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Reppenstedts Pastor Henning Hinrichs, Jörn Schneider, Landesbischof Ralf Meister, Reinhard Fitzner und Hans-Jörg Ruf (v.l.) feierten mit vielen Gläubigen das 50-jährige Kirchenjubiläum in Reppenstedt. (Foto: ape)
Reppenstedts Pastor Henning Hinrichs, Jörn Schneider, Landesbischof Ralf Meister, Reinhard Fitzner und Hans-Jörg Ruf (v.l.) feierten mit vielen Gläubigen das 50-jährige Kirchenjubiläum in Reppenstedt. (Foto: ape)

„Lamettafaktor“ von Reppenstedt

Reppenstedt. „Früher war mehr Lametta“, sagte einst der Opa aus dem Loriot-Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“. Früher war alles besser, oder? Reppenstedts Pastor Henning Hinrichs ist sich da gestern mit Blick in die vollbesetzte Kirche nicht so sicher. Der „Lamettafaktor“ sei ja in dieser Woche schon ziemlich groß. Kein Wunder, denn die Reppenstedter haben momentan allen Grund zum Feiern: Vor 50 Jahren bekam der Ort eine eigene Kirche. Zum Start der Festwoche stattete auch Landesbischof Ralf Meister dem Gemäuer einen Besuch ab.

Damit auch gleich zur nächsten Frage: Was wird konkret gefeiert? Nicht nur ein Kirchenraum, stellt der Gast aus Hannover in seiner Predigt klar. Die Auferstehungskirche sei viel mehr ein „geweihter Raum“ durch all die Geschichten und Erinnerungen der Menschen, die ihn aufsuchten – traurige wie fröhliche. Ein „Asylort“, an dem Herzlichkeit, Respekt, Offenheit und Hilfsbereitschaft das Klima bestimmten. Ob aus Deutschland, Burkina Faso, Eritrea oder Syrien: In einer Kirche dürften Menschen reden, wie an sonst keinem Ort, rufen, klagen, schreien oder singen, erklärt Ralf Meister.„Wir brauchen auch eine äußere Form für unseren Glauben.“

Nur bei 800-jährigen Jubiläen…

Den schmalen, großen Mann mit dem goldenen Kreuz um den Hals kennt manch einer vielleicht aus dem Wort zum Sonntag im Ersten. Im Herbst 2010 wurde er für die Nachfolge Margot Käßmanns im Amt des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers benannt. „Als ich Bischof wurde, freute ich mich immer, dass ich noch nicht so alt war, wie die Kirchen“, erzählt der 56-Jährige und ergänzt angesichts der vorangegangenen Reden über Lebensalter und Lametta mit einem Augenzwinkern: „Aber ich glaube, in Zukunft werde ich vielleicht dann doch eher nur bei 800-jährigen Jubiläen…“ Der Rest des Satzes verliert sich in lautem Gelächter.

„Als ich Bischof wurde, freute ich mich immer, dass ich noch nicht so alt war, wie die Kirchen.“ Ralf Meister, Landesbischof

Der vielbeschäftigte Theologe ist bereits früh am Morgen durch Reppenstedts Straßen gefahren: die Posener Straße, die Pommernstraße, die Westpreußenstraße. Er, dessen Mutter aus Pommern fliehen musste. „Viele von denen, die hier vermutlich in der zweiten Generation sitzen – wohl nur wenige aus der ersten Generation –, können noch nachspüren, was das heißt, eine Heimat verloren zu haben und so gut wie nichts mitzunehmen außer der Sprache, der kulturellen Erinnerungen, der Bilder von Landschaft und Häusern und dem Glauben, der Religion.“ Dass Reppenstedt einmal eine eigene Kirche bekommen würde, sei vor 70, 80 Jahren nicht selbstverständlich gewesen. 204 Menschen lebten unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges in dem Ort. „Und dann, knapp zwei Jahrzehnte später, als es darum ging, eine Kirche bauen zu wollen, waren es schon weit über 1700, die hier wohnten.“ Nach Kriegsende waren viele Geflüchtete und Vertriebene nach Reppenstedt gekommen.

Eine abenteuerliche Ankunft

Die Gemeinde habe sich damals nach einem Raum gesehnt, in dem man sich versammeln konnte – vor Ort und nicht in Lüneburg, weiß Meister. „Der Kirchenvorstand St. Michaelis unterstützte diese Sehnsucht nach Eigenständigkeit, die dann schließlich dazu führte, dass Pastor Hans-Jörg Ruf mit Frau und Sohn im Oktober 1967 nach Reppenstedt fuhr.“

Das muss eine abenteuerliche Ankunft gewesen sein. Die Wohnung für den ersten Pastor war noch nicht frei, und so zog er kurzerhand ins Hotel. Dort, wo er und seine Nachfolger gestern den zahlreichen Grußworten zum Jubiläum lauschten, stand bei seiner Ankunft lediglich ein Bauwagen. Damit es schließlich zur Einweihung der Kirche am 2. Advent 1968 kommen konnte, brauchte es Enthusiasmus, Willen und Mut, resümiert Landesbischof Meister. „Denkt daran: Diejenigen, die diese Kirche bauten, die wussten in der Regel, sie würden vermutlich nie wieder zurückkehren an die Orte, aus denen sie kamen.“ Kein glitzerndes Lametta, wie es sich Opa Hoppenstedt wohl wünschte, wehte gestern durch die Auferstehungskirche. Dafür jede Menge Erinnerungen.

Von Anna Petersen