Donnerstag , 20. September 2018
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Hilke Lamschus am „Salztisch“, der per Fingerdruck zu den bedeutendsten Salzvorkommen führt, rund um die Welt. Foto: A/t&w

Der Platz für die Extras fehlt

Lüneburg. Die Lüneburger Museumslandschaft bleibt in Bewegung. Am 25. August soll nach langer Schließung das Ostpreußische Landesmuseum erweitert und zeitgemäß erneuert öffnen. Ein paar Schritte weiter bereitet sich Kuratorin Hilke Lamschus auf eine grundsätzliche Sanierung des Deutschen Salzmuseums vor. Es ist mit rund 55.000 Besuchern ein Magnet, besonders für Touristen und Schulklassen. Das Museum wird aber, wenn das Geld für die Sanierung fließt, zeitweise schließen müssen, wie Hilke Lamschus im Interview sagt.

Vorweg: Was passiert aktuell nach dem Brand vor 14 Tagen am ehemaligen Solebehälter?
Hilke Lamschus: Das Feuer entstand zwar außen, aber eine Reinigungsfirma ist dennoch dabei, den Innenbereich von Rauch und Ruß zu befreien. Der Solespeicher war 1989 schon einmal Opfer eines Brandstifters. Obwohl damals ein Großteil des Gebäudes zerstört wurde, steht der historische Rest heute noch unter Denkmalschutz. Die verkohlten Balken müssen jetzt mit Trockeneis gereinigt werden, danach werden sie auf weitere Verwendungsfähigkeit hin überprüft, ein Sachverständiger klärt grundsätzlich die Standsicherheit des Gebäudes. Das Arbeitsmaterial der Museumspädagogik im Untergeschoss konnte gerettet werden, es lagerte in verschlossenen Kästen und ist noch voll einsetzbar. Zum Glück ist unser Museumsbetrieb nicht beeinträchtigt.

Das Museum wird im nächsten Jahr 30 Jahre alt und trägt den Namen „Deutsches Salzmuseum“. Ist die Betonung auf das Überregionale eigentlich hilfreich, lockt nicht zuerst das Originale Besucher an?
Das hat mehrere Aspekte. Ein Lüneburger Salzmuseum wäre erst einmal eines von vielen Salzmuseen in Deutschland, oftmals nur kleinen Heimatstuben, wir wollten es höherwertig ansetzen. Lüneburg-Touristen wollen natürlich das Stadttypische sehen. Darüber freuen wir uns. Aber wenn man sich mit der Salzgeschichte befasst, erkennt man, dass Salz in der Gesellschaft heute eine noch größere Bedeutung hat als früher. Nur ein Prozent der Salzproduktion landet auf dem Teller, zwölf Prozent auf den Straßen, und in der Industrie ist Salz einer der wichtigsten Stoffe. Wir wollen die Vor- und Nachteile zeigen, die mit der Salzproduktion einhergehen, von der Ernährung über die Ökonomie und Ökologie bis zum Städtebaulichen in Lüneburg mit den Senkungsschäden. Aus gegenwärtiger Sicht spielen überregionale Aspekte bei dem Thema Salz eine wichtige Rolle. Da reicht eigentlich die Klassifizierung „deutsch“ nicht aus, hier müsste ein „global“ vor dem Museum stehen.

Es gibt ja einige wichtige Salzstädte in Deutschland, wie ist das Lüneburger Museum da einzuordnen?
Es gibt viele kleine Salzmuseen, die vorwiegend Arbeitsgerät zeigen und lokale Geschichte vermitteln. Schon in Soltau steht das nächste Salzmuseum. Zu den attraktivsten in Deutschland zählt neben unserem Haus sicher das Salzbergwerk in Berchtesgaden.

