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Dieter Stephan ist seit 2002 Direktor des Gymnasiums Oedeme. Ein Duckmäuser ist er nicht, er hat seine Aufgabe eher so verstanden, dass er auch dann mal klar Position bezieht, wenn er damit womöglich seinen Dienstherrn im Kultusministerium verärgert. Foto: t&w

Keiner, der auf Beifall aus war

Lüneburg. Vielleicht wird es jetzt ja doch noch was mit der politischen Karriere. Eigentlich hatte Gerhard Schröder ihn vor Jahrzehnten schon als seinen Nachfolger auserkoren. Dieter Stephan sollte Juso-Bundesvorsitzender werden. Den späteren Bundeskanzler habe er auch auf mancher Party in der Studienzeit getroffen, ebenso wie den Bundesumweltminister im Schröder-Kabinett, Jürgen Trittin, sein Studienkollege in Göttingen. Stephan schlug einen anderen Weg ein, wurde Lehrer, später auch Schulleiter, seit 16 Jahren ist er am Gymnasium Oedeme. Jetzt hört er auf.

Eigentlich erreicht der Pädagoge sein Ruhestandsalter erst im September 2019, doch er hat sich aus mehreren Gründen für einen vorzeitigen Abschied entschieden. „Ich habe mit den nun 16 Jahren genau ein Viertel meiner Lebenszeit mit großer Leidenschaft und Begeisterung an dieser Schule verbracht, und meine Stellvertreterin geht ebenfalls in diesem Sommer. Die Schule ist gut aufgestellt – da war das für mich eine runde Sache. Und das Leben ist schließlich eine endliche Veranstaltung“, sagt der 64-Jährige.

In seiner Zeit fast jedes Jahr das beliebteste Gymnasium

Dass seine Schule so gut dasteht, über Jahre stets am stärksten angewählt wurde, ist auch ein Verdienst des Chefs, der über die Stationen Hamburg-Finkenwerder und Lissabon nach Lüneburg kam. „Dass es schon so kurz nach meinem Antritt 2002 gelungen ist, auch das Bildungsbürgertum aus der Stadt von Oedeme zu überzeugen und wir über Jahre so stark von Schülern aus Stadt und Kreis angewählt wurden, ist eine meiner schönsten Erfahrungen“, sagt der Vater dreier erwachsener Kinder, der in Ochtmissen mit seiner Frau, einer Künstlerin, heimisch geworden ist.

Der Pädagoge hat manches Mal auch öffentlich klar Position zu beziehen, wo andere gern in Deckung gehen und auf ihre Vorgesetzten in den Behörden und Ministerien oder auf die Entscheidungsträger in den Amtsstuben der Schulträger verweisen, deren Rüffel sie fürchten. Er hat seine Rolle als Schulleiter so verstanden, dass er für das Wohl seiner Schüler und seines Kollegiums auch mal auf Missstände und Fehlentwicklungen hinweisen muss. Ganz egal, ob es um die unzureichende Unterrichtsversorgung ging oder die Abschaffung des Sitzenbleibens.

Er musste manchen Rüffel einstecken

Das dürfte manches Mal für Bluthochdruck bei den Dezernenten in der Landesschulbehörde gesorgt haben, die stets aufmerksam verfolgten, was da wieder aus Oedeme an die Zeitung drang. Es blieb auch nicht immer folgenlos. Stephan musste manchen Rüffel einstecken und einige harte Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherrn überstehen. Weil er dem gegenüber auch als Ruheständler noch eine Loyalitätspflicht hat, mag er da selbst nicht ins Detail gehen, aber allzu groß dürften die Tränen in der Behörde über das verfrühte Ausscheiden des meinungsstarken Beamten nicht sein. Stephan sagt lediglich mit einem Lächeln: „Es hat mich zumindest bis heute keiner angerufen, um mich zum Weitermachen zu überreden.“

Klassenbester in der Grundschule

Am Ende seiner Schulzeit zieht der gebürtige Hesse durchaus zufrieden Bilanz: „Schulleiter war für mich der ideale Beruf.“ Er habe einerseits weiter leidenschaftlicher Lehrer für Mathemathik und Politik sein dürfen, andererseits Entscheidungsprozesse moderieren, Mitarbeiter führen und Konzepte entwicklen können. Dabei habe ihn auch sein eigener Werdegang geprägt, auf den er durchaus stolz verweist. Als Sohn einer Handwerker- und Kleinbauernfamilie musste er zunächst zur Hauptschule gehen, obwohl er Klassenbester in der Grundschule war. Gegen den Willen des Vaters schlug er schließlich doch einen anderen Weg ein und machte später das beste Abitur an einem renommierten Gymnasium. An der Uni war er AStA-Sprecher, „natürlich links“, und widmete sich dem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten, ehe ihn der Tod seines Vaters vorübergehend aus der Bahn warf. Diese Lebenskrise verhinderte wohl auch seine politische Karriere.

Stattdessen wurde er Lehrer, doch eines hat sich nicht geändert. „Ich bin bis heute ein ­extrem politischer Mensch“, sagt Stephan. Allerdings kann er sich mit keiner der etablierten Parteien voll identifizieren. Auch nicht mit der SPD, bei der ihn zum Beispiel der mangelnde Leistungsgedanke in der Bildungspolitik störe. Wenn etwa die frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn als Ziel ausgegeben habe, dass möglichst 90 Prozent Abitur machen sollen, vergesse sie dabei, dass dann zwangsläufig das Niveau gesenkt werden müsse und das Abi dadurch „total entwertet“ würde. Ob er sich noch persönlich in die Politik einbringen wird, sei offen.

Eine Ausbildung als Coach geplant

Doch zumindest für die nächsten Monate hat Stephan andere Pläne. „Das nächste Jahr betrachte ich als Sabbatjahr.“ Er wolle alte Freundschaften pflegen, sich seinen Hobbys Tennis, Volleyball und Chorgesang widmen, vielleicht einmal mehr als bisher ins Theater gehen oder zum guten Buch greifen. Und er möchte eine Ausbildung als Coach machen und dabei testen, ob er dazu tauge, anderen ein wenig von seiner Lebenserfahrung mit auf den Weg zu geben, denn gerade die Männer würden immer häufiger in einer Identitätskrise in Bezug auf ihr Geschlecht stecken.

Von Alexander Hempelmann