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Hunderte Helfer haben aus Tausenden Sandsäcken 2013 einen Notdeich gebaut, um Neu Darchau und Katemin vor dem Elbehochwasser zu schützen. Rund eine Millionen Euro haben die Schutzmaßnahmen allein in diesem Bereich gekostet. Foto: rg

Warten auf die nächste Flut

Auf den Tag genau vor fünf Jahren hat der Landkreis Lüneburg Katastrophenalarm ausgelöst. Spätestens am 5. Juni 2013 ist auch dem letzten Verantwortlichen klar: Das nächste Jahrhunderthochwasser der Elbe rollt an. Zwar sind die Schäden inzwischen repariert und die Deiche erhöht worden, doch die Furcht vieler Anrainer bleibt – dass irgendwann die Schutzwälle nicht mehr standhalten. Wie sorglos einige Einwohner der Region mit den Deichen umgehen, zeigt eine Bestandsaufnahme des Artlenburger Deichverbandes nach dem extrem nassen Winter.

Fahrer gefährden Deiche

Vertreter von Politik, Verbänden und Behörden entdecken bei Frühjahrsschau neue Schäden an den Schutzwällen

Barförde. Beim Blick auf die tiefen Fahrspuren packt Ansgar Dettmer die kalte Wut. Bis zu 25 Zentimeter tief haben sich die Reifen in den Deichfuß und umliegende Grasflächen gedrückt. Und die klaffenden Kerben im Schutzwall sind alles andere als harmlos. „Sie sind eine große Gefahr für die Stabilität und damit die Standfestigkeit des Deiches“, erklärt der Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes (ADV). Und Deichhauptmann Hartmut Burmester ergänzt: „Die Grasnarbe wurde durch das Befahren schwer beschädigt. An diesen Stellen kann Regen in den Deichkörper eindringen und Sand herausspülen.“ Die Folgen: Kaum sind die Schäden des Elbehochwassers von 2013 beseitigt, muss schon wieder nachgebessert werden.

Dabei war die Bestandaufnahme nach dem extrem nassen Winterhalbjahr eigentlich recht positiv ausgefallen. Bei den Frühjahrsdeichschauen mit Mitgliedern von Kreistag und Kreisverwaltung sowie Behörden- und Verbandsvertretern hatten Dettmer und Burmester festgestellt, dass die Deiche die Wetterkapriolen gut überstanden haben. Doch dann stießen sie bei Drennhausen und Barförde auf die Fahrspuren. Verursacht von offenbar gedankenlosen Fahrern, die die Schutzwälle zu einer Zeit befuhren, als diese durchnässt, deshalb besonders weich waren.

Es ist nur eine Frage der Zeit

Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis die derzeit ruhig dahinfließende Elbe sich wieder in einen reißenden Strom verwandelt. Ein Blick auf den zeitlichen Abstand der fünf Extremhochwasser seit 2002 an der Elbe zeigt, dass die fünf Jahre, die jetzt vergangen sind, schon das bisherige Maximum sind. In einer solchen Situation ist es für die Deichverbände natürlich doppelt ärgerlich, wenn die Deiche durch Unachtsamkeit, teilweise sogar mutwillig beschädigt werden.

Denn die dicken Rillen machen die Oberfläche auch noch dermaßen uneben, dass die ADV-Mitarbeiter die Grasflächen mit ihren Fahrzeugen und Geräten nicht sachgemäß pflegen können. Dies wiederum ist aber wichtig, um den Schutz vor Hochwasser zu gewährleisten. „Die Schäden müssen wir deshalb schnell beheben, indem wir die Spuren mit Boden wieder auffüllen und neues Gras sähen. Das kostet den Verband viel Geld“, sagt der Deichhauptmann.

Schäden in Kauf genommen

Die Verursacher waren offenbar trotz Verbots mit ihren Fahrzeugen auf den Deichverteidigungswegen und dem angrenzenden Grün unterwegs. Aber auch Eigentümer von Flächen im Deichvorland stehen unter Verdacht, Reifenspuren auf und an den Deichen hinterlassen zu haben. Sie haben die Erlaubnis, über die Deiche hinweg auf ihre Flächen zu fahren. Das gilt daneben auch für einige Behörden.

