Mittwoch , 26. September 2018
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Knapp bis gar nicht bekleidet genießen die Sport- und Naturfreunde Lüneburger Heide das Leben auf ihrer Anlage zwischen Rieste und Steddorf: Getragen wird, was gefällt. Foto: ape

Auf ins blanke Abenteuer

Rieste. Schon mal von Costa Rieste gehört? Nein? Kein Grund zur Verlegenheit. Mich trennten 24 Jahre lang keine zehn Minuten von der „Oase der Freiheit“ – und n ie habe ich sie besucht. Aus Unwissenheit, vielleicht aber auch aus Scham. Denn wer an dem bemalten Stein mit der lachenden Sonne am Straßenrand zwischen Rieste und Steddorf in den Wald einbiegt und nicht auf halber Strecke schon die Kehrtwende macht – aus Sorge, im Dickicht zu versinken –, der stößt irgendwann auf eine Lichtung: mit Kaninchen, Rehen und ziemlich sicher nackten Menschen. Willkommen in Costa Rieste!

Sollten Sie an diesem Punkt bereits gegoogelt haben: Nein, diese Geschichte handelt weder von einem Wellnesshotel im Osnabrücker Land noch von der namensverwandten Rente – höchstens davon, wo man diese verbringen könnte. Ein halb verwittertes Schild am Eingangstor vor besagter Waldlichtung zeigt ein Cartoon mit lauter unbekleideten Persönlichkeiten, daneben der Hinweis „FKK-Strand“ und „Cave canem“, was so viel heißt wie „Hüte Dich vor dem Hund“ (der hier offiziell verboten ist). Was soll‘s: Auf ins blanke Abenteuer! Wobei, so blank, wie man jetzt vermuten könnte, nun auch wieder nicht. Ich trage so viel am Körper, wie man einem Menschen bei 25 Grad eben zumuten kann. Erlaubt sei, was gefällt, stand auf der Homepage der Sport- und Naturfreunde Lüneburger Heide. Und mir gefällt‘s in Hose und Bluse.

Weder WLAN noch Stromanschluss

Die Sport- und Naturfreunde halten das in ihrem „Paradies“ ganz locker. Während ich die grüne Wiese hinauf stapfe, sichte ich am Ufer des Badeteichs, dem erhofften Pazifik, ein kleines Menschengrüppchen. Ein Mann fuchtelt aufgeregt mit den Armen in der Luft: Guido, der stellvertretende Vereinschef in Hose und weißem T-Shirt, bugsiert mich direkt auf einen Gartenstuhl und schenkt Kaffee ein. Er hat mir auch eine Hütte gechartert, denn wer einmal hier angekommen ist, bleibt meist über Nacht. Zwei Dinge, die man dazu wissen muss: Costa Rieste verfügt weder über WLAN noch gibt es einen Stromanschluss. Manche Reiseanbieter vermarkten so etwas unter „Digital Detox“, hier ist das eher eine natürliche Notwendigkeit. Und die Natur ruht beim Naturisten ja praktisch schon im Namen.

45 Stammgäste

„Ah, jetzt kommt der Spanner!“ Eine Frau zu meiner Linken zeigt mit dem Finger zum Himmel: ein Kleinflugzeug. Alle lachen. Nun, in den 60er-Jahren hätte das halbnackte Grüppchen tatsächlich noch neugierige Zaungäste zu befürchten gehabt. „Da oben standen sie“, sagt Guido und deutet aufs Gebüsch. „Jetzt ist aber alles zugewachsen.“ Na, in Zeiten des Internets würde so etwas ja ohnehin niemanden mehr interessieren, gibt Vereinskollege Henning zu bedenken. In Zeiten des Internets aber haben auch Billig-Flüge und Pauschalreisen den Tourismusmarkt erobert. Wer kommt noch nach Costa Rieste, wenn er für kleines Geld nach Costa Rica kann? 45 Stammgäste, vereinzelt auch Durchreisende. Früher, in der Hochzeit der FKK-Bewegung Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre, sollen bis zu 260 Leute auf der 13 Hektar großen Lichtung campiert haben, darunter auch viele Jugendliche. Heute ist man hier stolz darauf, fünf unter 50-Jährige im Verein zu haben.

Ist der Nachwuchs zu prüde? Kollektives Kopfschütteln. „Viele sagen zum Beispiel: ,Ihr habt keinen Strom, wir kommen nicht‘“, erzählt Rentner Guido. Darum sind vereinzelt schon Solarplatten an den Wagen und Hütten montiert. Die Niederländer seien da entspannter. „Und die Berliner, die sind nach Öffnung der Grenze weggeblieben. Da konnten die ja da ins Umland fahren.“ Bernd, eines der jüngeren Mitglieder, erklärt: „Die DDR hatte früher eine ziemlich große FKK-Kultur, das war ja eher so ein Widerstand bei denen.“

Nacktsein ist hier ein Wellnessfaktor

Das Nacktsein ist hier und heute keine Politik mehr, eher ein Wellnessfaktor: Heike erzählt mir, wie sie in nur kürzester Zeit ihre Hautprobleme durch die Extradosis Tageslicht loswurde. Henning behauptet sogar, FKKler blieben länger jung und untermauert seine These mit dem Beispiel einer 92-Jährigen, die noch immer regelmäßig mit dem Auto vorbeischaue. Depressive Anhänger der Freikörperkultur gebe es wohl auch nicht, das bewiesen britische Studien. Risiken und Nebenwirkungen? Achtung, man kann angeblich süchtig nach Tageslicht werden! Wer daran glaubt, kann sich ein Shirt überziehen. Auch das hat die Zeit gebracht. Früher, weiß Guido, hieß es ab circa 25 Grad: Hüllen fallen lassen – und zwar für alle!

