Aktuell
Home | Lokales | Ein O stoppt die Kanada-Reise
Maria und Herbert Rother sitzen mit ihren inzwischen wieder ausgepackten Koffern in ihrem Lüneburger Haus. Der Frau wurde ein Kanada-Flug nicht gestattet, da sie in der Einreiseerlaubnis in ihrem Reisepass den Buchstaben O statt der Zahl 0 stehen hat. Foto: be

Ein O stoppt die Kanada-Reise

Lüneburg. „Es sollte unser letzter Flug nach Vancouver werden, unser letzter Besuch bei unserem Sohn und seiner Familie“, sagt die 80-jährige Maria Rother mit t rauriger Stimme: „Wir werden ja nicht jünger – und dann eine 20-stündige Reise, wenn alles gut geht.“ Der Anlass für die geplante dreiwöchige Reise mit ihrem Mann Herbert (84): Ihr Enkel Noah feiert in den nächsten Tagen seinen High-School-Abschluss, in Kanada sind solche Feste große Ereignisse.
Ihr Sohn habe sich eigens dafür und den Besuch aus Deutschland Urlaub genommen. Das Lüneburger Paar hatte die Reise gebucht und eine Lizenz aus Kanada für die Einreise in der Tasche. Doch ihre Reise endete jetzt am Donnerstag schon am Check-in der Lufthansa im Hamburger Flughafen. Der Grund ist ein großes O, das eigentlich die Zahl 0 hätte sein müssen.

Rund 2000 Euro Flugkosten

Es sind nicht die rund 2000 Euro Flugkosten, die sie nicht ersetzt bekommen, und auch nicht die 220 Euro für die Taxifahrten zum Fughafen und zurück, die das Ehepaar schmerzen. „Es wäre wohl das letzte Mal gewesen, dass wir die Familie komplett gesehen hätten“, klagt Herbert Rother. Sohn Martin ist gelernter Uhrmacher. Stolz erzählt sein Vater: „Er wanderte 1992 nach North Vancouver aus und heiratete seine Frau, die er auf seiner einjährigen Weltreise in einer Jugendherberge im kanadischen Whistler kennengelernt hatte. Heute ist er Spezialist für ganz teure Schweizer Uhren und arbeitet bei einem Juwelier.“

Von da an war das Ehepaar häufig zu Gast, Maria Rother: „17-mal sind wir schon geflogen, zuletzt 2016.“ In dem Jahr allerdings gab es von kanadischer Seite eine gesetzliche Neuregelung, für die Einreise muss eine Lizenz, also ein Visum beantragt werden. Herbert Rother erläutert das Procedere: „Über die offizielle Internetseite der kanadischen Regierung muss bei eTA Canada eine elektronische Reisegenehmigung beantragt werden. Das ist recht einfach: Angegeben werden muss die Reisepassnummer, eine Bestätigung kommt dann per E-Mail inklusive einer speziellen eTA-Nummer – diese Numer wird dann elek­tronisch mit der des Passes verbunden.“ Er gab im März die Daten seines Reisepasses und die seiner Frau ein: „Alles kein Problem, die Lizenzen bekamen wir, ausgestellt bis zum Jahr 2021.“ Und bei der Reise damals störten sich am Hamburger Flughafen weder Computer noch Flugpersonal an einer Kleinigkeit, die jetzt für den Schock sorgte.

Computer blockierte die Bordkarte

Als das Paar am Donnerstag gegen 10 Uhr am Check-in-Schalter stand, bekam der Lüneburger sofort seine Bordkarte, sein Koffer wurde bereits eingecheckt. Bei seiner Frau allerdings blockierte der Computer die Bordkarte, denn bei einem Abgleich ihrer Lizenznummer mit ihrer dort angegebenen Reisepassnummer fiel auf: Der Reisepass hat eine Zahlen- und Buchstabenkombination, in der der Buchstabe O auftaucht – und den darf es auf Pässen gar nicht geben.

Den Fehler hat Herbert Rother selbst begangen, räumt ihn auch ein, sagt aber: „Auf dem Pass meiner Frau ist genau in der Mitte der neunteiligen Kombination zwischen den beiden anderen Buchstaben R und Z ein 0 eingetragen. Ich dachte, dass müsste ein O sein, das RO könnte für den Anfang unseres Namens Rother stehen.“ Auf dem Pass ist die Zahl 0 auch identisch mit den Buchstaben O im Namen und im Geburtsort seiner Frau, nämlich Hohndorf. Für den normalen Betrachter nicht zu unterscheiden. Auch die Zahl 0 in Geburtsdatum der Frau und Gültigkeitsdauer des Passes unterscheidet sich nicht von dem O in der Nummer.

Ohne Visum kein Flug

Das störte das Personal am Check-in wenig, Herbert Rother erzählt: „Da ist ziemlich grob mit uns friedlichen Rentnern umgegangen. Es hieß nur: Ohne Visum kein Flug. Und dass die Verwechslung von 0 und O schon häufiger vorgekommen sei. Wir könnten ja Freunde anrufen, die über ihren Computer eine neue Lizenz beantragen. Aber das hätte bis zu drei Tagen dauern können.“ So hätten sie die Dame am Schalter gebeten, ihnen ein Taxi für die Rückfahrt zu rufen, da das eigene Handy defekt ist: „Aber sie schickte uns zu einem kleinen Postladen, der in einem kleinen Markt untergebracht ist – und dort wollten sie uns nicht telefonieren lassen.“ Also laufen zum Taxistand und den Traum von dem High-School-Fest des Enkels vergessen.

Dass es bei Angelegenheiten mit Dokumenten wie dem Reisepass schon mal zur Verwechslung zwischen der Zahl 0 und dem Buchstaben O kommt, weiß Ann-Cathrin Behnck vom Pressereferat der Hansestadt Lüneburg. „Die Schriftart ist durch eine EU-Richtlinie festgelegt, das hat uns die Bundesdruckerei auf Anfrage bestätigt. Und solche Fälle kommen bei uns im Bürgeramt ab und zu auch mal vor.“

Von Rainer Schubert

Hintergrund

Die verbotenen Buchstaben

Mit Einführung des neuen elektronischen Reisepasses wurde am 1. November 2007 auch eine neue Reisepassnummer präsentiert. Sie besteht aus einer willkürlich gewählten neunstelligen Zahlen- und Buchstabenkombination, der sogenannten alphanumerischen Seriennummer. Vorher bestand die Reisepassnummer ausschließlich aus einer Zahlenreihe, ohne Buchstaben. Die Passnummer setzt sich aus 27 Zahlen und Buchstaben zusammen. Um die zufällige Bildung sinnvoller Wörter zu verhindern, enthält die Reisepassnummer keine Vokale (a, e, i, o, u) und keine Umlaute (ä, ö, ü). Auch auf die Buchstaben b, s, q und d wurde verzichtet. Die Seriennummer im Ganzen besteht aus einer vierstelligen Behördenkennzahl, auf die eine zufällig gewählte alphanumerische Passnummer (genannt ZAP) folgt.