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Anna Höpner ist 15 Jahre alt. Wenn das begleitete Fahren ab 16 kommt, dürfte sie sich jetzt theoretisch schon in der Fahrschule anmelden. Gewappnet fühlt sich Anna dafür noch nicht. (Foto: t&w)

Schon mit 16 ans Steuer?

Lüneburg. 17-Jährige dürfen in Niedersachsen längst Auto fahren – mit einer eingetragenen Begleitperson an ihrer Seite. Bald könnte das sogar noch jüngeren Fahrern ermöglicht werden: Die Verkehrsminister der Länder wollen mit dem begleiteten Fahren ab 16 ein Pilotprojekt starten. In Hannover berät der Landtag heute über einen entsprechenden Antrag von SPD und CDU. Darin heißt es, dass schon die Einführung des begleiteten Fahrens ab 17 zu einer „spürbaren Verbesserung der Verkehrssicherheit insbesondere in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen“ geführt, sich das Unfallrisiko von Fahranfängern um etwa 20 Prozent verringert habe. Fällt das Ergebnis positiv aus, könnte das Europäische Parlament noch in diesem Jahr darüber entscheiden. Die LZ hat nachgefragt, wie Experten in Stadt und Landkreis das bewerten – die Fahrlehrer.

„Das ist ein sehr engagierter Gedanke, die Kids früher ins Auto zu holen“, sagt Michael Thiel von der Fahrschule mipeth . „Man sollte Kinder auch Kinder sein lassen.“ Es sei nicht zu vernachlässigen, dass die potenziellen Fahrschüler in dem Alter noch in der Entwicklungszeit seien. „In den Ausbildungsregularien heißt es, dass ein verantwortungsbewusster, verkehrskompetenter Umgang mit Umwelt und Eigentum gewährleistet sein muss. Hat man das schon mit 15?“ Denn schließlich könnten Jugendliche drei Monate vor ihrem 16. Geburtstag die theoretische, ein Monat vorher die praktische Prüfung ablegen. „Sie sitzen also mit 15 im Schulungsfahrzeug“, sagt Thiel, der dabei auch an die pädagogischen Kompetenzen von Fahrlehrern denkt. „Es ist etwas anderes, ob man einen 16- oder 19-jährigen Fahrschüler im Auto sitzen hat.“

Die „dumme Sitte“ mit der starren Altersgrenze

Anders beurteilt Heidrun Streicher, Inhaberin der Fahrschule Böckmann in Adendorf, die Lage. „Es gibt auch 20-Jährige, die nicht fähig sind, zu fahren.“ So könne es ebenso 16 Jahre alte Schüler geben, die durchaus verantwortungsbewusst genug sind, um in Begleitung Auto zu fahren. Streicher weist zudem darauf hin, dass dieser Ansatz in anderen Ländern längst zur Praxis gehöre. „Es ist überhaupt eine dumme Sitte, dass bei uns alles am Alter festgemacht wird. Eine individuelle Regelung wäre sinnvoller.“ Auch weist sie auf die Freiwilligkeit hin, niemand werde gezwungen, schon mit 15 Theorie- und Fahrstunden zu belegen, um als 16-Jähriger in Begleitung Auto fahren zu dürfen. „Jemand, der noch nicht so weit ist, schafft es auch nicht. Dafür ist der Anspruch viel zu hoch“, sagt sie, „auf den Boden der Tatsachen wird man spätestens bei der ersten Fahrstunde geholt“.

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Unfälle in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen notiert der Verkehrsunfallbericht von 2017 für Lüneburg. In 505 Fällen waren die jungen Erwachsenen auch die Hauptverursacher.

Angelika Schumacher ist derweil fest davon überzeugt, dass 16-Jährige noch nicht reif genug sind. „In dem Alter haben Jugendliche noch viele andere Sachen im Kopf“, sagt die Mitarbeiterin der Fahrschule XXL in Handorf, die ihre Zentrale in Lüneburg hat. Eine mit Auflagen verbundene Ausnahme könnte sie sich jedoch für diejenigen vorstellen, die beispielsweise mit dem Auto ihre Ausbildungsstätte erreichen möchten und sonst beispielsweise drei Stunden mit dem Zug fahren müssten. „Ihnen sollte das dann aber nur für den Arbeitsweg erlaubt werden.“

„Frühzeitiger Blick in Gedankenwelt der Erwachsenen lohnenswert“

Dierk Schaack von der Fahrschule Lünedrive zeigt sich selbst vom begleiteten Fahren ab 17 nicht sonderlich überzeugt. „Viele denken, dass es sowas wie eine Reset-Taste gibt, wie bei einer Playstation. Nach dem Motto: Wenn ich Gas gebe, passiert schon nichts.“ Das Verständnis für den Straßenverkehr sei häufig noch nicht vorhanden, vieles würde auf die leichte Schulter genommen, sagt er. „Deshalb halte ich ganz wenig davon, das begleitete Fahren schon ab 16 einzuführen.“

