Mittwoch , 26. September 2018
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Für Sanierung und Umnutzung von Gasthaus- und benachbartem Festsaalgebäude hat sich der Rat ausgesprochen. Die Kegelbahn soll aber nicht erhalten werden. Foto: dth

Ganz oder gar nicht

Barum. Keine einzelne Kommune im Landkreis Lüneburg hatte bisher eine derart hohe Fördersumme für die Dorferneuerung zugesprochen bekommen. Und kaum ein Gemeinderat hat sich wie der Barumer Rat vor und hinter den Kulissen derart gestritten, ob der Geldsegen auch angenommen werden soll. Der Zoff, der quer durch die Fraktionen geht, gefährdete bis zuletzt die insgesamt 1,6 Millionen Euro Förderung für Sanierung und Umbau des ehemaligen Gasthauses Flindt nebst Festsaalgebäude sowie der sie umgebenden Alten Dorfstraße im Ortskern. Bei seiner jüngsten Sitzung am Mittwochabend im Vereinshaus des Schießclubs Barum raufte sich nun eine Ratsmehrheit zusammen und sprach sich grundsätzlich für das Millionenprojekt aus. Nun denkt sogar Bürgermeister Torsten Rödenbeck (CDU) wieder laut über den Rücktritt vom angekündigten Rücktritt nach.

Massive Kritik für das Dorferneuerungsprojekt

Nachdem Rödenbeck mit Hilfe eines Fachanwaltbüros mehr als ein halbes Jahr lang die europaweite Ausschreibung der Architektenleistung durchgebracht hatte, drohte eine kleine Gruppe Ratsmitglieder das Projekt Gasthaus Flindt wieder auseinanderzunehmen. Geplant ist eine Sanierung des Festsaalgebäudes. Das Gasthaus soll wieder für einen Gastronomen nutzbar gemacht und sieben Mietwohnungen eingebaut, zudem soll die Alte Dorfstraße umfangreich saniert und neugestaltet werden. Rödenbeck hatte auch in der Ratssitzung wiederholt deutlich gemacht, dass die Maßnahmen bald beginnen müssen, um noch die Abrechnungsfristen für die bewilligten Fördermittel einhalten zu können. Bei der Ratssitzung aber wurde nicht das Projekt öffentlich zerstückelt, sondern die Front der Kritiker.

Die CDU-Ratsmitglieder Sven Behr und Hilmar Fehling hatten sich längst gegen ihre Fraktionskollegen gewendet, das Dorferneuerungsprojekt massiv kritisiert. Gemeinsam mit den Grünen Stefan Wieckhorst und Maren Wiegel brachten sie den Antrag vor, über die Projektbestandteile seperat abzustimmen. Bereits im Vorfeld hatte die Förderbehörde, das Amt für regionale Landesentwicklung (ArL), der Kommune ins Stammbuch geschrieben, dass ein Herauslösen eines Teilprojektes aus dem Ensemble die Förderung aller Bestandteile gefährden könne. Denn einzeln bewertet könnten sie im Wettbewerb mit Projekten anderer Kommunen ihren Status verlieren. Das betrifft sowohl die rund 844 000 Euro für das ehemalige Gasthausgebäude, die maximal 500 000 Euro für den Festsaal sowie rund 259 000 Euro für die Alte Dorfstraße. Eine Rosinenpickerei könne es nicht geben, betonte Rödenbeck. Dann die Überraschung.

Neue Erkenntnisse

Die Grüne Maren Wiegel führte „neue Erkenntnisse“ an und zog den gemeinsamen Antrag zurück. Die „neuen Erkenntnisse“ hatten unterschiedliche Effekte auch in der Sitzordnung des Rates. Ihr Fraktionskollege Wieckhorst hatte sich schweren Herzens in die Ecke der Befürworter gesetzt. Wiegel saß am anderen Ende des Ratstisches zusammen mit Behr und Fehling. Die drei forderten nun einen öffentlichen Informationsabend für die Bürger, bevor über das Projekt entschieden werde. Behr sagte: „Ich sehe das mit den gesetzten Fristen nicht so eng.“ Das sah die Ratsmehrheit anders.

Sven Lehmann (SPD), der kürzlich für die zurückgetretene Dagmar Räfler-Grandt in den Rat nachgerückt war, unterstützte die Idee eines Infoabends, forderte aber sofort „eine Grundsatzentscheidung des Rates, um der Förderbehörde ein positives Signal zu senden“. Joachim Päper (SPD) schlug namentliche Abstimmung vor, jeder sollte persönlich Farbe bekennen. Dem pflichteten neben Markus Grube (CDU) und Joachim Schwerdtfeger (FDP) auch andere bei.

