Mittwoch , 19. September 2018
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Wann in Rieste die Bagger anrollen, ist noch offen. Vorerst sind die Pläne für ein neues Baugebiet auf Eis gelegt. Foto: ape

Ohne Zuzug keine Drogerie

Bienenbüttel. Die Gemeinde Bienenbüttel will weiter wachsen. Für mehrere Baugebiete in den Ortsteilen Steddorf, Rieste und Edendorf sollte dazu der Flächennutzu ngsplan geändert werden. Der Landkreis Uelzen hat jedoch per Stellungnahme Bedenken bezüglich der Planungen geäußert. Das hatte unter anderem dazu geführt, dass in der Vorlage zur Sitzung des Bau- und Umweltausschusses der Gemeinde Bienenbüttel vorgeschlagen wurde, das Projekt in Rieste erst einmal zurückzustellen. Die Landeszeitung hat sich mit Bürgermeister Dr. Merlin Franke getroffen und gefragt – ob, wann und wo Bienenbüttel noch in die Breite gehen kann.

LZ: Herr Franke, ist es soweit? Ist Bienenbüttel ausgewachsen?
Dr. Merlin Franke: Auf gar keinen Fall. Wir haben mit dem Landkreis Uelzen gesprochen. Dort weiß man sehr wohl um die Position Bienenbüttels und hat auch absolutes Verständnis dafür, dass die Gemeinde weiter wachsen muss und sollte. Wir haben durch unsere Lage im Norden des Landkreises, sicher aber auch durch die Lebensqualität hier vor Ort die Chance dazu. Darüber besteht Einigkeit – auch, wenn das Einwendungsverfahren hier differenzierte Hinweise gibt.

Der Landkreis Uelzen hatte erklärt, es sei eine Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes der Gemeinde sinnvoll. Eine wiederholte Änderung nur zur Ausweisung von Wohnbauland komme dem „koordinierenden Charakter“ des vorbereitenden Bauleitplans nicht nach.
Natürlich ist es wünschenswert, den Flächennutzungsplan neu aufzustellen, aber das kommt für uns zunächst erst einmal nicht infrage. Daran hängt ein jahrelanges Verfahren, für das wir gerade weder die personellen Kapazitäten im Bauamt noch das Geld haben. Das kostet bis zu 150 000 Euro.

Wie lautet jetzt der Kompromiss mit dem Landkreis Uelzen?
Wir haben vereinbart, dass wir ein Siedlungskonzept erstellen. Darin wird klar aufgezeigt, wo wir wachsen möchten. Das hatten wir als Gemeinde zum Abschluss des Arbeitskreises sowieso vor. Nur: Wir haben auch immer schon gesagt, dass wir zwei, drei Gebiete vorziehen wollen und müssen. Wir können es uns nicht leisten, ein bis zwei Jahre zu warten, bis so ein Siedlungskonzept fertig ist. Dann fährt die Entwicklung möglicherweise an uns vorbei. Deshalb wird das Siedlungskonzept parallel zu den Änderungsverfahren entwickelt. So sichern wir eine durchdachte Siedlungsentwicklung ab.

Mal in Zahlen ausgedrückt: Wie sah die Einwohnerentwicklung in Bienenbüttel in den zurückliegenden Jahren aus? Und wie lautet die Prognose?
2010 bis 2016 haben wir nur drei Menschen dazugewonnen. Im letzten Jahr waren es ein paar mehr. Jetzt zählt die Gemeinde rund 6800 Einwohner. Ich bin der Meinung, dass wir mittelfristig 7500 anstreben sollten, um unsere Infrastruktur dauerhaft erhalten zu können, aber das ist ein Prozess, der kontrolliert und nachhaltig vonstatten gehen muss.