Martin Schwanitz, Verkehrssicherheitsberater der Polizei Lüneburg, sagt mit Blick auf die Unfallzahlen von Fahranfängern: „Es lohnt sich, so viel wie möglich auszuprobieren, um sie frühzeitig in die Gedankenwelt von Erwachsenen und somit in das vorausschauende Fahren einzuführen.“ Eltern, die als Begleitpersonen eingetragen werden, könnten so mit gutem Beispiel vorangehen, die eigenen Erfahrungen an Sohn oder Tochter weiterzugeben. Schwanitz hofft aber auch, dass es sich bei dem begleiteten Fahren ab 16 um einen ergebnisoffenen Versuch handelt. „Man sollte gucken, wie sich das entwickelt.“

Von Anna Paarmann

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Ungeduldig wird gehupt, Musik dröhnt aus dem Cabrio nebenan, Kinder laufen über die Straße, eine Katze springt mitten auf die Fahrbahn. Da schalten die Ampeln auf Grün. Die Autos fahren kreuz und quer über die Kreuzung, biegen links ab, dann wieder rechts, umrunden einen Kreisverkehr, rasen auf die Autobahn und stoppen schließlich, um sich mit jemandem um einen Parkplatz zu streiten. Bei diesem Albtraum-Szenario frage ich mich: Bin ich bereit für dieses Chaos?

Als 15-, bald 16-Jährige kreisen meine alltäglichen Gedanken doch eher um Schule, Freunde, Jungs, Make-up, Sport, Klamotten und so weiter. Und jetzt soll ich plötzlich schon Auto fahren dürfen? Klar, nur in Begleitung, ich wäre in dem ganzen Chaos also nicht alleine und hätte zwei Jahre Zeit praktisch zu üben, weshalb ich mit 18 Jahren dann wahrscheinlich richtig gut fahren könnte.

Brauche ich wirklich schon ein Auto?

Aber brauche ich wirklich schon ein Auto? Ich fahre zur Schule, in die Stadt, treffe mich mit Freunden, gehe zum Sport – aber alles in einem Radius, in dem mein Fahrrad oder der Bus vollkommen ausreicht. Und ganz ehrlich, ich denke ich bin lieber auf einen Fahrplan angewiesen, als darauf, überall von meiner Mutter hin begleitet zu werden. Die Eltern der meisten Kinder, sowie auch meine, arbeiten generell sehr viel und ältere Geschwister haben bestimmt auch keine Lust, ihre jüngeren Geschwister überall hin zu begleiten. Zudem ist es total schwierig, in der Stadt einen guten Parkplatz zu finden und dazu meistens auch noch sehr teuer. Falls man abends mal ausgehen will, ist es angenehmer, sich anschließend ein Taxi zu rufen, als selbst zu fahren.

Mit 17 ist das etwas anderes: Da hat man meistens schon Freunde, die älter sind und ihren Führerschein bereits haben. Dann lohnt es sich, auch einen zu machen. Aber mit 16 Jahren sind die wenigsten Freunde schon volljährig. Wer längere Distanzen zu überbrücken hat, kann mit 15 außerdem auch einen Mofa-Führerschein machen. So lernt man ebenfalls, sich besser im Straßenverkehr zu orientieren und ist gleichzeitig unabhängig von Begleitpersonen. Zudem ist ein Mofa günstiger und sieht auch cooler aus als ein Familienvan oder die meisten Autos, die sich ein Jugendlicher leisten könnte. Meiner Meinung nach reicht es also vollkommen aus, begleitetes Fahren erst ab 17 Jahren anzubieten.

Anna Höpner ist 15 Jahre alt, sie wohnt in Harburg. Im Rahmen ihres zweiwöchigen Schülerpraktikums bei der LZ hat sie eine persönliche Stellungnahme zum begleiteten Fahren ab 16 abgegeben.

2 Kommentare

  1. Schaefer Guenter

    Gut geschrieben, Anna.
    Volle Übereinstimmung.
    Insbesondere die Doppel-Funktion des Mofas richtig einsortiert.

  2. Zitat Heidrun Streicher: „Es ist überhaupt eine dumme Sitte, dass bei uns alles am Alter festgemacht wird. Eine individuelle Regelung wäre sinnvoller.“
    Einen Satz den ich durchaus unterschreiben würde.
    Da gibt es zum einen die 15-jährigen denen man sorgenlos das eigene Fahrzeug überlassen würde, zum anderen welche mit 25+ denen man am liebsten raten möchte besser lebenslangen ein Taxi zu rufen.

    Interessant ist, dass ihre Autorin noch ein Mofa ins Kalkül zieht. Ich dachte in dieser Generation ist Verbrenner bäh, zumal ein Pedelec bei gleicher Geschwindigkeit mehr Privilegien erhält (überall abstellbar – vor allem in unserem Dorf – keine Versicherungspflicht, keine Helmpflicht, etc).

    Aber ich kann ihr nur zustimmen was die Wahl des Mofas anbelangt (auch wenn ich die Limitierung auf 25 km/h für lebensgefährlich halte, aber das ist ein anderes Thema).
    Ich selbst fahre neben Auto noch Roller (die Version „alter Sack“, alter 3er mit 125ccm) und kann nur sagen Zweirad schult. Man lernt sehr schnell auf Alle und alles zu achten. Denn einmal nicht aufgepasst – oder sich überschätzt – tut gleich richtig weh. Das erzieht.
    Und was mangelnde Erziehung anrichtet, kann man im Strassenverkehr täglich beobachten.
    (Ich würde ja alle Airbags gegen Metalldorne ersetzten, aber das ist auch ein anderes Thema.)