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Bekommt die Johannes-Rabeler-Schule eine Verlängerung bis 2028? Foto: t&w

Rolle rückwärts zur freien Wahl?

Lüneburg. Das beschlossene Aus für die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen könnte noch einmal aufgeschoben werden. Der Schulausschuss des Rates sprach sich am Donnerstag mit den Stimmen von CDU, FDP, Grünen und AfD dafür aus, dass die Verwaltung zunächst Eltern von Kindern mit dem Förderbedarf Lernen befragen soll, ob sie ihr Kind lieber an einer Förderschule oder an einer Regelschule anmelden wollen mit dem Ziel, mindestens eine der beiden Förderschulen auf Stadtgebiet zu erhalten. Allerdings muss der Rat diese Empfehlung noch bestätigen. Vorausgegangen war eine lange Diskussion, die geprägt war von Sticheleien und Vorwürfen der angeblichen Unkenntnis in der Sache.

Der Schlagabtausch erinnerte an die vielen Systemdebatten, die auch in Lüneburg über Jahre geführt worden waren, wenn es um Gesamtschulen und das dreigliedrige System mit Haupt-, Realschulen und Gymnasien ging. Trennen oder gemeinsam unterrichten – das ist für viele Politiker eine Grundsatzfrage. Auslöser der neuerlichen Diskussion ist eine Änderung des Schulgesetzes in Niedersachsen, die es möglich macht, dass die Förderschulen Lernen noch in die Verlängerung gehen (LZ berichtete).

„Ich kenne viele Eltern, die mit der Inklusion nicht zufrieden sind, und bin auch von Lehrern angesprochen worden, die Förderschule zu erhalten.“
Sonja Jamme (CDU), Ausschussvorsitzende

Dabei wird die gemeinsame Beschulung an den Regelschulen als Inklusion längst praktiziert. Mit unterschiedlichem Erfolg. Und weil die Klagen jener Eltern, die bislang alles andere als zufrieden mit der Umsetzung sind, auch bei den Lokalpolitikern ankommen, wollen die die Gesetzesänderung nutzen und vor Ort wieder eine Wahlmöglichkeit schaffen, die es derzeit de facto nicht mehr gibt. „Wir wollen die gut funktionierende Johannes-Rabeler-Schule erhalten“, sagte Frank Soldan (FDP). Zumindest so lange, bis die Inklusion besser funktioniere. „Eltern könnten dann wieder selbst entscheiden, ob ihr Kind an einer Förderschule lernen oder inklusiv beschult werden soll.“

Widerstand gegen reine Förderschul-Lerngruppen

Unterstützung erhielt er von Dirk Neumann (AfD). „Ich bin der Meinung, unterschiedliche Schulen werden unterschiedlichen Schülern am besten gerecht.“ Was er hingegen ablehne, seien Lerngruppen, die sich ausschließlich aus Förderschulen zusammensetzen, aber an der Oberschule am Wasserturm angedockt werden. Das hatte die Verwaltung angeregt, war damit aber auch beim Leiter der Oberschule am Wasserturm, Uwe Wegener, auf Widerstand gestoßen, der sich in der Sitzung als klarer Befürworter der Inklusion outete: „Ich bin stolz auf die Umsetzung der Inklusion an unserer Schule.“ Die laufe gut. „Und viele Eltern wollen das, so ist zumindest unsere Beobachtung.“ 68 Schüler mit Förderbedarf Lernen habe er an seiner Schule aktuell, 13 kämen im Sommer hinzu. Er machte aber auch deutlich, dass er die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht sieht und sich mehr Bereitschaft auch der Gymnasien wünscht, Förderschüler aufzunehmen. „Denn die Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle gemeinsam angehen müssen.“

Sozialdezernentin Pia Steinrücke bekannte: „Die Lerngruppen waren meine Idee, ich habe davon aber wieder Abstand genommen.“

Doris Christmann, Leiterin der Johannes-Rabeler-Schule, möchte gar nicht für den Erhalt ihrer Schule kämpfen. „Ich plädiere dafür, dass wir keine Rolle rückwärts machen.“

Genügend Schüler für längere Zukunft der Schule

Als Vertreter der Landesschulbehörde im Ausschuss skizzierte Franz-Josef Kamp den rechtlichen Rahmen einer solchen Rolle rückwärts. Wenn die Johannes-Rabeler-Schule eine längere Zukunft bis 2028 erhalten soll, müsse es dafür genügend Schüler geben. Rein rechtlich werde das dann wie eine Schulneugründung betrachtet: Das bedeute, dass pro Jahrgang mindestens 13 Schüler erforderlich wären. Er bezweifle, dass es genügend Eltern gibt, die ihr Kind trotz Inklusion lieber zur Förderschule schicken. „Das werden Sie nicht hinbekommen.“