„Darüber hinaus sind es wahrscheinlich Gäste von gastronomischen Betrieben in Deichnähe, die ebenfalls für die Schäden verantwortlich sind. Sie parken ihre Fahrzeuge auf den Grasflächen am Deichfuß und nehmen so fahrlässig Schäden in Kauf“, kritisiert Dettmer. Besonders heftig war ein Schadensbild am Ilmenau-Kanal, das Burmester wütend macht. „Da ist jemand mit einem Geländewagen oder SUV absichtlich seitlich auf dem Deich viele Meter weit gefahren.“ Er und Dettmer appellieren nun an die Vernunft der Fahrzeuglenker – denn Gefahr für die Deiche droht – wie sich zeigt – nicht nur von der Wasserseite.

Von Stefan Bohlmann

Abläufe zu kompliziert

Im Interview mit der LZ blickt Artlenburgs Deichhauptmann Hartmut Burmester zurück, aber auch nach vorn

Sind fünf Jahre nach der bislang letzten Jahrhundertflut alle Schäden repariert?
Deichhauptmann Hartmut Burmester : Die Reparatur der Hochwasserschäden konnte zum Jahresende 2016 abgeschlossen werden. Die Deiche wurden baulich verändert und verstärkt. Die tiefen Fahrspuren auf der Deichkrone, die die Einsatzfahrzeuge vor fünf Jahren hinterlassen hatten, wurden beseitigt.
Der Einsatz von schwerem Gerät oben auf dem Deich ist künftig jedoch nicht mehr möglich, weil die dafür nötige Breite nicht mehr gegeben ist. Daher wurden stattdessen die Deichverteidigungswege an einigen Stellen verbreitert und Überfahrten saniert. Sie wurden mit Beton verstärkt, und sind stabil genug für schweres Gerät.

Wurden auch Deiche erhöht?
Eine generelle Deicherhöhung hat nicht stattgefunden. Jedoch wurden infolge der Beseitigung der Fahrspuren in der Deichkrone gleichzeitig auch Fehlhöhen an den Deichen ausgeglichen. Diese betrugen auf der rund 30 Kilometer langen Reparaturstrecke zum Teil bis zu 50 Zentimeter. Das konnte statisch aber nur gelingen, indem die Deichkronen schmaler wurden. Wir haben nun einen Freibord von einem Meter außerhalb und 1,20 Meter innerhalb der Orte. Die Situation ist damit besser als vor dem Hochwasser 2013.

Interview

Wie teuer war die Reparatur?
Insgesamt beliefen sich die Kosten der Reparaturarbeiten und des Rückbaues des Deichverteidigungsmaterials auf rund sechs Millionen Euro. Leider wurden aufgrund der sehr komplizierten und vielfach nicht verständlichen Förderrichtlinien beantragte Maßnahmen nicht genehmigt, wie zum Beispiel der Bau für sieben weitere Deichauffahrten für die Deichverteidigung zwischen dem Bleckeder Schloss und Art-lenburg, die der Deichverband im Gegensatz zum Land für unerlässlich hält, sowie der Neubau eines dezentralen Deichverteidigungsplatzes in Artlenburg.

Welche Maßnahmen wurden ergriffen in den vergangenen fünf Jahren, um den Hochwasserschutz an der Elbe zu verbessern?
Vom Land Niedersachsen wurde beim NLWKN der Arbeitskreis ,Abflussverbessernde Maßnahmen‘ eingerichtet. In diesem werden Möglichkeiten erarbeitet, die die Wasserstände bei Hochwasser deutlich absenken sollen, wie Rückschnitt des Bewuchses im Deichvorland, Anbindung von Altarmen der Elbe zur Verbesserung der Durchströmung, der Sedimentauftrag im Deichvorland sowie der Bau von Umflutern an Engstellen. Die Ergebnisse bisher sind leider sehr dürftig. Sie bewegen sich im Bereich von nur wenigen Zentimetern.

Fühlt sich der Deichverband von den zuständigen Stellen bei der EU, Bund, Land und Kommunen gut unterstützt?
Nein. Viele Dinge, die EU, Bund und Land angehen, sind zu kompliziert und vom Ablauf her sehr umständlich. So warten wir immer noch auf die neuen Bemessungswasserstände, die eine wesentliche Grundlage für die künftigen Deichbaumaßnahmen sind. stb