„Wenn der Rat so ist wie heute, dann habe ich Bock, weiterzumachen. Das beflügelt mich!“ – Torsten Rödenbeck , Bürgermeister

Behr zog in Zweifel, dass die Wirtschaftlichkeitsberechnungen für den Betrieb des sanierten Gasthauses realistisch seien. Er wolle der Kommune keine Hypothek für 45 Jahre hinterlassen. In die gleiche Kerbe schlug Fehling, der in Sicht- und Riechweite des Gasthauses seinen Betrieb zur Jungsauenaufzucht führt. Fehling: „Bei einer Altbausanierung können viele teure Überraschungen lauern.“ Und an eine auskömmliche Bewirtschaftung könne er auch nicht glauben. Grube und Rödenbeck betonten, dass die Gemeinde über die Bindungsfristen der Fördermittel hinaus neue Immobilienwerte schaffe – neben der Belebung des Ortskerns. Mehrheitlich, bei drei Gegenstimmen, beschloss der Rat das Gesamtprojekt fortzuführen und weitere Planungsschritte in Auftrag zu geben.

Auf die Frage einer Einwohnerin, ob Rödenbeck an seinem bei der vorvergangenen Ratssitzung angekündigten Rücktritt festhalte, drugste er erst rum und sagte dann: „Wenn der Rat so ist wie heute, dann habe ich Bock, weiterzumachen. Das beflügelt mich!“

von Dennis Thomas

One comment

  1. Als Ergänzung… Wir sprechen uns gegen die Sanierung des Hauptgebäudes des alten Gasthaus Flindt aus. Der Wunsch nach einer Gastronomie mit Saal und Kegelbahn in Barum ist grundsätzlich auch bei uns vorhanden. Jedoch möchten wir dieses Risiko nicht verantworten und der nächsten Generation auferlegen. Die Sanierung der Gastronomie des ehemaligen Gasthauses Flindt bringt selbst bei hundertprozentiger Auslastung und Finanzierung über 40 Jahre nur ein leichtes Plus. Dieses geht aus einer Wirtschaftsexpertise, die auf einer Machbarkeitsstudie aufgebaut ist, hervor. Daran ist zu sehen, dass die Zahlen nicht verlässlich sind. Wer sich mit Altbausanierung beschäftigt weiß, dass so manche Überraschung während der Bauphase auf den Bauherren wartet, zumal das vorhandene Fundament (warscheinlich Felsen) in seinem Zustand erhalten bleiben soll, allerdings von komplett neuen Versorgungsleitungen durchlöchert wird. Diese geplanten Investitionskosten sind sehr schwer kalkulierbar. Durch die gedeckelte Fördersumme wird jeder Anstieg der Investitionskosten zu 100% vom Gemeindehaushalt zu tragen sein. Zu beachten ist dabei außerdem, dass die Gastronomie über 40 Jahre aufrecht erhalten und der Gastronom so liquide sein muss, dass die monatliche Pacht durchgehend gezahlt werden kann. Die rückgängigen Zahlen an Gastronomien im dörflichen Bereich zeigen, dass dies eine riskante Annahme ist. Betrachtet man die Statistik des Deutsche Hotel- und Gaststättenverbandes von 2017 ist das Gastgewerbe real auf einem leicht absteigendem Ast, während Caterer beispielsweise im gastronomischen Bereich ein Plus einfahren. Der Rückgang des Gastgewerbes ist laut DEHOGA vor allem im ländlichen Bereich zu verzeichnen, das läge neben des aufgrund der Einwohnerzahlen geringen Jahresumsatzes auch an fehlenden Fachkräften. Außerdem gibt es bislang noch kein wirtschaftliches Betreiberkonzept. Das bedeutet, wenn man mit realistischem Mietausfall und Reparaturen kalkuliert, wird die Gemeinde über 40 Jahre ein Minus im Haushalt zu deckeln haben. Ein weiterer Problempunkt ist, dass bei einer Sanierung keine fixen Kosten abgebildet werden können. So ist mit weiteren anfallenden Kosten zu rechnen, denn das Gebäude ist bereits 150 Jahre alt und die Bausubstanz schlecht und unberechenbar. Schlussendlich ist eine derartige Finanzierung unverantwortlich, denn diese wird auf dem Rücken der Bürger ausgetragen. Inwieweit diese Haushaltsausgaben andere soziale Haushaltspositionen (Kindergarten, Vereine, Strassensanierung) einschränken, bleibt dahin gestellt. Eine derartige Sanierung könnte auch eine Erhöhung der Grund- und Gewerbesteuer mit sich bringen.

    Sven Behr, Hilmar Fehling und Maren Wiegel