Eine Einschätzung, die nicht alle teilten und die nun bei der Befragung auf Herz und Nieren geprüft werden könnte. Laut Verwaltung gibt es aktuell 23 Kinder mit dem Förderbedarf L, die für eine 5. Klasse an einer Förderschule in Frage kommen. Mit diesen Eltern könnte die Stadt Kontakt aufnehmen. Weil das nur Schüler der städtischen Schulen sind, kämen ja noch die Kinder aus den umliegenden Landkreisgemeinden infrage, gab Ulrich Löb (Grüne) zu bedenken. Er glaubt: „Die notwendigen Zahlen sind zu erreichen.“

Allerdings möchte die Stadt die Eltern aus dem Landkreis nicht befragen, wie Pia Steinrücke deutlich machte. „Verwaltung und Politik im Landkreis sind meines Wissens mehrheitlich für ein Auslaufen der Förderschulen.“ Wenn sich der Kreis rausziehe, warum soll die Stadt dann deren Schüler mit in einem nicht gewollten System versorgen? „Ich bin zunächst mal zuständig für Kinder in Lüneburg.“

Holger Nowak (SPD) forderte: „Wir sollten die Ressourcen lieber an den Regelschulen einsetzen.“ Die Ausschussvorsitzende Sonja Jamme (CDU) hingegen begründete ihr Votum für eine Verlängerung der Förderschulen: „Ich kenne viele Eltern, die mit der Inklusion nicht zufrieden sind, und bin auch von Lehrern angesprochen worden, die Förderschule doch zu erhalten.“

Reichlich Anfragen an der Schaperdrift

Anders als bei ihrer Kollegin Christmann hörte sich die Einschätzung der Lage bei Katrin Pfeffer an. Die Leiterin der zweiten Förderschule Lernen, der Schule an der Schaperdrift, war als Zuhörerin dabei und meldete sich zu Wort: „Zu sagen, dass es alles super funktioniert mit der Inklusion, ist ein Trugschluss. Wir haben vier Klassen in den Jahrgängen 8, 9 und 10, alle sind rappelvoll“, führte sie als Beleg für die Nachfrage nach Förderschulplätzen an. „Und es gab allein bei uns zwölf Anfragen für die 5. Klasse, die schicken ihre Kinder jetzt alle nach Hamburg und Winsen zu Förderschulen.“

Von Alexander Hempelmann

Reaktionen

Tränen der Wut

Einige der Eltern, die sich zu einer Initiative zusammengeschlossen hatten, um zumindest vorübergehend für den Fortbestand der Förderschulen Lernen zu kämpfen (LZ berichtete) waren zum Ausschuss gekommen – und wurden bitter enttäuscht. Parteipolitik, Zahlen und Statistiken hätten im Vordergrund gestanden, nicht die betroffenen Kinder, eine sachliche Diskussion haben sie vermisst. Sie hätten die Sitzung als ein von der Verwaltung inszeniertes Theaterstück empfunden. Stundenlang durften sie erst zuhören, wie sich Politiker angifteten und Schulleiter äußerten, aber selbst als die Sitzung nach einer gefühlten Ewigkeit extra unterbrochen wurde, wurde einer betroffenen Mutter das Rederecht verweigert mit Verweis darauf, dass sie nicht in der Stadt wohne, sondern in einer Landkreisgemeinde. Bei Franz-Josef Kamp, nicht als SPD-Kreistagsabgeordneter, sondern als Vertreter der Landesschulbehörde im Schulausschuss, vermissten sie Neutralität. So habe es nach der Sitzung Tränen der Enttäuschung und Tränen der Wut gegeben, berichtet Anja Meyer stellvertretend. Aufgeben wollen sie und ihre Mitstreiterinnen aber nicht. 

One comment

  1. wie soll eine gesellschaft funktionieren, wenn der gesunde dem kranken nicht hilft? wenn der starke dem schwachen nicht hilft? aus egoistischen gedanken, sind altersheime entstanden und das kastensystem der schulen. bei der pflege wird sich auch dort vom acker gemacht. ich verstehe egoisten nicht. sie können doch auch mal betroffene sein. wer ist bei diesen themen neutral?