Aktuell
Home | Lokales | Folie da, Vögel weg?
Zwischen drei und fünf Monate im Jahr bedecken Folien die Spargeldämme. Die Anbauer preisen ihre Vorteile auch für die Umwelt, doch es gibt auch Kritiker. (Foto: t&w)
Zwischen drei und fünf Monate im Jahr bedecken Folien die Spargeldämme. Die Anbauer preisen ihre Vorteile auch für die Umwelt, doch es gibt auch Kritiker. (Foto: t&w)

Folie da, Vögel weg?

Neu Jürgenstorf. Stefi Brockmann-Wittich lebt in einem Idyll. Ihr Bauernhaus liegt in Neu Jürgenstorf am Ende einer Sackgasse, umringt von einem großen Garten, von Wiesen, Feldern und Äckern, im Hof stehen Eichen. Ein Paradies auch für Sperber, Falken und Kleiber – „zumindest bis Ostern“, sagt sie. Denn dann werden auf dem Acker hinterm Haus die weißen Folien über die Spargeldämme gezogen. „Und dann sind diese Vögel schlagartig verschwunden.“

Die 80-Jährige ist überzeugt: Es sind die Folien, die die Vögel vertreiben. „Vielleicht fühlen sie sich geblendet“, sagt sie, „vielleicht sind es die fehlenden Insekten.“ Auf jeden Fall sei das Aufziehen „ein Eingriff in Landschaft und Natur“, und so müsse er auch behandelt werden. Sie fordert: Wer Folien auf Äckern auslegt, muss die Umweltverträglichkeit nachweisen, gegebenenfalls Ausgleichsflächen schaffen. „Die Vermüllung der Landschaft mit Plastik ist der Fluch des 21. Jahrhunderts“, sagt sie, „da sollte man doch mal fragen dürfen, wie viel Folie eine Region verträgt.“

Nabu hält sich bedeckt

Doch was ist dran an ihrem Vorwurf, der Spargelanbau unter Folie vertreibe oder gefährde seltene Vogelarten? Frank Allmer, Vogelexperte beim Nabu Lüneburg, will dazu keine Einschätzung abgeben. „Das Thema ist mir noch nie begegnet“, sagt er, „deswegen kann ich mich dazu nicht äußern.“ Auch Nabu-Kreisvorsitzender Thomas Mitschke, hält sich bedeckt: „Auf der einen Seite wollen wir Obst und Gemüse aus der Region, möglichst giftfrei. Auf der anderen Seite greift der zunehmende Folienanbau in Natur und Landschaft ein.“ Ein Abwägungsprozess.

„Die Vermüllung der Landschaft mit Plastik ist der Fluch des 21. Jahrhunderts. Da sollte man doch mal fragen dürfen, wie viel Folie eine Region verträgt?“ Stefi Brockmann-Wittich

Konkreter wird da ein Gutachten des parlamentarischen Beratungsdienstes in Brandenburg, das im vergangenen Jahr die dortige Linksfraktion in Auftrag gegeben hatte. Anlass war der Anbau von Folienspargel in einem Vogelschutzgebiet. Darin heißt es: „Beobachtungen in der Nähe größerer Anbauflächen von Spargel unter Folie zeigten einen gegenüber anderen Flächen geringeren Bestand an geschützten Vogelarten und Einzelexemplaren pro Art.“ Zwar sei ein direkter Zusammenhang nicht bewiesen, doch „ein Zusammenhang ist nach den derzeit bestehenden Erkenntnissen nicht offensichtlich ausgeschlossen“. Die Schlussfolgerung: Folienanbau in Vogelschutzgebieten sei nur zulässig, wenn „vernünftige Zweifel am Ausbleiben erheblicher Beeinträchtigungen“ des Naturschutzes ausgeschlossen werden könnten. Anders ausgedrückt: Der Folienanbau kann auch verboten werden.

Im Landkreis Lüneburg gibt es nach Auskunft der Verwaltung keinen größeren Spargelanbau unter Folie. Und auch spezielle Auflagen oder Obergrenzen gibt es nicht. Theoretisch könnten also alle Ackerflächen mit Folien überzogen werden. Theoretisch. Tatsächlich ist aus Sicht des Spargelbauers Peter Strampe die Obergrenze erreicht. „Der Markt ist gesättigt.“ Er selbst habe seine Spargelanbaufläche rund um Neetze in den letzten 25 Jahren verdreifacht. „Jetzt haben wir unsere optimale Betriebsgröße erreicht und werden uns nicht weiter ausdehnen.“

Bauern sehen nur Vorteile

Und doch bleibt die Frage: Schadet der Folienanbau der Natur? Die Spargelbauern selbst sind überzeugt: Der Folienanbau schadet nicht, sondern schützt. „Da unter den Folien kein Unkraut wächst, können wir zum einen auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vor der Ernte verzichten“, erklärt Fred Eickhorst, Vorstandssprecher und Geschäftsführer der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer. Zum anderen hält die Folie Schädlinge wie die Bohnenfliege ab, „dagegen müssen wir also auch nicht mehr spritzen“. Hinzu komme, dass der Boden durch die Folienauflage kaum Wasser verliert, „auf eine Beregnung komplett verzichtet wird“. Und noch zwei Vorteile für die Umwelt hätten die Folien, die im Schnitt zehn Jahre genutzt würden: „Sie schützen vor Bodenerosion.“ Und sie verlängern die heimische Spargelsaison, „sodass es deutlich weniger Importspargel, damit weniger Transporte gibt“.

Was die Vögel betrifft, gibt sich Eickhorst gesprächsbereit. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass die Folien im Spargelanbau schuld sind am Artensterben“, sagt er, „aber wir nehmen das durchaus ernst.“ Da das Gutachten der Brandenburger wenig belastbar sei, „haben wir selbst eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben“. Sollten die Ergebnisse die Befürchtungen von Kritikern wie Brockmann-Wittich bestätigen, „werden wir eine Lösung finden müssen“. Bis dahin bleibt er dabei: Der Spargelanbau mit Folie sei deutlich umweltfreundlicher als der Anbau ohne Folie.

Eckdaten

Das Spargel-ABC

In keinem anderen Bundesland wird mehr Spargel angebaut als in Niedersachsen. Hier wächst das Gemüse auf 5200 Hektar, das entspricht 0,2 Prozent der Ackerfläche. Folien kommen auf 90 Prozent aller Spargelflächen zum Einsatz und liegen zwischen drei und fünf Monaten auf den Spargeldämmen. Liegt die schwarze Seite oben, speichert sie die Wärme im Damm. So wächst der Spargel schneller. Liegt die weiße Seite oben, lassen sich Erträge in Hitzeperioden senken. Durch den Folieneinsatz beginnt die Ernte früher, die Qualität des Spargels werde verbessert und die Preise für das Edelgemüse erschwinglich, betonen die Anbauer.

Von Anna Sprockhoff

One comment

  1. Zitat: „vielleicht sind es die fehlenden Insekten.“
    Bei Sperber und Falken?
    Also ich weiss ja nicht.
    Aber was weiss ich schon…