Jetzt steht das Haus vor einem Umbruch, beginnend mit einer großen Sanierung für geplant 3,5 Millionen Euro; was sind die wichtigsten Maßnahmen?
Wie befinden uns zurzeit in der Antragsphase. Ursprünglich hatten wir Pläne für das gesamte Siedehaus, aber der Edeka-Markt bleibt bis auf Weiteres, und da können wir nicht warten, ob und wann der frei wird. Wir sanieren im Bestand, es gibt ein Mängelkataster, es listet Mängel, die zum Teil schon zur Gründungszeit bestanden, auf, von den versalzenen Außenmauern über den Brandschutz bis zu den Toiletten. Wir brauchen mehr Platz für den Museumsladen, Räume für Mitarbeiter und einiges mehr. Wir haben auch bereits mit der Bausanierung begonnen, die Brandschutzmaßnahmen sind weitgehend abgearbeitet.

Von wann bis wann ist nach aktuellem Stand mit Bau, Beeinträchtigungen und Schließungen zu rechnen?
Wenn die Anträge bewilligt werden, wird zunächst der Eselstall saniert. Es ist geplant, dass die Verwaltung in dieses Haus umzieht.

Das heißt, dass die beliebte 50er-Jahre-Ausstellung beendet werden muss?
Das ist richtig und das ist schade. Wir hatten dort immer um die 23 000 Besucher im Jahr und bekommen nach wie vor fast täglich Gegenstände aus der Zeit geschenkt wie diesen Keramik-Dackel, der gerade auf unserem Besprechungstisch steht. Die Ausstellung müssen wir leider im Depot einlagern.

Interview

Und muss das eigentliche Museum schließen?
Man kann ein Museum ja nicht am offenen Herzen operieren. Voraussichtlich müssen wir das Museum von März 2020 bis Ende 2021 schließen; das ist der Stand heute.

Wird in der Zeit auch die Dauerausstellung überarbeitet?
Ja. Wir erfinden dabei das Rad sicher nicht neu, und was sich bewährt hat, bleibt natürlich. Wir werden unsere zwei Schwerpunkte herausarbeiten. Der regionale Aspekt dreht sich um Lüneburg als Hansestadt, Bergwerkstadt, Senkungsstadt und frühe Industriestadt, schließlich war die Saline einer der frühesten und größten Industriebetriebe Europas. Der zweite Bereich wird grundsätzlicher mit Themen wie: Woher kommt das Salz? Salz als Lebensgrundlage, die heutige Nutzung von Salz, unter anderem in der Industrie, Salz als Wirtschaftsfaktor, und wir werden auch den ökologischen Aspekt aufzeigen. Das alles fordert Platz, den wir leider nicht ausreichend haben.

Sonderausstellungen sind sozusagen das Salz in der Museumssuppe, wie geht es da weiter?
Ja, das sind sie. Den Tagestouristen interessieren Sonderausstellungen vielleicht etwas weniger, aber für die Region brauchen wir sie. Im Eselstall wird es nach den Plänen zwar noch eine kleine freie Fläche geben, aber die ist kaum der Rede wert. Man muss mindestens 500 Quadratmeter haben, um etwas wirklich Gutes zu machen. Wir können zwar kleinere Themen mal in die Dauerausstellung integrieren oder Teile der Dauerausstellung ausräumen, um Platz zu schaffen, was eigentlich gar nicht geht; es sind alles nur Behelfslösungen. Wir müssten die Verwaltungsräume komplett anders unterbringen können, dann bliebe der nötige Platz da.

Von Hans-Martin Koch

Hintergrund

1000 Jahre in einem Haus

Die Geschichte der Salzgewinnung in Lüneburg umfasst rund 1000 Jahre. Die Lüneburger Saline wurde erst 1980 geschlossen. Das Gelände wurde seinerzeit verkauft, lag brach, wurde unter anderem von Schrottsammlern geplündert.

Die Wende kam 1981, als sich eine Gruppe um den späteren Museums-Gründungsdirektor Dr. Christian Lamschus – nicht ohne Widerstände in der Politik – um den Kern der Lüneburger Geschichte zu kümmern begann und das Industriedenkmal Saline Lüneburg aufbaute. 1989 wurde das auf Anhieb erfolgreichste Museum der Region offiziell eröffnet. Das letzte betriebene Siedehaus beherbergt heute neben dem Museum auch einen Supermarkt.