Nun hat die Verwaltung empfohlen, die Planung in Rieste zurückzustellen. Was bedeutet das für die weitere Entwicklung?
Rieste werden wir auf gar keinen Fall aufgeben. Dem Projekt wurde ja in unseren Gremien grundsätzlich schon zugestimmt. Wir stellen es lediglich zurück und sagen: Okay, wir entwickeln erst einmal Steddorf und Edendorf weiter, haben dann genügend Bauplätze, die wir in den nächsten zwei Jahren vermarkten können, erstellen parallel dazu das Siedlungskonzept und wenn das 2019 fertig ist, können wir die nächste Flächennutzungsplanänderung anschieben. Damit haben wir eine sehr hohe Planungssicherheit. Sobald in der Zeitung etwas über Bauland in Bienenbüttel steht, klingelt im Rathaus das Telefon. Wir haben allein für die jetzt angestrebten Bauplätze mehr als genug Interessenten.

Laut Landkreis sind die Flächen in Edendorf und Rieste aber nicht geeignet. Begründung: Sie liegen außerhalb des zentralen Ortes, eine ausreichende Infrastruktur sei weder in Edendorf noch in Rieste vorhanden, vielleicht gerade noch in Steddorf.
Durch die B 4, die Bahn, die Ilmenau und Naturschutzgebiete kann sich der Kernort Bienenbüttel nur noch auf wenig Platz entwickeln. Hier wird nun also Nachverdichtung und Wohnungsbau betrieben. Die weitere Entwicklung wird sich auf Steddorf, Wichmannsburg und Hohenbostel konzentrieren, weil das die nächsten Orte ums Zentrum herum sind, wobei Steddorf mit dem neu geplanten Baugebiet dann auch erst mal durch ist. Ich gehe aber davon aus, dass der Landkreis Uelzen auch in den angrenzenden Orten, wie zum Beispiel Rieste, Bauplätze in einem geringeren, abgestuften Umfang ermöglichen wird. Dies ist ja auch im Interesse des Landkreises.

Mehr Infrastruktur ist da dann ja aber trotzdem nicht gegeben.
Das ist korrekt. Antworten und Hinweise hierauf soll ja das Siedlungskonzept erbringen. Ich meine aber zunächst: Es macht keinen Sinn, seine Infrastruktur zu zersiedeln, indem man zum Beispiel einen Supermarkt in Rieste baut. Der Ortsteil hat aber einen Anschluss an den Kernort durch einen Radweg bekommen und ein neues Feuerwehrhaus, das auch von der Dorfgemeinschaft genutzt werden kann. Die letzten fünf Bauplätze in Rieste haben wir innerhalb von unter zwei Jahren verkauft. Die Nachfrage ist also da. Wir stellen fest, dass auch immer mehr Kinder, die in der Gemeinde Bienenbüttel in den 80er- oder 90er-Jahren geboren sind, wieder zurückkommen möchten und bei ihrer Familie wohnen wollen.

Was ermöglicht denn Zuzug der Gemeinde?
Es wäre einfacher, einen weiteren Arzt zu bekommen, wenn wir mehr Einwohner hätten. Auch, wenn wir eine Drogerie haben möchten, ist Zuzug wichtig, weil uns die Expansionsmanager häufig sagen: „Euch fehlen da die entscheidenden 1000 Leute.“ Wir leisten uns eine gute, aber auch teure Infrastruktur – mit einem Freibad und einer Bücherei. Wenn wir nicht wachsen, ist das mittelfristig nicht mehr bezahlbar. Von der langfristigen Eigenständigkeit als Einheitsgemeinde ganz zu schweigen.

Mehr Familien, mehr Kinder: Eine Bürgerin bezweifelt, dass eine Erweiterung der Schule noch möglich wäre.
Wir haben in den letzten zehn oder 15 Jahren über 100 Schüler an unserer Grundschule verloren! Natürlich sind Herausforderungen wie Ganztagsschule und Inklusion dazugekommen, aber nichtsdestotrotz: Diese Schule war mal dazu in der Lage, 350 Kinder zu unterrichten. Ich sehe da zurzeit kein Problem auf uns zukommen. Wenn wir aber keinen Zuzug generieren, rutschen wir wahrscheinlich irgendwann in die Zweizügigkeit – mit zwei sehr, sehr großen Klassen. Damit ist auch keinem geholfen. Unabhängig davon: Die Schule in Bienenbüttel sollte immer bedarfsgerecht ausgestattet werden. Ich denke, wir liegen über dem Standard, können aber noch besser werden.