Freizeitindustrie entdeckt Nische FKK

Schutz vor der Sonne findet sich auch in meiner Gästehütte mit Namen „Bellevue“, einem älteren Caravan mit Holzvorbau und Terrasse. Hier ist die Zeit stehen geblieben – um kurz vor halb zwei, wenn man der hellgelben Retro-Uhr an der Wand Glauben schenken will. Der Rest ist Definitionssache. Ich schmeiße mich in meinen Badeanzug und wandere über die Wiese zum Schwimmteich, um mich in die eiskalten Fluten zu stürzen. Als ich zwei Minuten später bibbernd in ein Handtuch gewickelt zum Sanitärhaus schlendere, kommt mir ein Gedanke: Auch bekleidet zwischen lauter Unbekleideten kann man sich nackt fühlen – gerade dann.

Als ich Josefa abends am Feuerkorb von diesem Gefühl berichte, nickt sie verständnisvoll. Die ersten Tage im Paradies habe sie sich auch nicht hüllenlos gezeigt. Wer sie danach fragte, dem erklärte sie, ihr sei kalt. Nach einigen Tagen dann verschwanden die Hemmungen von ganz allein. Heute liebe sie es, den Wind auf dem ganzen Körper zu spüren. Sie und ihr Mann sind streng katholisch aufgewachsen, nicht mal ihre engsten Familienmitglieder habe sie jemals nackt gesehen, sagt die Frau aus Winsen. Ihren Eltern hat sie nie von diesem Ort erzählt.

„Da hausen die Nackten“

Erzählt wird ja sonst viel. Abschätzige Kommentare wie: „Da hausen die Nackten“ oder „Ihr hüpft ja alle nackig durch den Wald“ haben die einen oder anderen schon zu hören gekriegt. „Ich denke mal, es wird viel mit Sex verbunden“, sagt Josefa. Dabei spiele das überhaupt keine Rolle: „Wer Nacktheit sexualisiert, der würde hier nicht glücklich werden“, ist sich Henning sicher. Der Hamburger hat sich als einer der wenigen noch Berufstätigen eine Hütte auf der so genannten „Rentner-Wiese“ zurechtgemacht, weit abseits auf moorigem Grund direkt an einer Wiese. Nachts kann er die Rehe bellen hören, morgens den Kuckuck mit dem Schluckauf, von dem hier alle reden. Genau das habe er hier draußen gesucht. Dafür leistet er jährlich zwölf Stunden Arbeitseinsatz für den Verein, weil er ein Mann ist. Frauen brauchen nur sieben für den Erhalt der Oase zu schuften. Guido mit Augenzwinkern: „Wir sind hier ja emanzipiert!“

Erst im vergangenen Sommer beklagte Linken-Politiker Gregor Gysi den Rückzug der FKK-Kultur in Ostdeutschland. Dennoch gibt es für Nackte Wanderwege, Museumsführungen und Kreuzfahrten. Keine Frage: Die deutsche Freizeitindustrie hat hier eine Nische entdeckt.

Boule, Volleyball und Schwimmen

In Nordafrika ließe sich davon bloß träumen. „Da ist das strikt verboten – aus Scham und wegen der Religion“, erklärt Othman aus Tunesien. In seiner Heimat weiß darum auch niemand, dass er und seine Frau Inge regelmäßig in Costa Rieste residieren. „Ich habe das von Anfang an genossen“, sagt er, der selbsternannte „Sonnenanbeter“.

Inzwischen ist es spät am Abend. Es knackt im Gebüsch, als ich den Weg zurück zu meinem Gemach suche – vorbei an der verwitterten Telefonzelle und dem glänzenden See unter dem Sternenhimmel. Ich bin froh, dass Josefa prophylaktisch Windlichter vor Bellevue mit brennenden Kerzen ausgestattet hat. Am nächsten Morgen werde ich von einem Vogelkonzert geweckt. Draußen herrscht bereits reger Betrieb: Heute steht das große Boule-Turnier an. „Es geht ja gerade auch darum, nackt Sport betreiben zu können“, hatte mir Henning bereits erklärt, vorzugsweise Boule, Volleyball und Schwimmen.

Vor den Wagen werden eifrig die Metallkugeln poliert, während ich es mir kurz vor der Abfahrt doch nicht mehr verkneifen kann, meine Smartphone-Suchfunktion mit den Worten „Nacktheit“ und „Weisheit“ zu füttern: „Erst die Erkenntnis, dass wir nackt sind, vertreibt uns aus dem Paradies“, soll eine deutsche Lyrikerin mal gesagt haben. Hier aber verweilen Menschen, die das Paradies erst nackt gefunden haben.

Von Anna Petersen

Oase der Freiheit

Neugierig geworden? Dann auf nach Costa Rieste! Das Vereinsgelände liegt circa 15 Kilometer südlich von Lüneburg, links vom Verbindungsweg zwischen Steddorf und Rieste. Die Einfahrt befindet sich an dem Stein mit der gelben Sonne. ape