Donnerstag , 20. September 2018
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Der Initiative Laienspiel ist es im vergangenen Jahr gelungen, das Projekt „Heimat/Begegnungen“ fortzusetzen. Mithilfe von Theaterpädagogik und Trommelworkshops sollen Kreativität und Sprachkompetenz trainiert werden. Foto: ape

Trommeln für ein friedliches Miteinander

Bad Bevensen. Als Juri vor einigen Monaten an die Kooperative Gesamtschule (KGS) Bad Bevensen kam, da war es ihr vierter Neuanfang an einer fremden Schule. Das vierte Mal Freunde finden, Lehrpläne verstehen, einen Platz in der Klasse finden. Erst in Syrien, dann in Jordanien, nun in Deutschland. Und das alles wäre ja schon kompliziert genug – ohne die Sprachbarrieren. Die 12-Jährige musste zusammen mit ihrer Familie aus ihrer Heimat flüchten.

Jetzt steht sie mit einer bunten Maske vor dem Gesicht auf der Bühne der Aula an der Lindenstraße und wirft einen Ball in die Luft – immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn er ihre Hände verlässt, dringt ein Trommelschlag durch den Saal, etwa zwanzig weitere Schüler um sie herum entlocken ihren Instrumenten ein bedrohliches Gewittergrummeln. Dann taucht der ebenfalls maskierte Morten auf, pirscht sich an, schleicht unsicher um sie herum und stibitzt den Ball.

Kreativität und Sprachkompetenz werden trainiert

Die beiden Schüler der KGS proben derzeit jeden Freitagmorgen ihre Choreografie. Im Rahmen des Integrationsprojekts „Heimat/Begegnungen“, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und von der Klosterkammer Hannover finanziert wird, sollen mithilfe von Theaterpädagogik und Trommelworkshops Kreativität und Sprachkompetenz trainiert werden. Mit dabei: Schüler der Sprachlernklasse und des zehnten Jahrgangs.

Ihre anfängliche Scheu, auf die Bühne zu treten, hat Juri längst abgelegt. „Ich habe so viel gelernt, so viele neue Worte“, sagt sie und lächelt. Auch neue Bekanntschaften habe sie gemacht. Trotzdem träumt sie davon, eines Tages wieder nach Syrien zu fahren – zu ihren alten Freunden, der Cousine, ihren Spielsachen. „Ich habe damals nur eins mitgenommen: meine Puppe Dolli. Die war sehr schön.“ Sie blickt betrübt zu Boden. Die Puppe habe sie im Bus auf dem Weg nach Jordanien verloren. „Da waren so viele Menschen.“

„Es ist wichtig, sich gegenseitig kennenzulernen

„Das kann man sich so gar nicht vorstellen – ich, als Deutscher, wie das ist“, sagt Morten. Der 16-Jährige hat einiges über die Fluchtereignisse gehört. „Es ist wichtig, sich gegenseitig kennenzulernen.“ Genau darum geht es: um die Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebenswelten, um Fragen zum friedlichen Miteinander und der Koexistenz kultureller Unterschiede.

In Bad Bevensen gibt es seit 2014 so genannte Sprachlernklassen, in denen Jugendliche aus dem Ausland mit der deutschen Sprache und dem Schulalltag vertraut gemacht werden. Die besucht auch Juri. Sie hat noch nie zuvor Theater an einer Schule gespielt. Jetzt ist der Freitag eines ihrer Highlights in der Woche. Ob sie mal Schauspielerin werden möchte? Sie überlegt einen Augenblick. „Ich weiß nicht“, sagt sie, aber möglich sei alles.

Von Anna Petersen