In Rieste gab es eine Unterschriftenaktion im Zuge der Baugebietsplanung. Was ist dabei herausgekommen?
Die Riester haben uns als Verwaltung Infos gegeben, wo welche Punkte berücksichtigt werden sollten – auch im Rahmen von Bürgerversammlungen. Wir wurden zum Beispiel gebeten, ein Auge darauf zu haben, dass die Gebäude in einigen Bereichen nicht zu hoch werden. Und auch in Steddorf: Bevor wir überhaupt einen Planer engagiert haben, wurden dort im Rahmen eines Dorfabends die Bürger informiert und Ideen aufgenommen. Wir haben einen Großteil dieser Anmerkungen bereits berücksichtigt. Die Ergebnisse werden bald vorgestellt. Die Bürgerinnen und Bürger sollen ja bei den Planungen einbezogen werden. Es wird in Steddorf einen erneuten Bürgerabend am 26. Juni geben.

Teile des Baugebietes in Steddorf liegen innerhalb des Landschaftsschutzgebietes „Süsing“. Streben Sie eine Entlassung aus dem Landschaftsschutzgebiet an?
Ja, diese ist bereits beantragt. Würden wir sagen, im Landschaftsschutzgebiet darf nichts mehr passieren, dann würden wir die Entwicklung aller Ortsteile westlich der B4 einfrieren. Der Gesetzgeber hat ja bewusst zwischen Natur- und Landschaftsschutzgebieten unterschieden. Ich bin ja völlig damit d‘accord, dass in einem Naturschutzgebiet nicht gebaut werden darf.

Wann und in welcher Größenordnung soll in Rieste, Steddorf und Edendorf gebaut werden?
Wenn alles gut geht, können wir noch in diesem Jahr die ersten der insgesamt etwa 55 Bauplätze in Steddorf zum Verkauf anbieten. In Edendorf wollen wir 2019 oder 2020 soweit sein: Auf circa zwei Hektar Land könnten hier zehn bis zwölf Häuser entstehen, ebenso viele in Rieste in den nächsten zehn Jahren. Wir möchten dabei den dörflichen Charakter erhalten, viel Grün und keine 400-Quadratmeter-Grundstücke.

Von Anna Petersen

One comment

  1. Die Gemeinde muss also wachsen, damit endlich ein Drogeriemarkt seine Pforten öffnet? Warum muss ich bei den Zukunfstvorstellungen unserer Politiker und Wirtschaftslenker bloss so oft an die Dinosaurier denken? „Wachstum“ – so heisst das ewig gleiche Mantra – hinterfragt wird es nicht mehr, und wer es dennoch tut, ist eben weltfremd und versteht nichts von Wirtschaft … Der Klimawandel, das sind ja die anderen… So verständlich es auf den ersten Blick ist, das Bürgermeister und Landräte ständig „Wachstum, Investitionen und den Ausbau der Infrastruktur“ anpeilen – richtig intelligent scheint mir diese Strategie auf Dauer nicht zu sein, die paar Arbeitsplätze rechtfertigen das gegenwärtige Ausmaß an Flächenversiegelungen m. E. jedenfalls nicht. Wirklich zukunftsfähige und „enkeltaugliche“ Konzepte sehen möglicherweise doch etwas anders aus, als die allseits bekannten Bebauungen mit Einfamilienhäusern aus der Retorte … („Auf circa zwei Hektar Land könnten hier zehn bis zwölf Häuser entstehen“). Bestehende Flächen und Infrastruktur sinnvoller nutzen, neue Mobilitäts- und Wohnkonzepte entwickeln, den Natur und Umweltschutz proaktiv verbessern und ausweiten – das wären ja vielleicht mal ein paar Denkanstößen für einen echten „Innovationsinkubator Bienenbüttel 2030“? …. 😉