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Nicht nur Menschen, die gepflegt werden, sondern auch deren Angehörige und Pflegekräfte können sich mit ihren Anliegen an das Sorgentelefon wenden. Foto: Kasto

Hilfe, wenn es in der Pflege zu Gewalt kommt

Lüneburg. Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter: Körperliche Übergriffe, Verletzung der Intimsphäre, Belästigungen, bewusste Vernachlässigung oder die Ausnutzung des Vertrauensverhältnisses gehören dazu. Dabei kann Gewalt von pflegenden Personen oder auch von zu pflegenden Menschen ausgehen beziehungsweise diese können davon betroffen sein. Doch viele Betroffene trauen sich nicht darüber zu reden, wissen nicht, an wen sie sich in ihrer Not wenden können. Hilfe bei Konflikten und Gewalt bietet nun das Sorgentelefon (04131) 287375, das eine anonyme und vertrauliche Beratung ermöglicht.

Initiiert wurde das Sorgentelefon vom Kriminalpräventionsrat von Stadt und Landkreis Lüneburg, der 2016 den „Runden Tisch gegen Gewalt in der Pflege“ gegründet hat. Ihm gehören Vertreter von Stadt, Kreis, Polizei sowie Experten von Einrichtungen, die in der Pflege oder rund um das Thema Pflege tätig sind, an.

Viele haben Angst, das Thema anzusprechen

„Uns ist aufgefallen, dass es keinen zentralen Anlaufpunkt für Betroffene von Gewalt in der Pflege gibt“, sagt Kriminalhauptkommissarin Eleonore Tatge, die seit Jahren in vielen Projekten zur Gewaltprävention tätig ist. Und sie schildert einen Fall. Drei Pflegekräfte einer Senioreneinrichtung hätten in dem von Tatge veranstalteten Seminar „Wie Frauen sich schützen“ berichtet, dass ein zu Pflegender sich immer in den Genitalbereich gegriffen hätte, wenn sie ihn waschen mussten. „Für die Frauen war das entsetzlich. Erst trauten sich sich nicht, darüber zu sprechen. Dann wandten sie sich an die Pflegedienstleitung, in der Hoffnung, dass diese mit ihnen eine Lösung finden würde.“ Doch die habe die Pflegekräfte mit den Worten abgefertigt: Das sei ein Kunde, der müsse halt gewaschen werden. „Für die Frauen blieb offen, wer ihnen in dieser Situation helfen kann, damit es nicht weiter zu solchen Übergriffen kommt.“ Und genau das soll nun das Sorgentelefon bieten: Beratung verbunden mit Tipps, an wen man sich in einem solchen Fall wenden kann.

Übergriffe, Handgreiflichkeiten oder Belästigungen

Aber auch Pflegebedürftige können von Übergriffen, respektlosen Gesten und Worten, Handgreiflichkeiten oder Belästigungen und Ausgrenzung betroffen sein. Sie sind auf die Pflegenden angewiesen, können sich bei Problemen schlecht wehren oder haben Angst, das Problem anzusprechen. „Ein anonymer Ansprechpartner am Sorgentelefon macht das leichter. Er hilft, die Notlage zu reflektieren und Handlungsoptionen aufzuzeigen“, sagt Angela Lütjohann, Bereichsleiterin Soziale Dienste bei der Stadt. Das Beratungstelefon richtet sich außerdem an pflegende Angehörige, die manchmal an ihre Grenzen kommen, weil die physische wie auch psychische Belastung groß ist. Dann kann es dazu kommen, dass sie ungehalten und unangemessen reagieren. Schlimm für den Betroffenen, aber auch für den pflegenden Angehörigen, wenn er sich durchaus bewusst ist, dass er falsch gehandelt hat. „Über das Sorgentelefon wird dann beispielsweise an den Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachen verwiesen, der dann die Möglichkeit von mehr ambulanten Hilfen zur Entlastung Angehöriger aufzeigen kann und auch berät zu Pflegegraden.“

Sorgentelefon vor Ort wichtig

Zwar gebe es ein landesweites Pflege-Notruftelefon, „aber allen Beteiligten des Runden Tischs gegen Gewalt in der Pflege ist ein Sorgentelefon vor Ort wichtig, weil der Ansprechpartner dort alle wichtigen Kontaktstellen kennt, die weiterhelfen können. Das betrifft auch juristische Fragen“, erläutert Eleonore Tatge. Eine anonyme und vertrauliche Beratung sorge dafür, dass sich Betroffene eher trauen, sich mit ihren Sorgen und Nöten zu melden. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln der historischen Stiftungen der Stadt, deren Stiftungszweck die Unterstützung von Bedürftigen sowie älteren Menschen ist.

Ziel ist es nicht nur, dass Thema aus der Tabu-Zone herauszuheben und Betroffene zu unterstützen, „sondern es geht auch darum, weitere Hilfsangebote zu ermitteln oder bestehende weiterzuentwickeln“, machen Tatge und Lütjohann deutlich.

Das Sorgentelefon ist montags von 15 bis 17 Uhr unter Tel. (04131) 2873757 besetzt.

Von Antje Schäfer