Aktuell
Home | Lokales | „Ein offenes Geheimnis“
Auch Prof. Dr. Angelika Henschel von der Leuphana Universität kritisiert die Strukturbedingungen, denen die Mitarbeiter der Jugendämter ausgeliefert sind. (Foto: t&w)
Auch Prof. Dr. Angelika Henschel von der Leuphana Universität kritisiert die Strukturbedingungen, denen die Mitarbeiter der Jugendämter ausgeliefert sind. (Foto: t&w)

„Ein offenes Geheimnis“

Lüneburg. Rund 22 000 Kinder und Jugendliche wurden im Jahr 2016 von Familienmitgliedern körperlich und psychisch misshandelt, teilweise sogar sexuell. Das geht aus Erhebungen des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Sozialwissenschaftlerin und Politologin Kathinka Beckmann hat deutschlandweit 652 Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste befragt – und erschreckende Ergebnisse zu Tage gefördert. Zu viele Fälle, zu wenig Personal und schlechte Ausstattung führen dazu, dass Sozialarbeiter Kindern und Familien oft nicht ausreichend helfen können. Prof. Dr. Angelika Henschel, sie beschäftigt sich an der Leuphana unter anderem mit Gewalt in Generationen- und Geschlechterverhältnissen, hat für die LZ im dritten Teil der Berichterstattung über die Situation der Jugendämter einen Blick auf die Studie geworfen, im Interview über den Fachkräftemangel, fehlende Sensibilisierung und die Historie des Gewaltbegriffs gesprochen.

Jugendhilfe ist eines ihrer Fachgebiete. Wie schätzen Sie die Studie von Kathinka Beckmann ein, der zufolge viele Jugendämter für den Kampf gegen Misshandlung zu schlecht ausgestattet sind?

Prof. Dr. Angelika Henschel: Die Überlastung der Mitarbeiter ist seit langem ein offenes Geheimnis. Deshalb ist eine solche Studie wichtig, sie zeigt auf, dass es an Ausstattung und Personal mangelt, es zu viele Fälle zu betreuen gibt, all das kaum mehr zu bewältigen ist. Dazu kommt, dass es in bestimmten Sektoren der Sozialen Arbeit mittlerweile einen richtigen Fachkräftemangel gibt. Die Arbeitsbedingungen, zum Teil auch befristete Stellen, können zu einer großen Personalfluktuation führen. Für die Betroffenen kann so keine Kontinuität in der Unterstützung gewährleistet werden. Die Studie kritisiert nicht zuvorderst die Qualität der Angestellten in den Jugendämtern, sondern die Strukturbedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Dass es keine angemessenen Besprechungsräume, teilweise keine Autos für Termine gibt und der bürokratische Zeitaufwand dazu führt, dass die Klientenkontakte nicht in angemessenem Zeitrahmen durchgeführt werden können, sind nur einige Beispiele.

Was muss sich ändern?

Ich bearbeite das Thema Familiengewalt zurzeit in einem Seminar für angehende Lehrkräfte für Berufsbildende Schulen, die später Erzieher ausbilden. Praktiker, die in Lüneburg tätig sind, werden in diesem Rahmen auch über Kinderschutzangebote und Präventionsmöglichkeiten hinsichtlich Kindeswohlgefährdung berichten. Es ist wichtig, dass nicht nur Sozialarbeiter auf die Thematik Kindesmisshandlung und -vernachlässigung vorbereitet werden, um ein enges Netzwerk von Hilfsmöglichkeiten für die Betroffenen etablieren zu können.

Zurzeit gibt es an den Hochschulen noch zu wenig Aufklärung in Bezug auf diese Thematik. Es gilt also, dass auch andere Berufsgruppen wie Lehrkräfte, Erzieher, Familienrichter oder Personen aus dem Gesundheitsbereich sensibilisiert werden, um Signale früh zu erkennen und entsprechende Hilfsmaßnahmen einleiten zu können.

Wieso Familienrichter?

Da Familienrichter über das Schicksal der Kinder, Eltern und der gesamten Familie entscheiden und zudem der Begriff Kindeswohlgefährdung auslegensfähig ist, sind Fortbildungen auch für diese Berufsgruppe sinnvoll. Es geht um die Frage, inwiefern das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes gefährdet ist und ob die Eltern in der Lage sind, diese Gefahr abzuwenden. Die Entscheidung, ob ein Kind aus seiner Familie genommen wird, trifft letztendlich das Familiengericht. Bei einer Inobhutnahme kommt es dann vorübergehend in eine Pflegefamilie, ins Heim oder zu einem Kinder- und Jugendnotdienst – immer in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Tatsächlich ist dieser Schritt für die Gerichte aber die allerletzte Option, da in Deutschland die Stellung der Familie sehr hochgehalten wird und auch das Elternrecht als besonders schützenswertes Gut erachtet wird. Die Elternrechtsorientierung kann dann in Folge auch dazu führen, dass die Kinder mit ihren spezifischen Bedürfnissen und Interessen vor Gericht zu wenig Beachtung finden.

