschaftshilfe inzwischen gefunden: Edith Schultz und Jörg Märtensson. Sie war die einzige, die sich direkt auf die erste Zettelaktion gemeldet und ganz offensiv um Hilfe gebeten hatte. Ohne eigenes Auto ist die Rentnerin darauf angewiesen, dass sie jemand zum Großeinkauf mitnimmt. Sechs Kilometer bis nach Bleckede. Bis vor kurzem hat das ein Bekannter erledigt, nun hat der kein Auto – und sie keinen Fahrer mehr. Märtensson sprang ein, gemeinsam fahren sie nun alle zwei Wochen in die Supermärkte ihrer Wahl. Er sagt: „Mir macht es einfach Spaß zu helfen.“ Sie sagt: „Er ist ein echter Gentleman.“ So einfach könnte es sein.

Viele Helfer im Dorf sprechen Einwohner persönlich an

Doch es bleibt kompliziert mit Barskamp und der Nachbarschaftshilfe. Viele der Helfer haben inzwischen jemanden aus dem Dorf persönlich angesprochen, angeboten, mit zum Friedhof zu gehen oder zum Einkaufen, für ein paar Stunden die pflegenden Kinder oder Ehepartner zu entlasten. Ganz langsam versuchen sie, sich anzunähern, Vertrauen zu schaffen. Manchmal klappt es, häufiger hören sie: „Danke, aber ich schaff das schon!“ Trotzdem geht es weiter. „Es wächst da etwas ganz Wertvolles“, sagt Claudia von Bernstorff, „langsam… aber es wächst.“

Als Heinrich Römstedt nach seinem Ausflug heim kommt, setzt er sich zu seiner Frau und erzählt. Von der Elbe, die schöner war als in seiner Erinnerung. Von dem Kuchen, den er mit Hubert gegessen hat, und der älteren Dame, die bediente – „Locken-Otto‘s Frau, genauer Ex-Frau“. Seine Frau schaute ihn an und versuchte sich zu erinnern, wann sie ihn das letzte Mal so glücklich gesehen hat. Es fiel ihr nicht ein.

Von Anna Sprockhoff