Dienstag , 18. September 2018
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Uli Veismann begutachtet den stämmigen Baum direkt an den Bahngleisen nicht nur von allen Seiten, er untersucht die Wurzel, den Stamm und die Krone. Gefährdete Bäume trägt er mithilfe des Tablets ins Geo-Informations-System ein. Foto: t&w
Uli Veismann begutachtet den stämmigen Baum direkt an den Bahngleisen nicht nur von allen Seiten, er untersucht die Wurzel, den Stamm und die Krone. Gefährdete Bäume trägt er mithilfe des Tablets ins Geo-Informations-System ein. Foto: t&w

Inspektion in der Idylle

Lüneburg. Die braunen Stiefel sind gar nicht mehr zu sehen, bis zur Wade steckt Uli Veismann in einem Berg aus Laub und Tannenzapfen fest. Er kämpft sich weiter durchs Unterholz, neben dem Knacken der Äste ist nur das Vogelgezwitscher zu hören. Da stört ein herannahender Metronom die Idylle. Dafür, dass der Zug die Gleise in dem Waldstück bei Wilschenbruch unbeschadet passieren kann, ist unter anderem Veismann zuständig. Er ist als Leiter des Bereichs Umwelt- und Projektmanagement bei der DB Fahrwegdienste GmbH angestellt, das Unternehmen führt die Vegetationspflege im gesamten Schienennetz durch. Zurzeit sind Baumkontrolleure in ganz Deutschland unterwegs: Denn abseits der regulären Maßnahmen zum Schutz der Gleise wird seit Mai der „Aktionsplan Vegetation“ umgesetzt. Das Ziel ist ein nachhaltiger und vor allem sturmsicherer Waldbestand.

Lüneburg liegt am Streckenkilometerpunkt 129

Im Regionalbereich Nord warten allein im ersten Jahr 898 Kilometer. „Wir rechnen damit, dass wir die Strecke hier im August oder September belaufen“, sagt Veismann, der deutlich macht, dass sich seine Kollegen von Süden nach Norden hocharbeiten. „Lüneburg liegt am Streckenkilometerpunkt 129.“ Im Schnitt könne ein Baumkontrolleur, der stets allein zu Fuß unterwegs ist und jeden einzelnen Baum begutachten muss, 1,3 Kilometer pro Tag schaffen. Das sei aber immer auch abhängig von der Größe der Fläche. So würde nicht nur die erste Reihe an den Bahnschienen begutachtet, auch dahinter könnten Bäume aufgrund ihrer Größe zur Gefahr werden.

Ein großes Problem: Nicht alle gleisnahen Flächen befinden sich im Eigentum der Bahn, große Teile sind Landesforsten oder gehören Privatpersonen. Gemeinsam haben alle Waldbesitzer, dass sie ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen müssen. Die Bahn tut dies beispielsweise, indem sie alles frei schneidet, was sich von der Gleismitte aus in einem 6-Meter-Radius befindet. Während die Mitarbeiter auf ihren Flächen bei akut gefährdeten Bäumen dazu verpflichtet sind, innerhalb von 24 Stunden entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, sind ihnen auf fremdem Grund die Hände gebunden. „Wir können dem Besitzer lediglich eine Empfehlung geben“, sagt Nikolai Pille. Der Fachreferent für Fahrwegpflege nennt damit aber schon die nächste Hürde: Seit Inkrafttreten der neuen Datenschutz-Grundverordnung ist das Ermitteln des Eigentümers kein leichtes Unterfangen mehr.

Wie geht ein Baumkontrolleur eigentlich vor?

Wie oft es tatsächlich vorkommt, dass ein Baum gefällt werden muss, kann sein Kollege so nicht beantworten. Vor diesem Schritt fände nicht nur eine eingehende visuelle Kontrolle statt, häufig würden auch Maßnahmen zur Stabilisierung getestet. Doch wie geht ein Baumkontrolleur eigentlich vor? Im ersten Schritt verschafft man sich aus der Entfernung ein Gesamtbild, erklärt Veismann. „Wie steht es um die Vitalität? Sind die Blätter grün? Hängen kaputte Äste in der Krone?“ Im zweiten Schritt werden Stamm und Stammfuß zum Beispiel auf Risse untersucht. Wird ein Pilz entdeckt, muss dieser bestimmt werden – eine holzzerstörende Sorte, Weiß- oder Braunfäule?

Sind bei einem Baum Maßnahmen nötig, wird er fotografiert, markiert und mit dieser Kennung ins geographische Informationssystem eingetragen. Die Forstexperten schätzen die Höhe ein, notieren den Durchmesser, halten auch fest, ob beispielsweise Spechtlöcher ausgemacht werden konnten, die da­rauf schließen lassen, dass der Baum ein Habitat darstellt. „Und wir empfehlen eine Maßnahme: entweder eine, die in 24 Stunden umgesetzt werden muss, oder eine, die auch noch mehrere Monate Zeit hat.“

Von Anna Paarmann

Daten und Fakten

Aktionsplan Vegetation

Die Bahn reagiert mit dem Aktionsplan, der zunächst auf fünf Jahre ausgelegt ist und sich auf die Hauptverkehrsachsen bezieht, unter anderem auf die Auswirkungen von Extremwetterlagen, die in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. So sorgten allein im Herbst 2017 und Anfang 2018 schwere Stürme für Zugausfälle, Verspätungen und Schäden an Gleisen und Anlagen in Millionenhöhe. Die Bahn hat nicht nur die Vegetationsmannschaft verstärkt, sondern auch das Budget erhöht. In den nächsten fünf Jahren stehen zusätzlich zu den seit 2007 jährlich bereitstehenden hundert Millionen Euro weitere 125 Millionen Euro für die Pflege und Kontrolle des Pflanzenbestandes bereit.