Mittwoch , 19. September 2018
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Wenn Kinder aus Familien geholt werden müssen, ist das immer eine Krisensituation. Foto: PMDesign

Personal im Jugendamt am Limit

Lüneburg. Seit Jahren nimmt die Arbeitsbelastung in Jugendämtern zu, das hat mit der hohen Fallzahl, der mangelhaften Ausstattung und Personalnot zu tun. Eine aktuelle Studie hat das gerade noch einmal bestätigt. Die LZ widmet sich dem Thema in drei Teilen. Im zweiten Teil geht es um das Jugendamt des Landkreises.

Die Situation hat sich zugespitzt: Im Herbst vergangenen Jahres wurden alle Sozialpädagogen, die beim Landkreis angestellt sind, zu Rufbereitschaften zwangsverpflichtet. Zwei Mitarbeiter schildern, dass sie und Kollegen nun auch außerhalb der regulären Arbeitszeit in Krisensituationen ausrücken und entscheiden, ob ein Kind in seiner Familie bleiben darf oder zur Sicherstellung des Kindeswohls in Obhut genommen werden muss. Eigentlich wollte der Landkreis mit diesem Schritt die Mitarbeiter des Jugendamts entlasten, tatsächlich scheint das Gegenteil erreicht zu sein. Es hagelt Kritik an der fachlichen Qualifikation des jugendamtsfremden Personals und der Rufbereitschaft selbst. Zudem zweifelt das Personal, ob eine solche Dienstanweisung rechtlich überhaupt durchsetzbar ist.

Kaum noch Zeit für die Familien

„Wir haben kaum noch Zeit, uns den einzelnen Fällen zu widmen oder die Familien richtig kennenzulernen. Die Belastung ist sehr hoch“, moniert Bernd Kaiser*, der eigentlich anders heißt, aus Sorge vor Sanktionen aber nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen will. Ebenso wie sein Kollege Martin Hoffmann* will er die Situation nicht mehr länger hinnehmen.

Ein Rückblick: Bis Februar 2017 waren die sogenannten Inobhutnahmen außerhalb der regulären Dienstzeit über den Städtischen Jugendhilfeverbund (SJL) abgedeckt. Eine Sozialarbeiterin kümmerte sich darum – so mussten die Beschäftigten des Kreisjugendamtes keine Bereitschaftsdienste übernehmen. „Mit der Schließung des Kinderheims konnte dies nicht mehr bewerkstelligt werden“, sagt Kaiser. „Die Aufgabe wurde uns übertragen.“ Einige Monate später sei die Rufbereitschaft dann auf alle Sozialarbeiter des Landkreises ausgedehnt worden. „Ich kenne kein Jugendamt, das diese Aufgabe fachfremdem Personal überträgt.“

Fachliche Qualifikation fehlt

Inobhutnahmen finden immer dann statt, wenn das Wohl des Kindes anderweitig nicht gesichert werden kann und somit eine akute Gefährdung vorliegt. Das bedeutet: Ein Kind wird aus der Familie genommen und anderswo untergebracht. Während der Geschäftszeiten sind für die Inobhutnahmen die Mitarbeiter des Jugendamtes zuständigt, außerhalb der regulären Dienstzeit, beispielsweise zwischen 16 und 8.30 Uhr gilt die Rufbereitschaft. In diesem Zeitfenster werden Inobhutnahmen, sollten sie notwendig sein, durch je einen Mitarbeiter des Jugendamtes des Landkreises und der Stadt durchgeführt – so sieht es zumindest die Theorie vor.

Kaiser und Hoffmann halten es für höchst fragwürdig, dass diese Aufgabe nun auch auf Mitarbeiter des Sozialamts, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, der Betreuungsbehörde oder Amtsvormünder übertragen wurde. „Ihnen fehlt die fachliche Qualifikation dafür. Nur Mitarbeiter des Jugendamtes sind dazu autorisiert, Inobhutnahmen vorzunehmen“, sagt Kaiser mit Verweis auf Paragraph 42 des Sozialgesetzbuchs (SGB). Auch sieht er einen Interessenkonflikt: Personen, die in der Erziehungsberatungsstelle arbeiten, würden zwar zum Jugendamt zählen, hätten aber lediglich einen Beratungsauftrag und keine Wächterfunktion. „Da wird der Vertrauensgrundsatz geschädigt.“

