Dienstag , 25. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Das Wohl der Kinder ist ihr Job
Der Weg zum Jugendamt ist für viele Familien unausweichlich. Durchschnittlich gibt es 72 Inobhutnahmen pro Jahr. Foto: t&w

Das Wohl der Kinder ist ihr Job

Lüneburg. Familien müssen gestärkt werden, damit Kinder und Jugendliche gut aufwachsen können. Deshalb sei es wichtig, das Kindeswohl und die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen für Jugendämter immer wieder zum Thema zu machen, findet Pia Steinrücke. Die Sozialdezernentin der Stadt Lüneburg blickt auf eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz, die zu dem Ergebnis kam: Jugendämter haben zu viele Fälle und zu wenig Personal, sind schlecht ausgestattet im Kampf gegen Misshandlungen von Kindern. Aus Sicht von Pia Steinrücke kommt dabei aber nicht genug zum Tragen, dass das Aufgabenspektrum von Jugendämtern breit gefächert ist, nicht auf Fälle von Misshandlung reduziert werden kann. Ein reines Ins-Verhältnis-Setzen von Mitarbeiter zu Fällen hält sie deshalb nicht für besonders aussagekräftig, wenn es um die Arbeit des Lüneburger Jugendamtes geht.

„Kinderschutz ist nur ein Teil unserer Arbeit“

In Lüneburg ist der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) dezentral in den Stadtteilen angesiedelt. Aus gutem Grund: Denn dadurch bekommen die Mitarbeiter des Jugendamtes schnell Einblick, wo und wie etwas passieren muss. „Kinderschutz und Krisenintervention ist aber nur ein Teil unserer Arbeit“, sagt Angela Lütjohann, Leiterin des Bereichs Soziale Dienste. Einen Großteil der Arbeit der Mitarbeiter mache die Beratung von Eltern bei der Erziehung aus sowie gegebenenfalls die Unterstützung durch Hilfen zur Erziehung, die von Trägern übernommen werde. Ziel ist es, dass Eltern ihre Erziehungsaufgaben sowie die Versorgung ihrer Kinder selbst regeln können.

Aber es gebe auch die Fälle, wo der Verdacht besteht, dass das Kindeswohl bedroht ist. Darauf aufmerksam gemacht wird das Jugendamt zum Beispiel von Kinderärzten, Schulen, Nachbarn oder der Polizei, wenn ein Fall von häuslicher Gewalt vorliegt. Dann verschaffen sich Zweier-Teams umgehend einen Eindruck von der Situation in der Familie. Gegebenenfalls wird auch das fachliche Know how von Medizinern hinzugezogen, wenn das Kind zum Beispiel Verletzungen hat, die Folge von Misshandlungen sein könnten.

Regelmäßige Beratung

Kommen die Mitarbeiter des Jugendamtes zu dem Ergebnis, dass es eine Überlastungssituation in der Familie gibt, „bieten wir regelmäßige Beratung sowie Hilfe zur Erziehung an“, sagt Angela Lütjohann. Dazu bedarf es allerdings des Einverständnisses der Eltern beziehungsweise der Alleinerziehenden. Die müssen auch zustimmen, wenn das Jugendamt dafür plädiert, dass sich zum Beispiel die Schule, die Kita, das Jugendzentrum oder Ärzte melden, falls das Kind auffällig ist. Stellen die Mitarbeiter beim Besuch in der Familie eine Gefährdung des Kindeswohls oder Misshandlungen fest, wird sofort gehandelt. „Es erfolgt eine Inobhutnahme. Das heißt, das Kind oder der Jugendliche wird zum Beispiel im sozialen Umfeld der Familie untergebracht oder in einer Pflegefamilie oder in einer geeigneten Jugendeinrichtung. Die Unterbringung muss beim Familiengericht beantragt werden“, erläutert Pia Sreinrücke.

Durchschnittlich 15 Hinweise auf Kinderschutzfälle erreichen die Mitarbeiter des Jugendamtes pro Woche. Bei einem Drittel der Fälle ergebe sich keine Gefährdungslage, bei einem Drittel gibt es beratende Gespräche, bei einem Drittel wird ein Schutzplan aufgestellt, eventuell eine Inobhutnahme angeordnet, schildert Pia Steinrücke. „Diese Fälle bearbeiten alle 28 Mitarbeiter des ASD sowie zwei Teamleitungen. Der überwiegende Anteil ihrer Arbeit bezieht sich aber auf Beratungen sowie das Vermitteln von Hilfen zur Erziehung. Hinzu kommen kurze Beratungen in den Stadtteilhäusern.“

Immer Zweier-Teams sind im Einsatz

Die Sozialdezernentin konzediert, dass der Job der ASD-Mitarbeiter belastend sei aufgrund der Wächter-Funktion und von Inobhutnahmen, bei denen sich zudem auch noch die rechtliche Situation häufig ändere. Deshalb seien gute Arbeitsbedingungen wichtig. Dazu gehöre, dass immer Zweier-Teams im Einsatz sind, es eine gute Absicherung über die Leitungsebene sowie regelmäßige Teambesprechungen gebe, Dienstwagen und -handy zur Verfügung stehen wie auch Einzel- und Zweier-Büros. „Allerdings gibt es auch immer wieder Klagen, wenn Mitarbeiter zum Beispiel wegen Krankheit ausfallen. Derzeit liegt uns eine Überlastungsanzeige vor.“ Stellenbesetzung habe deshalb höchste Priorität. Doch die Bewerbungslage bei Sozialarbeitern ist wie bei vielen Fachkräften schlecht. Gab es vor fünf Jahren auf eine Ausschreibung 50 Bewerbungen, sind es heute maximal 10.

Im zweiten Teil lesen Sie, wie zwei Mitarbeiter des Landkreis-Jugendamtes ihren Arbeitsalltag schildern.

Von Antje Schäfer

Studie schlägt hohe Wellen

Kritik an den Arbeitsbedingungen

100 Fachkräfte der Allgemeinen Sozialen Dienste sind bei einem bundesweiten Kongress zusammengekommen, um über die Ergebnisse der Studie von Professorin Kathinka Beckmann zu diskutieren und Anliegen zu formulieren, wie ihre Arbeit zum Wohle der Betroffenen verbessert werden kann. Im Anschluss wurde politischen Vertretern ein Forderungskatalog überreicht. Das sind einige Beispiele:

▶ Mehr finanzielle Ressourcen zur Bewältigung der Aufgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes
▶ Fallzahlbegrenzung von 35 Fällen pro Fachkraft
▶ Zeit und Raum, um Kinder umfassend am Hilfeprozess zu beteiligen
▶ Bessere personelle und technische Ausstattung
▶ Mehr Wertschätzung und Anerkennung sowie eine organisierte Lobby für die Berufsgruppe
▶ Einarbeitungszeit für Berufseinsteiger von mindestens sechs Monaten
▶ Einrichtung einer unabhängigen Ombudsstelle für Fachkräfte
▶ Gemeinsame Qualitätsentwicklung mit den freien Trägern der Jugendhilfe