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Steinmetz und Bildhauermeister Rainer Mencke und Pastorin Renate Weseloh-Klages am Gedenkstein für verstorbene Babies. (Foto: kre)
Steinmetz und Bildhauermeister Rainer Mencke und Pastorin Renate Weseloh-Klages am Gedenkstein für verstorbene Babies. (Foto: kre)

Friedhof der Engelskinder

Adendorf. Man nennt sie Schmetterlings-, Sternen- oder Engelskinder. Denn kaum auf der Welt, entschwinden sie auch schon wieder. Babys, die sterben, bevor sie überhaupt richtig angekommen sind im Leben. Mehr als 2000 Kinder werden in Deutschland jedes Jahr tot geboren. Für Eltern und Angehörige ist das ein unfassbarer Schicksalsschlag. Sie hatten sich darauf gefreut, ihr Kind auf eine gute Zukunft vorzubereiten, stattdessen müssen sie es nun zu Grabe tragen. Auf dem Adendorfer Friedhof wurde dafür jetzt ein ganz besonderer Ort geschaffen – eine letzte Ruhestätte für Frühchen und Babies bis zum vollenden ersten Lebensjahr.

Es ist ein wunderschöner Tag. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel, die Vögel zwitschern. Ein Tag, viel zu schön, um über Tod und Trauer zu sprechen. Doch genau das ist das Thema an diesem Morgen. Die Pastorin der Emmaus-Kirchengemeinde hat zum Pressetermin auf den Adendorfer Friedhof geladen. Dort steht seit Anfang der Woche ein Grabmal, das in seiner Form an etwas erinnert. Das man eher in einer Kindertagesstätte als auf einem Friedhof erwarten würde. Die Skulptur erinnert an die bunten Holzbauklötze, mit denen Kinder in den ersten Lebensjahren mit Begeisterung spielen. Nur, dass die Klötze nicht nicht aus Holz, sondern aus Granit gefertigt sind und mehr als eine Tonne Gewicht auf die Waage bringen.

Handwerker und Künstler

Entworfen und gebaut wurde das ungewöhnliche Grabmal von dem Lüneburger Steinmetz Rainer Mencke. Dass ihn die Pastorin auch als Künstler vorstellt, mag er aber gar nicht gerne hören. „Ich bin kein Künstler, ich bin Handwerker“, stellt er klar.

Entdeckt hatte Weseloh-Klages ein Modell der Skulptur im Ausstellungsraum des Steinmetz- und Bildhauermeisters und sofort gewusst: „Genau das ist es, was wir für Adendorf brauchen.“ Begeistert ist die Theologin von der „Leichtigkeit“ der Skulptur. Fast könnte man glauben, dass Kinder noch bis vor kurzem mit den Klötzen gespielt hätten. „Der Friedhof ist ein Ort der Trauer und des Schmerzes“, sagt die Theologin. Das Grabmal soll mit seiner spielerischen Leichtigkeit mit dazu beitragen, Trost zu spenden.

Dass es nun auch nicht nur in Lüneburg, sondern auch in Adendorf eine letzte Ruhestätte für verstorbene Frühchen und Säuglinge gibt, begrüßt Veit Carminke vom Feuerbestattungsverein Lüneburg ausdrücklich: „Dass den jungen Eltern ein solcher Ort der Trauer gegeben wird, das war schon immer ein Herzenswunsch von uns“, sagt Carminke, dessen Verein nicht nur lobt, sondern das Aufstellen der Skulptur mit 4000 Euro finanziell kräftig unterstützt hat.

Beisetzung am „Sternschnuppenbaum“

Beigesetzt werden die verstorbenen Kinder rund um den sogenannten „Sternschnuppenbaum“ – eine Kastanie, die ebenfalls gespendet wurde. Die Namen der Kinder aber werden am Grabmal angebracht. „Wir wollen, dass diese Kinder wie alle Menschen würdevoll bestattet werden“, sagt Pastorin Weseloh-Klages „dazu ist ein Name für das Kind ganz wichtig.“

Ob die Eltern sich für eine Urnen- oder Sargbestattung entscheiden, das bleibe ihnen überlassen. Auch die Frage der Konfession spiele keine Rolle. Auch nicht, ob überhaupt noch Zeit war, das Kind zu taufen, bevor es verstarb. Im Tode sind alle gleich und unter dem Sternschnuppen-baum sollen sie alle – wenn auch viel zu früh – ihre letzte Ruhe finden. Darauf weist nicht zuletzt der Psalm hin, der mit weißer Schrift am Fuße der Skulptur eingraviert wurde: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen.“ Das ist ein Taufspruch: „Jetzt soll er den Eltern Trost spenden, dass für ihre Kinder auch nach dem Tod etwas Gutes kommt“, sagt die Pastorin.

Würdevoller Raum der Begegnung

Dass der neue Platz auf dem Friedhof berührt, das hat Marcus Benecke bereits erleben dürfen. Obwohl das Grabmal erst wenige Tage steht, zeigte sich eine Friedhofsbesucherin bereits „tief beeindruckt und gerührt“ von der letzten Ruhestätte für die Sternenkinder, berichtet der Landschaftsgärtner. „Hier wurde ein würdevoller Raum der Begegnung geschaffen. Damit übernimmt die Kirche auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe“, betont Rainer Mencke, der weiß, dass junge Eltern, die eine Totgeburt zu verkraften haben, noch viel zu oft von den Ärzten alleine gelassen werden.“

Was jetzt noch fehlt ist eine Bank, auf die sich Angehörige setzen können, um stumme Zwiesprache mit ihrem Kind halten zu können: „Aber für die findet sich bestimmt auch ein Spender“, hofft Weseloh-Klages.

Von Klaus Reschke

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