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Wenn die Mutter trinkt, besteht die Gefahr, dass sich der Sohn das abguckt und später selbst zur Flasche greift. Foto: pavel_shishkin

Der Suff und die Kinder

Lüneburg. Alkohol oder Drogen prägen nicht nur das Leben des Süchtigen, auch seine Familie leidet. Besonders Kinder. Studien zufolge hat jedes sechste Kind unte r 18 Jahren in Deutschland zumindest ein Elternteil, das an einer Abhängigkeit leidet. Rund 2,6 Millionen Mädchen und Jungen haben mit der Alkoholproblematik zu kämpfen, weitere 40.000 bis 60.000 mit illegalen Drogen. Die Lüneburger Drogenberatungsstelle, kurz drobs, will voraussichtlich Anfang Juli ein neues Hilfsangebot unter dem Titel Trampolin für den Nachwuchs starten.

Jeanette Schwenkenberg betreut das Projekt. Die Sozialarbeiterin erklärt, worum es geht. Suchterkrankungen können quasi erblich sein: Wer in einer betroffenen Familie aufwächst, trage ein größeres Risiko in sich, irgendwann selbst zur Flasche zu greifen. Doch selbstverständlich spielen die Lebensverhältnisse eine Rolle. Es gebe einen Nachahmungseffekt: Söhne und Töchter kopieren das Verhalten ihrer Eltern. Zwei Drittel der Kinder aus Suchtfamilien hätten später mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Ministerium unterstützt das Präventionsangebot

Das klinge zunächst schlimm, doch darin stecke eine Chance, sagt Jeanette Schwenkenberg. Denn ein Drittel der Kinder schaffe es, eben nicht zu erkranken. Fachleute sprechen von Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. Welche Faktoren sind prägend, was kann davon vorbeugend genutzt werden? Das spielt bei dem vom Bundesfamilienministerium initiierten und aus Spendengeld finanzierten Angebot eine große Rolle.

Es ist erst einmal eine Bilanz von Licht und Schatten. In Suchtfamilien lernen Kinder oftmals, sich zurückzunehmen, schlicht, weil Alkohol und Droge beherrschendes Thema sind. „Sie vermeiden es, darüber zu sprechen“, sagt die Sozialarbeiterin. Was sie in der Schule oder mit Freunden beschäftigt, besprechen sie nicht mit ihren Eltern. Im schlimmsten Fall kommt es zu Gewalt. Mädchen und Jungen reagieren unterschiedlich: Rückzug, Ausgleich, indem sie zum Beispiel beim Sport glänzen, als „Clown“, um gute Laune zu verbreiten, oder Verantwortung übernehmen bei der Betreuung der Geschwister.

Kinder entwickeln Einfühlungsvermögen

Daraus kann etwas Positives erwachsen, ein eigener Schutz: Kinder entwickeln Einfühlungsvermögen, sie können sich gut in eine Gruppe einfügen, haben eine gute Selbstkontrolle und sie sind fantasievoll.

Das Projekt der drobs, das sich an Kinder zwischen acht und zwölf Jahren richtet, will eben diese Stärken aufgreifen und nutzen. Es funktioniert in neun Sitzungen nach dem Prinzip einer Selbsthilfegruppe. Die Mädchen und Jungen können mit Betroffenen über ihre Probleme sprechen, ohne dass ihnen das peinlich sein muss. Sie sollen über ihre Gefühle wie Trauer, Scham, Angst und Schuld reden können, gemeinsam mit anderen Strategien entwickeln, wie sie auf Herausforderungen reagieren, auch lernen, ihre Position in der Familie behaupten zu können. Das Prinzip ist aus der stationären Suchttherapie bekannt: Therapeuten bieten Gespräche mit Kindern an, auch um den Eltern den Blick zu öffnen, wie sehr Sucht auch andere trifft.

drobs ist unter (04131) 684460 erreichbar

Jeanette Schwenckenberg geht davon aus, dass sie und ihre Kollegen vor allem Kinder aus ihrem Klientel erreichen: Wer erkannt habe, dass er an einer Abhängigkeit leidet, versteht eher, dass es nicht nur um ihn gehe. Trotzdem hoffen die Sozialarbeiter, dass sie eben auch andere ansprechen können.

Wer mehr erfahren möchte, wendet sich an die drobs unter (04131) 684460.

Von Carlo Eggeling