Haben Misshandlungen in den vergangenen Jahren tatsächlich zugenommen oder hat sich in dem Bereich doch etwas getan?

Das ist kein neues Thema und dennoch müssen wir feststellen, dass wir über unzureichendes Datenmaterial verfügen. Es gibt kaum systematische Studien, aus denen sich valide Aussagen zur Häufigkeit von Misshandlungen bzw. zu Risiken, dass Kinder zu Opfern werden, ableiten lassen. Die Kriminalstatistiken der Polizei, die jährlich herausgegeben werden, erfassen zudem nur die Fälle, die zur Anzeige gebracht wurden. Wir müssen also von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Denn Kindesmissbrauch kann in allen Schichten vorkommen. Zudem müssen wir uns stärker damit auseinandersetzen, was wir als Gewalt definieren. Denn ein solcher Begriff ist auch immer abhängig von seiner jeweiligen historischen Entwicklung, den herrschenden gesellschaftlichen Normen und Werten. In Bezug auf Kinder hat das Züchtigungsrecht und damit das Motto „Wer sein Kind liebt, züchtigt es“ eine lange Tradition. Das väterliche Züchtigungsrecht bestand in der Bundesrepublik Deutschland bis zum 1. Juli 1958. Dann trat das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft. Das allein väterliche Züchtigungsrecht stellte einen Verstoß gegen den Gleichberechtigungsgrundsatz von Mann und Frau dar. Das elterliche Züchtigungsrecht bestand als Gewohnheitsrecht jedoch weiter und so waren körperliche Misshandlungen zum Beispiel bis in die 60er-Jahre auch in den Schulen an der Tagesordnung. Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte schwarze Pädagogik, die eigentlich erst ab 1968 durch die Einführung eines anderen Erziehungsstils aufgebrochen wurde. Kinder wurden fortan als Menschen mit eigenen Rechten angesehen. Und im Jahr 1992 ratifizierte die Bundesregierung dann auch die UN-Kinderrechtskonvention – allerdings sind gesonderte Kinderrechte bis heute im Grundgesetz nicht verankert.

Was treibt Eltern dazu, ihren Kindern Schmerzen zuzufügen?

Die wenigsten Täter sind Sadisten, die ihre Kinder systematisch quälen wollen. Das hat etwas mit den Sozialerfahrungen der Eltern zu tun, natürlich aber auch mit Überforderung. Es geht darum, die kindlichen Bedürfnisse und Interessen anzuerkennen, Kindern mit Wertschätzung, Respekt und Achtung zu begegnen. Sie stellen Anforderungen an ihre Eltern, haben diese selbst Gewalt in der Kindheit erfahren, birgt dies das Risiko, dass es zu Gewalttaten kommen kann.

Ab wann spricht man eigentlich von Misshandlung?

Kindesmisshandlungen und -vernachlässigung sind zunächst einmal als negative, in der Regel wiederkehrende Einwirkungen auf ein Kind zu verstehen. Dies kann im Sinne physischer Gewalt bereits eine Ohrfeige sein, die bei einem sehr kleinen Kind auch hirnphysiologische Schädigungen anrichten kann. Ein weiteres Beispiel ist das Schütteltrauma, das in der Folge zu massiven Behinderungen oder aber auch zum Tod führen kann. Ich spreche mich deshalb dafür aus, mit einem erweiterten Gewaltbegriff zu arbeiten. Danach spielt auch die Psyche eine große Rolle: So können Erniedrigungen und Demütigungen die psychische und kognitive Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Aber auch die Vernachlässigung, also die andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns, stellt eine Form von Misshandlung dar.

Wie kann die Situation der Mitarbeiter in den Jugendämtern verbessert werden? Die Leiterin der Studie fordert, dass die Kommunen von der Finanzierung befreit werden.

Um das beim Bund anzusiedeln, müssen gesetzliche Veränderungen vorgenommen werden. Bislang ist es Aufgabe der Kommunen, Finanzmittel und Personal vorzuhalten. Und viele Kommunen sind aufgrund der fehlenden finanziellen Möglichkeiten schlecht ausgestattet. Daher stellt sich jetzt, auch aufgrund der aktuellen Studie, die Frage, wie der Bund damit weiter umgehen wird. Ob er bereit ist, mehr Geld in den Kinderschutz und in den Abbau von Machtverhältnissen zwischen den Generationen zu investieren. Zu einer Verbesserung der Situation gehören viele Faktoren: die Ausbildung, die Sensibilisierung, um das Thema überhaupt wahrzunehmen, die Finanzierung und eine strukturelle Ausstattung, die Qualität sichert und das Wohl der Kinder im Blick hat.

Von Anna Paarmann

Mehr dazu:

Das Wohl der Kinder ist ihr Job

Personal im Jugendamt am Limit