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Die Visualisierung zeigt, welche Gebäude im Zuge des Projektes Königsberger Straße im Freilichtmuseum am Kiekeberg entstehen sollen. (Grafik: FLMK)

Den Neustart der Vertriebenen nachfühlen

Ehestorf. Die Vergangenheit beginnt an einer Telefonzelle. Vor vielleicht 55 Jahren. Zumindest im Freilichtmuseum am Kiekeberg. Dort entsteht in einem Großprojekt ein Straßenzug mit unterschiedlichen Gebäuden, die typisch für das ländliche Leben in der Nachkriegszeit sind und bis heute das Erscheinungsbild der Dörfer in ganz Deutschland prägen. Am Freitag, 15. Juni, erfolgt der erste Spatenstich.

„Die Flucht und Umsiedlung der Familie stehen stellvertretend für das Schicksal von Millionen von Menschen.“
Stefan Zimmermann, Museumsdirektor

„Königsberger Straße“ heißt der gut sechs Millionen Euro teure Entwurf, der die Periode von 1949 bis 1970 erlebbar macht. „Wir stellen dar, wie Einheimische, aber auch Neubürger die Aufbauzeit erfahren haben“, erklärt Museumsdirektor Stefan Zimmermann, „dazu errichten wir sechs typische Gebäude einschließlich Gärten, Straßenlampen, Litfasssäule und Telefonzelle.“ Ausstellungen, Führungen, Mitmach-Aktionen und andere Programme begleiten das Projekt, das nach dem vor sechs Jahren eröffnete „Agrarium“ „die größte Herausforderung ist, die sich der Kiekeberg gestellt hat“, so Zimmermann.

Tostedter Familie stellt Haus zur Verfügung

Der Zeitpunkt ist gut gewählt, können doch noch viele Menschen der Erlebnisgeneration ihr Wissen weitergeben, Dokumente – von Bauunterlagen bis Fotoalben – in die Sammlung übergehen, zudem einzelne Nachkriegsgebäude im Originalzustand gesichert werden. So stellte eine Tostedter Familie ein komplettes Haus zur Verfügung, welches der Großvater aus Königsberger Zeit aufgebaut hatte. „Das ist für uns natürlich wie ein Sechser im Lotto“, freut sich der Museumsdirektor, „da sprudeln die Geschichten nur so heraus.“

Eine Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt, ein Aussiedlerhof, eine Ladenzeile mit Geschäften, ein Doppel-, ein Siedlungs- sowie ein Quelle-Fertighaus bilden das Ensemble und zeigen in ihrer ganzen Vielfältigkeit, wie Neubürger damals integriert und gemeinsam mit den Alteingesessenen gelebt haben. Dass das Freilichtmuseum dafür einen ganzen Straßenzug nachbaut, sei in Deutschland einzigartig, erläutert Zimmermann.

Mehr als zwölf Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte, zudem rund zehn Millionen ehemalige Zwangsarbeiter hätten nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen des nun geteilten Landes existiert, so der Museumsdirektor, „der Landkreis Harburg nahm überproportional viele Menschen auf und wuchs aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und der Zuzugsbeschränkungen in Hamburg sowie der Nähe zur Sowjetischen Besatzungszone weiter an“.

Treckwagen ein „großer Schatz“

Lebten 1939 noch rund 62 000 Bürgerinnen und Bürger in diesem Verwaltungsgebiet, seien es 1949 bereits knapp 125 000 gewesen – darunter auch die Familie von Hans Bierwag. Der hatte der Ausstellung jetzt einen so genannten Treckwagen übergeben und damit der „Königsberger Straße“ das erste Objekt vermacht. Der kleine überdachte Holzwagen stammt ursprünglich aus Bessarabien, einem Gebiet in der heutigen Ukraine, und diente Bierwag, seinen Eltern und der älteren Schwester als Fluchtmobil für einen 3000 Kilometer langen Marsch, der die Familie zunächst nach Bayern, später durch Umsiedlung nach Westpreußen und schließlich auf der Flucht vor der sowjetischen Armee in den Heidekreis führte. Bis heute hatte Bierwag den Treckwagen fahrbereit gehalten. „Er ist für uns ein großer Schatz“, so Zimmermann, „die Flucht und Umsiedlung der Familie stehen stellvertretend für das Schicksal von Millionen von Menschen. So können wir unseren Besuchern die vergangenen Ereignisse und ihre Bedeutung für die Betroffenen näher bringen.“

Bund, Land und Landkreis, Metropolregion, Stiftung Niedersachsen, der Lüneburgische Landschaftsverband, die Sparkasse Harburg-Buxtehude und die Sparkassenstiftung unterstützen das Projekt. In sechs Jahren soll die „Köngsberger Straße“ erlebt werden können.

Von Ute Lühr

One comment

  1. Schaefer Guenter

    Wer Interesse an diesen spannenden zeitgeschichtlichen Themen hat, sollte sich das Auswanderermuseum Ballinstadt (Hamburg Veddel) nicht entgehen lassen.
    Auch mit „kalt über den Rücken“-Effekt.