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Marieke ist Eriks beste Freundin. Das Mädchen führt den von Geburt an blinden Jungen die Treppenstufen zum Eingang der Grundschule in Erbstorf hinauf. (Foto: phs)
Marieke ist Eriks beste Freundin. Das Mädchen führt den von Geburt an blinden Jungen die Treppenstufen zum Eingang der Grundschule in Erbstorf hinauf. (Foto: phs)

Ein Blinder unter lauter Sehenden

Ebstorf. Erik ist heute nicht gut auf Ralf zu sprechen. „Ich würde ihn auf den Sperrmüll schmeißen“, murrt der Siebenjährige, „oder aus dem Fenster. Der nervt!“ Mit energischen Schritten stapft er auf dem Gehweg voraus. Schließlich weiß er schon allein, wo die gefährlichen Straßen seinen Schulweg kreuzen, kann er auch hören, wann seine Mitschüler auf ihren Rädern an ihm vorbeirauschen und die warme Hand seiner Mutter in seiner Linken spüren. Wer braucht da schon Ralf, den Langstock? Bei aller Abneigung: Erik braucht ihn. Wenn er eines Tages allein zur Schule gehen möchte, dann muss er sich an den vibrierenden weißen Stab in seiner Hand gewöhnen, denn Erik ist von Geburt an blind.

Es ist noch früh am Morgen. Autos und Laster bilden lange Schlangen an den Ampeln. Ab und an, wenn einer besonders laut brummt, fragt Erik: „Was ist das? Woher kommt der?“ Und seine Mutter Jessica wirft einen Blick auf die Lkw-Werbeaufschrift, um seine Neugierde zu stillen. Kinder fragen viel, Erik fragt doppelt so viel. Wie sieht eine Wolke aus? Wann darf ich Auto fahren? Manchmal treffen seine Fragen Jessica Trumpa mitten ins Herz. Erik lässt Ralf artig von links nach rechts über das Pflaster pendeln – schließlich will er kein „Waschmaschinenverbot“ riskieren. Nichts rattert und duftet so schön wie eine Waschmaschine im Schleudergang.

Nachmittags schnappt sich Erik oft einen Hocker und schiebt ihn vor die rotierende Wäschetrommel, drückt sein Gesicht an die Scheibe und lauscht dem gleichmäßigen Sound aus dem Inneren. Stoffe mag er, laute Dinge sowieso. Schleuderfrequenz 1600, „das ist richtig doll“, alles darunter besser als nichts.

Vor der Mauritius-Schule wartet Eriks Klassenkameradin Marieke. Als sie ihn sieht, läuft sie zu ihm, greift seine Hand und führt ihn die Treppenstufen zum Eingang hinauf. Jessica Trumpa steht etwas abseits und schaut zu, wie die beiden quatschend im Gebäude verschwinden. „Jetzt bin ich abgeschrieben.“ Sie seufzt. Jetzt ist Erik der, der Mathe „nicht lustig“ findet, es aber trotzdem lernen muss, der Mädchenschwarm, der beste Freund – nicht der Blinde. In solchen Momenten werden Träume wahr, die Eriks Eltern vor wenigen Jahren nicht zu träumen wagten.

Ihr Sohn war gerade vier Wochen alt, da drückte ihnen ein Arzt einen Wikipedia-Ausdruck in die Hand: „Peters-Plus-Syndrom“, eine sehr seltene Entwicklungsstörung im vorderen Augenabschnitt mit lediglich 20 dokumentierten Fallbeispielen. Die Trumpas googelten Symptome: Blindheit, Minderwuchs, kognitive Entwicklungsverzögerung, Herzfehler, Nieren- und Atemwegserkrankungen. Keines davon war zutreffend – bis auf die starke Hornhauttrübung und die Tatsache, dass Erik etwas kleiner war als andere Kinder in seinem Alter. In einer Fachklinik in Erlangen sagte man ihnen, das könne man nicht operieren. „Kümmern Sie sich um Blindenfrühförderung.“ Da brach Markus Trumpa zusammen.

Man muss ständig kämpfen

Kinder brauchen Förderung – manche mehr, manche weniger. Doch dieses „Mehr“, sagt Markus Trumpa, sei in Deutschland nicht selbstverständlich. „Die Kassen lehnen alles ab. Man muss ständig kämpfen“, sagt der Vater. Bis zu vier Stunden wöchentlich tut er das am Schreibtisch oder am Telefon. Erik sollte auch einen Kindergarten besuchen und eine ganz normale Schule, stand für seine Eltern fest.

Seit 2013 wird keinem Kind in Niedersachsen der Zugang zu einer Regelschule aufgrund einer Behinderung verwehrt. So sieht es nicht zuletzt der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention vor, der den diskriminierungsfreien Zugang zum Bildungssystem garantiert. Seitdem ist die Zahl der Schüler mit Förderschwerpunkt an öffentlich allgemeinbildenden Schulen rasant gestiegen – von 3178 auf 22 879 Kinder im Jahr 2016.

Im Klassenraum der 1c sitzt Eriks treueste Gefährtin: Christine Zörner, seine Schulbegleiterin. Er ist das dritte Kind, das sie durch die Unterrichtszeit führt – freiberuflich. Darauf legt sie wert. Zweimal hat sie den Landkreis Uelzen verklagen müssen, als sie ihren eigenen Sohn mit geistiger Behinderung vor etlichen Jahren schon an einer regulären Schule unterrichten lassen wollte, jedes Mal mit Erfolg. Als die Mutter eines blinden Mädchens sie bat, ihr beim gleichen Anliegen zu helfen, beschloss sie kurzerhand, die Begleitung selbst zu übernehmen, lernte Blindenschrift und ist heute so etwas wie Eriks Schatten: immer da, aber niemals im Weg.