Für schwierige Aufgabe wäre Routine hilfreich

Er musste schon oft an Haustüren klingeln und entscheiden, ob ein Kind im häuslichen Umfeld bleiben kann. Deshalb weiß Kaiser, wie schwierig und konfliktträchtig derartige Situationen sein können. Um angemessen intervenieren zu können, seien Fingerspitzengefühl und fachliche Kompetenz unabdingbar. „Ich würde es mir auch nicht zutrauen, eine Krisensituation mit einem psychisch Kranken zu bewältigen. Dazu bräuchte ich Routine.“ Viele Kollegen, die jetzt per Dienstanweisung verpflichtet wurden, seien „total überfordert“. Problematisch sei zudem die Übernahmehaftung: So sei eine Inobhutnahme ein immenser Eingriff in die Elternrechte, manche Mutter und mancher Vater habe in der Folge schon einen Anwalt eingeschaltet. „Als Jugendamtsmitarbeiter hat man Erfahrungen, kann routiniert mit solchen Situationen umgehen und Entscheidungen fachlich begründen.“

Er nennt noch einen weiteren Kritikpunkt: Nicht jeder Mitarbeiter hat von Haus aus die Möglichkeit, neben dem Telefon zu sitzen und bei einem Notfall sofort loszustürmen. „Es gibt viele Kollegen, die einen Haushalt haben und ihre Kinder versorgen müssen“, macht Martin Hoffmann deutlich. Er verweist auf das Niedersächsische Gleichberechtigungsgesetz (NGG), das von der Landesregierung 2011 auf den Weg gebracht wurde. „Es fordert öffentliche Arbeitgeber auf, Rücksicht auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu nehmen.“ Auch gibt es den Beschäftigten die Möglichkeit, einen Antrag auf Befreiung zu stellen. Hoffmann sagt, dass sich der Landkreis bislang geweigert hätte, eine entsprechende Vereinbarung zu treffen. „Bislang werden derartige Anträge jeweils nach ausführlicher Begründung individuell geprüft, das ist für viele ein Riesenproblem. Sie müssen theoretisch ihre eigenen Kinder nachts unversorgt zu Hause lassen.“

Eine wahre Flut von Attesten

Kaiser schätzt, dass viele Mitarbeiter vermutlich aufgrund der zahlreichen ungeklärten Probleme und der großen Belastung ärztliche Atteste in der Dienststelle vorgelegt hätten, um sich so von der Rufbereitschaft befreien lassen. Das habe dazu geführt, dass die Aufgabe jetzt auf deutlich weniger Schultern lastet. „Von 56 Leuten sind noch ­circa 25 übrig geblieben.“ Dass es überhaupt so weit kommen musste, kann der Mitarbeiter nicht verstehen. Seit Jahren würden zusätzliche Stellen gefordert. Seine Kritik richtet er direkt an den Landrat: „Von Seiten der Verwaltungsleitung gibt es überhaupt keine Bereitschaft, Geld- und Personalressourcen für die Inobhutnahme-Bereitschaft zur Verfügung zu stellen. Ausbaden müssen das die Beschäftigten und Klienten.“

*Namen geändert

Im dritten Teil am Montag beleuchtet eine Sozialwissenschaftlerin der Leuphana das Problem der überlasteten Jugendämter.

Von Anna Paarmann

Forderungen der Gewerkschaft

„Obergrenze muss her“

Dass die Studie von Kathinka Bergmann, die zuletzt für reichlich Aufsehen gesorgt hatte, „voll den Nerv trifft“, davon ist Robert Kirschner von ver.di überzeugt. „In Stadt und Landkreis Lüneburg ist nicht alles besser“, sagt er. Bereits 2011 habe man gefordert, dass eine Obergrenze von 28 Fällen pro Vollzeitkraft nicht überschritten werden darf. „Das wird bei weitem nicht erreicht – auch in Lüneburg nicht.“ Derzeit habe ver.di zwei Rechtsfälle anhängig, im Fokus stünden Probleme rund um die Rufbereitschaft und die dafür notwendige Qualifizierung. Kirschner sagt, dass eine besondere Qualifizierung, die einen beispielsweise für eine Inobhutnahme befähigt, nicht allein durch ein Sozialpädagogik-Studium gegeben sei. Ebenso müssten familienfreundliche Lösungen für die in der Rufbereitschaft eingesetzten Beschäftigten gefunden werden. „Wir haben den Kreis bezüglich der Kollegen, die uns mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt haben, angeschrieben und warten jetzt auf eine Antwort.“

