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Mit einer Teleskopstange, an deren Ende eine Plastikflasche befestigt ist, entnimmt Kreismitarbeiter Matthias Wilder im Inselsee eine Gewässerprobe. (Foto: t&w)
Mit einer Teleskopstange, an deren Ende eine Plastikflasche befestigt ist, entnimmt Kreismitarbeiter Matthias Wilder im Inselsee eine Gewässerprobe. (Foto: t&w)

„Es gibt Wissenslücken“

Scharnebeck. Still ruht der Inselsee am Montagmorgen. Einzig ein paar tapfere Frühschwimmer bringen das klare, grüne Wasser in leichte Schwingung, als Matthias Wilder über den Sandstrand ans Ufer stapft – in seiner Linken ein Teleskoparm, in der Rechten ein Korb voller Behälter und Becherchen. Der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Lüneburg ist nicht zum Baden hier – sondern zur Überprüfung der Wasserqualität.

Alle vier Wochen taucht Wilder während der Badesaison ein kleines Kunststofffläschchen am Ende des Teleskoparms unter die Wasseroberfläche. Anhand der Indikatorbakterien E. coli und intestinale Enterokokken überwacht er den Einfluss von Abwässern und Fäkalien auf die Badeseen, denn: „Eine fäkale Verunreinigung birgt immer ein gesundheitliches Risiko.“ Die Darmbakterien gelangten zum Beispiel aus dem Dung von den Feldern über Flüsse, Bäche oder bei starkem Niederschlag in die Gewässer. Aber auch Wasservögel oder Badegäste können fäkale Verunreinigungen verursachen. Die häufigste Folge: Magen-Darm-Erkrankungen. Wilders Wasserprobe landet später in einem Kühlbehälter und – neben weiteren Fläschchen aus dem Barumer See, dem Reihersee in Lüdershausen und drei Badeseen in Amt Neuhaus – noch am selben Tag im Labor des Wassertechnologischen Instituts (WTI) – so, wie die EU es vorsieht.

Landesweites Mess-Programm

Ob sich antibiotikaresistente Keime in den Badegewässern befinden, könne aber anhand der regulären Überprüfung nicht explizit festgestellt werden, sagt Dr. Katrin Luden vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt. Nachdem Forscher in Gewässerproben des NDR multiresistente Keime nachgewiesen hatten, kündigte Niedersachsens Umweltministerium vor einigen Monaten ein landesweites Mess-Programm an. Es sei noch zu wenig über die Wirksamkeit und Übertragungswege von Resistenzen über den Pfad der Umwelt bekannt, erklärte Umweltminister Olaf Lies. Zudem fehlten Kriterien oder Grenzwerte zur Bewertung von multiresistenten Keimen. Es gebe „Wissenslücken“.

„Badeseen sind nicht die Quelle multiresistenter Keime.“ Dr. Katrin Luden, Niedersächsisches Landesgesundheitsamt

Dr. Katrin Luden hält eine flächendeckende Untersuchung der Badegewässer auf antibiotikaresistente Keime gegenwärtig nicht für zielführend – zumal man noch immer nach geeigneten Methoden für vergleichbare Messungen suche. „Was ist ein normales Level? Was kann man tolerieren und was nicht?“ Bislang habe es dazu bloß Forschungsverfahren gegeben. Das Umweltministerium nehme nun primär solche Gewässer in Augenschein, die zuvor noch gar nicht auf Keime untersucht wurden. Im Landkreis Lüneburg werden keine entsprechenden Proben genommen, teilt Pressesprecherin Urte Modlich auf LZ-Nachfrage mit, wohl aber in den Nachbarlandkreisen: in Schnackenburg (Elbe), Bienenbüttel (Ilmenau), Seerau (Jeetzel) und am Kläranlagenstandort Medingen (Ilmenau).

Keim-Quellen können Abwässer oder Gülle sein

„Das Thema antibiotikaresistente Keime ist ein vielschichtiges Problem. Man muss da an der Quelle ansetzen – und das sind eben nicht die Badegewässer“, stellt Dr. Katrin Luden klar. Mögliche Quellen können etwa Abwässer oder Gülle aus der Tiermast sein. Das Problem: Gelangt ein multiresistenter Erreger zum Beispiel in eine offene Wunde und verursacht dort eine Entzündung, lässt sich diese nicht mit den üblichen Antibiotika behandeln. Die Bakterien und ihre Empfindlichkeit gegen Antibiotika werden zwar mittels Laborprobe ermittelt, so Frank Oppenheimer, Oberarzt der Hygieneabteilung des Klinikums Lüneburg, „aber wenn der Patient bis zum Vorliegen des Ergebnisses ein Antibiotikum bekommen hat, das gegen den multiresistenten Keim nicht wirkt, dann wurde die Entzündung zwei oder drei Tage lang nicht ausreichend behandelt“. Und das kann tödlich enden.

Zurück nach Scharnebeck: Dort und auch an den übrigen Badeseen im Landkreis ist die Wasserqualität seit Jahren sehr gut, sie rangiert zwischen den besten zwei Bewertungsstufen „gut“ und „ausgezeichnet“. Auch die erste Wasserprobe, die noch vor Beginn der offiziellen Badesaison am 15. Mai entnommen werden musste, war laut Wilder in diesem Jahr „unauffällig“. Zusätzlich zu den vorgegebenen Proben überprüft er immer auch Temperatur und pH-Wert der Seen. Letzterer bewege sich ebenfalls stets im grünen Bereich.

Zur Sache

Das Ranking

Wer wissen will, wie welcher See abgeschnitten hat, der wird im Netz fündig: Im Badegewässer-Atlas sind alle Ergebnisse einzusehen.

Von Anna Petersen