Zwei Prozent Sehfähigkeit

Erik sitzt an seinem Schultisch vor einem Flachbildschirm. Über eine Kamera werden Details aus dem Klassenzimmer stark vergrößert übertragen. Wenn er ganz nah mit dem linken Auge an den Monitor heran geht, kann er mit den restlichen zwei Prozent Sehfähigkeit die kontrastreiche Gelschrift an der Tafel erkennen – oder die Zahlen aus dem Mathebuch. „Mach‘ mal den richtigen Kontrast“, weist er seine Sitznachbarin Jasmin an. Blau, rot, gelb – die Farben wechseln im Sekundentakt, wie Lichter in der Disco. Dann schiebt Jasmin ein Bild von einem Mädchen mit Herzen und Schmetterlingen auf die Übertragungsplatte. Erik lacht: „Oh, das hast Du schon vor langer Zeit gemalt.“ Jasmin mit der „netten Stimme“, „die beste Freundin, die es gibt auf der Welt“.

Der Unterricht beginnt. Mathe. Während die übrigen Kinder Rechenergebnisse in ihre Hefte kritzeln, schreibt Erik die Zahlen mit der Punktschriftmaschine auf ein Blatt Papier. Eine Förderschulkraft – zweimal pro Woche kommt sie in die Klasse – bereitet alle Aufgabenblätter vor. Christine Zörner führt dann Eriks Hand über die kleinen Erhebungen der Punktschrift. Er flüstert, was er liest. Oft muss er sich mehr merken als die anderen, bei Abschreibübungen zum Beispiel: Lesen und schreiben gleichzeitig, das funktioniert natürlich nicht.

Pause! Erik und Jasmin liegen auf der Nestschaukel, die Augen geschlossen. Zwei Mitschüler schubsen sie höher und höher in die Luft. Ein bisschen wie fliegen, denkt Erik. „Das ist so schön, wenn es so kitzelt im Bauch.“

Die selbstgebastelte Tischunterlage für die Frühstückspause hat Erik mit Strukturpaste bemalt. Jetzt kann er die große, gelbe Sonne ertasten – genauso die Plastiklöffel und Strohhalme, die Klassenlehrerin Laura Graf für den Sachkundeunterricht mitgebracht hat. Thema Abfall.

Neulich, im Sportunterricht, wurde balanciert. Erik ließ sich von Christine Zörner über die Bänke führen. Mit einem Mal fragt er: „Haben die anderen eigentlich auch einen an der Hand?“ Sie verneint. Erik zieht sofort seine Hand aus ihrer.

Mit Zangen und Eimern ausgestattet soll die Klasse heute den Pausenhof von Müll befreien. Erik will auch. Marieke hat eine Idee: Laut klatschend läuft sie voraus, er folgt den Geräuschen. Vor einem Taschentuch lotsen ihn die anderen: links, rechts, weiter vorne! Wenige Sekunden später hat Erik das zerfledderte Papier am Haken.

Zu viele Hürden für Eltern

Thomas Gudella, Leiter der Mauritius-Schule, schätzt, dass drei bis vier Kinder pro Klasse in Ebstorf zusätzliche Hilfe benötigen. Nicht immer sei das gleich offensichtlich. Und nicht immer sei es einfach, dem Schulträger zu vermitteln, welche Maßnahmen das erfordert: Im Falle einer Angststörung zum Beispiel brauche es einen zusätzlichen Raum, damit sich das Kind der Gruppensituation entziehen könne – und eine zusätzliche Kraft, die es begleitet. Obwohl die Schülerzahl in den vergangenen zehn Jahren stark gesunken ist, hat sich das Personal an seiner Schule verdoppelt. Ob das reicht? „Definitiv nein!“, antwortet Gudella: zu wenig Förderstunden und zu viele Hürden für Eltern, die sich eine Schulbegleitung für ihren Nachwuchs wünschten. Gudella: „Es ist inzwischen eine meiner Hauptaufgaben, den Kindern zu ihrem Recht zu verhelfen.“

Schulschluss. Erik muss sich beeilen. Unten im Foyer wartet schon Oma Bettina – wie immer, wenn es nachmittags zum Endokrinologikum nach Hamburg geht: Wachstumsfortschritte messen, Blutwerte überprüfen. Allein im vergangenen Jahr musste Erik neunmal operiert werden, um den Augeninnendruck zu senken.

Oma Bettina fährt einen enttäuschend leisen VW. Erik steigt also vor der Abfahrt noch schnell in den alten Volvo von Christine Zörner, denn ein gutes Auto muss klingen wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Der Volvo brummt. Erik fährt die Fenster rauf und runter und grinst. Was er mal beruflich machen möchte? Er grübelt. Nichts mit Autos, nichts mit Wäsche. „Arzt“, sagt er. „Ich möchte Kinderarzt werden, falls Jasmin mich mal braucht.“

Von Anna Petersen

One comment

  1. Danke für den Artikel. Ich kann jedem DIALOG IM DUNKELN in Hamburg empfehlen. Eine Art Museum indem es stockfinster ist. Ein beeindruckende Erfahrung für „Sehende“.