Donnerstag , 20. September 2018
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FDP-Fraktionschefin Gisela Plaschka. Foto: be

Erbitterte Fronten bei der Inklusion

Lüneburg. Am Ende standen die Fronten wie die Sitzordnung. In namentlicher Abstimmung votierte die linke Seite im Kreistagsplenum mit SPD, Grüne (bei einer Enth altung) und Linke dafür, keinen Antrag auf die Fortführung der Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen zu stellen. Die rechte Seite mit CDU, FDP/Unabhängige und AfD hielt dem geschlossen ein „Nein“ entgegen. 31 zu 24 lautete schließlich das Ergebnis, das Kreistagsvorsitzender Rainer Dittmers (SPD) verkündete. Vom Tisch war damit ein Antrag der CDU, nach dem Muster der Stadt Lüneburg kreisweit eine Elternbefragung zu starten, ob und welchen Bedarf es bei ihnen gibt.

Der Abstimmung war eine Diskussion vorangegangen, die bisweilen erbittert geführt und von einer Handvoll betroffener Eltern verbittert verfolgt wurde. Grünen-Vizefraktionschef Rolf Rehfeldt brachte den Antrag ein. Er erteilte nicht nur einer Fortführung der Förderschule eine Absage, sondern sprach sich auch entschieden gegen separate Lerngruppen an weiterführenden Schulen aus. Dann erhalte die „Ausgrenzung eine neue Qualität“.

„Inklusion mit Augenmaß“

Dem widersprach Ulrike Walter vehement. Es gelte um eine „Inklusion mit Augenmaß“, um „ein Entschleunigen beim Tempo“, begründete die CDU-Vizefraktionsvorsitzende den Antrag einer Elternbefragung. Es gelte, „den Blick auf die Bedürfnisse der Schüler zu richten“ und die Diskussion zu versachlichen.

Ähnlich argumentierte FDP/Unabhängige-Fraktionschefin Gisela Plaschka: „Das Hauptproblem ist, dass nicht genügend Fachkräfte und Förderstunden vorhanden sind. Da ist das Land vorgeprescht, ohne das Personal zu haben.“ Mit Doppelstrukturen würde sich das Problem indes noch weiter verschärfen, warf Brigitte Mertz (SPD) ein.

Christian-Eberhard Niemeyer (AfD) plädierte für die Beibehaltung von Förderschulen „für Kinder, die diese benötigen“. Ingrid Dziuba-Busch (CDU) monierte, dass SPD, Grüne und Linke das Wahlrecht für Eltern „nur hochhielten, wo es ihnen passt“.

„Vernünftige Politik beginnt mit der Wahrnehmung von Realitäten“

„In einem inklusiven System ist ein Wahlrecht überflüssig“, konterte Antje Aden-Meyer (Grüne). Das Konzept einer „Schule für alle“ brauche noch Zeit, aber es dürfe „keine Rolle rückwärts geben“. „Vernünftige Politik beginnt mit der Wahrnehmung von Realitäten“, hielt Alexander Blume (CDU) dagegen. Achim Gründel (SPD) plädierte dafür, den im Landkreis seit 2012 verfolgten Kurs der Inklusion konsequent weiter zu gehen. Die Öffnungsklauseln des Landes seien für Kreise, „die noch nicht so weit sind wie wir“.

Mehrere Kreistagsmitglieder schilderten, wie sehr sie bis zuletzt mit sich gerungen haben. Zünglein an der Waage war am Ende die Linke-Fraktion. Für sie kritisierte Christoph Podstawa, dass es im Land „Inklusion nur auf dem Papier“ gebe, da nicht die Mittel zur Verfügung stünden. Auch gegen Lerngruppen hätte seine Fraktion nichts einzuwenden. „Dann hilf uns doch“, riefen die Elternvertreter ihm zu. Doch da schüttelte Podstawa mit dem Kopf – die Linke stehe für „die Schule für alle“.

Von Marc Rath

One comment

  1. Danke für diese Zusammenfassung der Positionen der politischen Parteien.

    Die Aussage „In einem inklusiven System ist ein Wahlrecht überflüssig“ von Antje Aden-Meyer (Grüne) ist unbedingt zu ergänzen um den Hinweis:

    Das ist Dogmatismus, der das Gegenteil der Inklusions-Idee bedeutet!
    Wenn das kompromisslose, unbedingte, starre Festhalten an der Idee „Eine Schule für alle“ zu einer Einheitsschule führt, führt dies weg von der Idee der Inklusion, immer individuell zu entscheiden, welche von möglichst diversen Schulangeboten für das jeweilige Kind erreichbar und am besten geeignet ist.

    Wer durch Verbot und Abschaffung von Freiheit glaubt, damit mehr Individualität zu schaffen, der verbietet sogar, dass Eltern überhaupt befragt werden. Danke für diesen Sachbericht der LZ.

    In Lüneburg entscheiden sich gegen Vielfalt in der Schullandschaft namentlich: alle Kreistagsabgeordneten der SPD, LINKE und GRÜNEN (dort bis auf eine Enthaltung).

    Die Inklusions-Idee wird so zu einer Glaubensfrage und dogmatischen Starrsinnigkeit, die ich persönlich weder rational, noch menschlich verstehen kann.