Donnerstag , 15. November 2018
Aktuell
Home | Lokales | Bienenbüttel | Das verschollene Glück
Matthias Stelling aus Hohenbostel sucht ein Gemälde seiner Vorfahren. Das Bild, das heute in seinem Wohnzimmer hängt, ist eine Vorskizze, viel kleiner als das spätere Original. Foto: ape

Das verschollene Glück

Hohenbostel. Als er noch ein kleiner Junge war, kletterte Matthias Stelling oft neugierig auf die Biedermeier-Sitzgarnitur im Kaminzimmer seiner Großmutter und musterte das Bild an der Rückwand, studierte die Blicke seiner Vorfahren, ihre weißen Kleider und schwarzen Fräcke, fragte sich, wer sie wohl waren und wie sie lebten. Dabei war dieses Bild nie mehr als eine grobe Vorskizze, viel kleiner als das spätere Original: ein Ölgemälde von der Familie vor rund 200 Jahren.

Doch genau dieses Werk ist verschollen. Es zeigt Stellings Vorfahren, „eine sehr reiche, hanseatische Kaufmannsfamilie“ mit Namen Banks oder Hartung – so genau weiß das der 49-Jährige nicht. Was er aber gerne wüsste, ist, wo sich das Familienstück heute befindet. Denn für ihn ist es mehr als nur schöne Malerei. „Es strahlte das Glück meiner Oma in ihrer Kindheit aus“, erklärt der Mann aus Hohenbostel. „Es war eines der wenigen Stücke, das sie in ihre zweite Lebenshälfte retten konnte.“ Das Leben in Ruhm und Reichtum, das ihr in den Kriegsjahren auf brutale Weise entrissen wurde.

„Wer kennt dieses Bild?“

Was also tun? Stelling hat das Netz zurate gezogen und eine Suchanzeige geschaltet: „Wer kennt dieses Bild oder weiß, wo es ist?“ Über 100 Aufrufe, aber keine Antwort. Die LZ hat eine Fotografie des Originals der Kunsthistorikerin Professor Beate Söntgen von der Leuphana Universität Lüneburg übermittelt. Kleidung und feinmalerische Darstellungsweise sprächen für ein Werk aus der Biedermeierzeit, schätzt sie, ein typisches Familienportrait, wie es damals in Deutschland und Österreich üblich war. Was es über den emotionalen Aspekt hinaus wert ist, ließe sich allein anhand der Fotografie nicht sagen. „Dazu müsste man das Original anschauen und Erkundungen über den Maler anstellen, der Wert von Gemälden ist maßgeblich vom Produzenten abhängig.“ Doch auch der ist unbekannt.

Die unbekannte Großnichte

Ein Anhaltspunkt: Das Gemälde hat in Hamburg die Hände gewechselt – als Matthias Stellings Großmutter in den 60ern aus ihrem Haus in der Oberstraße in eine Sozialwohnung ziehen musste und es an Platz an den Wänden fehlte. Angeblich soll sie es ihrer Hamburger Großnichte geliehen haben, deren Namen aber in der Familie heute keiner mehr kennt. Das familiäre Schicksal nahm bereits 1914 seinen Lauf, als Stellings Urgroßvater im Krieg in Belgien fiel. Seine Frau und die beiden Töchter zehrten noch einige Zeit von dem Familienvermögen, litten jedoch bald Hunger. In den 30er- Jahren starb Matthias Stellings Urgroßmutter, während des Dritten Reichs auch deren geistig behinderte Tochter in einem Sanatorium – offiziell an einer Lungenentzündung. Verluste und Trauer bestimmten die zweite Lebenshälfte von Stellings Großmutter. Vater, Mutter und Schwester waren gestorben und ihr aus den unbeschwerten Zeiten nur dieses Bild geblieben.

Zwar haben fast alle Museen Ansprechpartner, um Gemälde zuordnen zu lassen, doch Stelling hat da wenig Hoffnung: „Das ist die Nadel im Heuhaufen.“ Wer einen Hinweis hat, kann sich per Mail an ihn wenden. Die Adresse lautet: matthiasstelling68@gmail.com.

Von Anna Petersen