Zur Sache

Das sagt der Landkreis zu den Vorwürfen

Auf die Frage, ob es rechtlich erlaubt ist, dass fachfremde Sozialarbeiter Inobhutnahmen durchführen, sagt Landkreis-Pressesprecherin Urte Modlich, dass alle Sozialpädagogen und Sozialarbeiter Fachkräfte mit Fachhochschulausbildung seien, zu ihren Schwerpunkten auch die Jugendhilfe zähle. „Sie sind also keinesfalls fachfremd.“ Zudem seien die Mitarbeiter tariflich verpflichtet und hätten in ihrem Arbeitsvertrag erklärt, dass sie in Rufbereitschaft eingesetzt werden können – „egal auf welcher Position sie arbeiten“. Modlich weist auch auf Schulungsangebote hin und sagt, dass die Kräfte von erfahrenen Kollegen in die neue Aufgabe eingearbeitet worden seien.

Sie macht deutlich, dass die Entscheidung, diese Aufgabe auf „breitere sozialpädagogische Schultern“ zu verteilen, nicht aus einer Personalnot heraus getroffen worden sei, sondern um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erzielen. „Diese Form der Rufbereitschaft läuft in vielen anderen Jugendämtern im Umkreis problemlos.“

Die hohe Arbeitsbelastung bestreitet der Landkreis dagegen nicht: So heißt es von Ines Benne, Leiterin des Jugendamtes, und Sven Brüning, Leitung Kindesschutz, Erziehung, Sozialraumprojekte, auf LZ-Nachfrage, dass es Ende 2017 aufgrund von zahlreichen neuen Fällen und vielen Kindeswohlgefährdungsmeldungen drei Überlastungsanzeigen gegeben hätte. In der Folge hätte sich das Jugendamt dazu entschieden, im Bereich der Erziehungshilfen die Dokumentationsstandards vorübergehend zu lockern. Zudem soll in den kommenden Monaten Personal aufgestockt werden, so dass im Herbst 2018 insgesamt 17 Stellen vorhanden sind.

Aktuell sind 13 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst des Landkreises beschäftigt, plus Leitung. Dadurch soll sich die durchschnittliche Fallzahl, die im Januar des laufenden Jahres noch bei 52 pro Vollzeitstelle lag, ab August auf 38 reduzieren. Die Arbeitsbelastung begründen Benne und Brüning damit, dass freie Stellen nicht immer rechtzeitig besetzt werden können. „Gleichzeitig fehlt auf dem Markt Fachpersonal.“ Auf dieses Problem hätte der Landkreis aber reagiert, in dem er Bewerbern in diesem Bereich stets unbefristete Verträge anbiete. ap

Mehr dazu:

Das Wohl der Kinder ist ihr Job

One comment

  1. Lüneburg beschäftigt wie viele andere ebenfalls nur Tarifangestellte für „behördlichen Gewahrsam“, der schlicht Freiheitsentzug darstellt.
    Bei Gemeinden und Jugendämtern ist schon seit Jahrzehnten jegliches Grundrecht außer Kraft.
    „Kaiser“ und „Hoffmann“ sollten schleunigst Dienstaufsichtsbescherden gegen ihre Vorgesetzten einreichen, denn sie sind keine Beamte !!

    „Kaiser“ und „Hoffmann“ sollten BVerfG 2 BvR 133/10
    http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2012/01/rs20120118_2bvr013310.html
    durchlesen.
    Was das Jugendamt Lüneburg hier veranstaltet ist Bruch der Verfassung !! U.a. beteiligt sich das Jugendamt an komplett rechtswidrigem Freiheitsentzug und setzt ihre Mitarbeiter der vorsätzlichen Begehung von Straftaten aus.