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Ein Plastikschnipsel, kleingeschreddert in einem Straßengraben bei Scharnebeck. 80 Prozent des weltweiten Plastikmülls wird aus Gräben und Bächen über Flüsse in die Weltmeere gespült. (Foto: kre)

Plastik – die globale Bedrohung

Lüneburg. Alte Kaffeebecher, Plastiktüten, Zigarettenkippen, leere Plastikflaschen… In den Straßengräben liegt einiges, das dort nicht hingehört. Achtlos aus Autofenstern geworfen, vom Winde verweht von Ladeflächen. Aus den Augen aus dem Sinn – aber nicht aus der Umwelt. Und richtig problematisch wird es, wenn jetzt wieder während der Vegetationszeit die Straßenwärter mit dem Mulchmäher kommen, um die Gräben zu mähen. Denn dann wird nicht nur das Gras kleingemacht, sondern auch der Plastikmüll. Bei jedem Mulchgang werden die Schnipsel in immer kleinerere Stücke zerrissen.

Das Problem hat wissenschaftliche Relevanz: Das Thünen-Institut in Braunschweig etwa geht der Frage nach, ob auch der Plastikmüll in den Straßengräben eine Rolle spielt am weltweiten Mikroplastik-Aufkommen in den Weltmeeren.

Welch üble Folgen das Plastik in der Umwelt für die Tierwelt hat, musste Bodo Gerlach erfahren. Der Wendhausener hält in seinem Gatter Damwild. „Leider gibt es Zeitgenossen, die immer wieder Plastiktütchen über den Zaun werfen“. Das Wild fresse diese – und gehe daran elendig zugrunde, „weil sie das Plastik als Wiederkäuer nicht hochwürgen können“, erklärt Gerlach.

Dass Menschen ihren Abfall achtlos in die Umwelt werfen, kann Gerlach nicht nachvollziehen. „In den USA drohen solchen Umweltsündern Geldstrafen von bis zu 1000 Dollar, bei uns bleibt‘s leider oft folgenlos“, ärgert sich der begeisterte Jäger und Naturschützer. Doch das stimmt nicht ganz. Denn die Unart wird als Ordnungswidrigkeit geahndet – sofern die Täter denn erwischt werden. Denn nach dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz dürfen Abfälle zum Zwecke der Beseitigung nur in dafür zugelassenen Anlagen und Einrichtungen behandelt, gelagert oder abgelagert werden. Und eben nicht in der freien Natur entsorgt werden. Wer das trotzdem macht, „riskiert ein Bußgeld im schlimmsten Fall von bis zu 100 000 Euro“, warnt Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt beim Landkreis Lüneburg.

Wegschnippen einer Zigarette verboten

Was viele auch nicht wissen: „Selbst das Wegschnippen einer Zigarettenkippe ist nicht erlaubt: „Giftige Rückstände können ins Grundwasser gelangen und die Zigarettenfilter sind unter anderem für die Vogelwelt schädlich“, mahnt der Fachdienstleiter.

381 Kilometer Kreistraßen und 174 Kilometer Radwege, einschließlich Gräben und Grünstreifen, müssen die Mitarbeiter des kreiseigenen Betriebes für Straßenbau und – unterhaltung (SBU) instandhalten. „Da ist es unmöglich, vor dem Mähen noch Mitarbeiter durch die Gräben zu schicken, um möglichen Unrat aufzulesen“, sagt SBU-Chef Jens-Michael Seegers – „personell ist das gar nicht leistbar!“ Nur wenn sich der Müll auffällig häufe, werde ein Reinigungstrupp durchgeschickt. So, wie vor einigen Jahren an der Straße von Bleckede nach Alt Garge.

Dass die Umweltsünder langfristig auch die eigene Gesundheit gefährden, ist wohl nur den wenigsten bewusst. Zerfallen Plastiksplitter zu noch kleineren Partikeln, spricht man von Mikroplastik, das sogar schon in den Zellen kleinster Meeresbewohner nachgewiesen wurde.

450 Jahre dauert es, bis Plastik abgebaut ist

Plastik zerfällt, aber es zersetzt sich nicht, wie etwa Papier. Erst nach 450 Jahren, so schätzen Experten, kann Plastik vollständig von der Natur abgebaut werden. Des Weiteren besitzen Kunststoffpartikel die Eigenschaft, giftige Chemikalien zu binden, was bedeutet, dass Plastikteile, die von Mensch und Tier in Form von Nahrung aufgenommen werden, einen hohen Schadstoffgehalt aufweisen.

Zu 80 Prozent gelangt der Plastikmüll aus den Flüssen in das Meer. Gespeist werden die Flüsse durch Bäche und diese wiederum durch Straßengräben und Rinnsteine. „Wer also heute bei einer Autofahrt über ein ländliches Gebiet, weit abseits eines Flusses unbedarft eine Plastikflasche aus dem Auto wirft, kann sie theoretisch nach ein paar Wochen am Strand von Helgoland wieder angespült finden“, mahnt der Naturschutzbund Deutschland (NABU).

Kontraproduktiv ist es aber auch, etwa vergammelte Lebensmittel mitsamt Schutzhülle in die Biotonne zu werfen. Denn auch dieses Plastik landet in der Umwelt – als Mikroteile im Biokompost: Bis zu 895 Kunststoffpartikel pro Kilogramm Trockengewicht wurden in Kompostproben gefunden.

Bayreuther Forscher haben laut dem Nachrichten-Magazin Spiegel ausgerechnet, „dass jede Tonne Kompost aus Haushalts- und Industrieabfällen zwischen 7000 und 440 000 Mikroplastikpartikel enthält.“ Umgerechnet auf die fünf Millionen Tonnen Kompost, die in Deutschland pro Jahr erzeugt werden, gelangen allein dadurch jedes Jahr mehrere Milliarden der kleinen Kunststoffpartikel in die Umwelt.

Keine Alternative

Auch wenn sogenannte Bio-Beutel als „biologisch abbaubar, kompostierbar und hergestellt auf Basis nachwachsender Rohstoffe“ beworben werden, sind sie ein Problem. Auch sie bestehen zu einem großen Teil aus Erdöl, lassen sich nur schwer kompostieren und nicht recyceln. Die für Biomülltüten einschlägige EU-Norm 1342 fordert eine Zersetzung von 90 Prozent der Tüte in Bestandteile, die kleiner als zwei Millimeter sind – und das in einem Zeitraum von zwölf Wochen.

Aber diese Vorgabe kann kaum ein Kompostierwerk erfüllen. Denn: Die Kompostierung ist in den großen Anlagen schon nach sieben bis acht Wochen abgeschlossen, die Bio-Plastiktüten dagegen bauen sich viel langsamer ab. Und die Öko-Bilanz der Bio-Tüten? Die ist ebenfalls schlecht: Um Rohstoffe für die Herstellung zu gewinnen, bedarf es riesiger landwirtschaftlicher Flächen, auf denen Mais oder Kartoffeln für die Stärkegewinnung angebaut werden. Monokulturen mit all ihren Problemen des Pestizid-, Fungizid- sowie Ernte-Einsatzes. Das Umweltbundesamt urteilt: „kein ökologischer Vorteil.“

Von Klaus Reschke

One comment

  1. Insbesondere das Werfen von Zigaretten-Kippen aus dem Auto erlebe ich TÄGLICH mehrfach auf meiner Pendelstrecke zwischen Lauenburg und Lüneburg. Den Leuten ist ein sauberes Auto wichtiger als eine saubere Umwelt.