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Gertrud Ernst ist wohl eine der bekanntesten Seniorinnen Lüneburgs. Und eine der ausgeglichensten. Ihr Geheimnis: Rausgehen und aktiv sein. Egal in welchem Alter. Foto: Reimann

Die ruhige Rebellin +++ Mit aktuellem Magazin „Was zählt“ +++

Lüneburg. Wenn ihre Enkelin mit ihr unterwegs ist, beschwert sie sich schon mal, wie viele Menschen ihre Oma auf der Straße erkennen und anhalten. Die 84-Jährige wird oft angesprochen  und herzlich umarmt. „Vorlesegertrud“ rufen ihr Kinder entgegen, von anderen wird sie gefragt, wie die Vorbereitungen auf die Wandelwoche laufen oder welches Gemüse sie im Permakulturgarten gepflanzt hat. Die Mischung an Menschen, mit denen Gertrud Ernst sich umgibt, ist so bunt wie ihr ehrenamtliches Engagement.
Angefangen hat alles mit der Anti-Atom-Bewegung. Und der Trennung von ihrem Mann. „Wir haben uns einfach in andere Richtungen entwickelt“, erinnert sie sich. Nach 25 Ehejahren war das kein leichter Schritt, aber der richtige. Davon ist sie heute überzeugt. Mit 50 zog es Ernst nicht nur zurück in ihre Heimatstadt, sondern auch zu neuen Themen. Privat wie beruflich. Sie suchte sich eine Anstellung an der VHS und gab bis zu ihrer Rente Kurse für Altenbetreuung und die Aktivierung von Seniorinnen und Senioren.

Musik ist Lebensfreude

Besonders beliebt war bei den Älteren das gemeinsame Spielen und Singen. „Musik ist pure Lebensfreude“, schwärmt Ernst über ihre größte Leidenschaft. Besonders die klassische Musik habe es ihr angetan. Mit Freunden geht sie zu Jazz-Konzerten ins Kulturforum oder zu Auftritten von Kirchenchören. Nicht selten sitzt sie vorher an der Abendkasse. Ehrenamtlich, versteht sich.

Was zählt.

Der Artikel ist in der siebten Ausgabe des Magazins „Was zählt.“ erschienen. Die gesamte Beilage der LZ können sie HIER downloaden.

Doch auch das Selber-Musizieren hat sie ein Leben lang begleitet. Mit zwölf trat sie zum ersten Mal einer Kantorei bei, seitdem ist sie der Musik treu geblieben. 70 Jahre lang hat sie in Chören gesungen. „Eine wahnsinnig lange Zeit“, sinniert sie und holt eine alte Schallplatte aus dem Wohnzimmer. Die Hülle zeigt einen Mann mit grauem Haar an einem Piano. Die Platte ist eine Konzertaufnahme von Wilhelm Kempff, einem der berühmtesten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Und eines ihrer großen Idole. Über zufällige Kontakte kommt Ernst Mitte der 80er-Jahre als Altenpflegerin des Pianisten an den Starnberger See südlich von München. Da Kempff die Stimme seiner neuen Pflegerin so gut gefiel, musizierten sie am heimischen Flügel gemeinsam. Ein wahrgewordener Traum für die gebürtige Lüneburgerin.

Gebete für Gorleben

Es sind eben solche Zufälle, die Ernsts Leben zu prägen scheinen. Über Erzählungen und Vorträge kommt sie Anfang der 90er-Jahre mit der Anti-Atom-Bewegung in Berührung und beschließt, beim Gorlebener Gebet aktiv zu werden, das sie viele Jahre lang mitgestaltet. Bei Demonstrationen gegen die Castortransporte hält sie sich allerdings zurück. „Ich fand es bewundernswert, wie diese jungen Menschen sich engagieren, aber verkloppen lassen wollte ich mich nicht“, sagt sie.

Mit dem Protest gegen Kernenergie sind die Weichen für Ernst gestellt. Sie will sich nicht zur Ruhe setzen, sondern sich einsetzen für das, was ihr am Herzen liegt: die Umwelt und ihre Mitmenschen. Bis heute zieht es sie dazu immer wieder raus in die Natur. Und an ungewöhnliche Orte. Wie etwa die JVA Lüneburg, wo sie seit einigen Jahren einmal die Woche bei Untersuchungshäftlingen eine Andacht begleitet und anschließend mit den Insassen spielt und redet. Für ihre Überzeugungen geiet sie auch schon mal mit ihrer Enkelin aneinander, die von dieser Idee nicht gerade begeistert war. „Das sind Verbrecher, die haben Böses getan“, entgegnete diese schockiert, als Ernst von ihrer neuen Tätigkeit berichtete. Doch abgehalten hat Ernst das nicht. „Wie weit die Nächstenliebe geht, das muss jeder für sich selber entscheiden“, ist sie überzeugt. Es gehe ihr aber nicht darum, Trost zu spenden und zu sagen „Alles wird gut“. Wir sind alle nur Menschen und egal, was jemand getan oder auch nicht getan hat, haben wir alle unsere Geschichte und unsere Herkunft. Anknüpfungspunkte findet die Rentnerin deshalb auch mit ganzkörpertätowierten U-Häftlingen. „Wenn ich bei Mensch ­ärgere dich nicht gewinne, ist richtig Stimmung im Raum“, erzählt sie, lacht und reißt ihre Arme demonstrativ zu einem Jubelschrei hoch.

Zufall als guter Begleiter

Ob sie nach der Stelle in der JVA gesucht habe? Keineswegs. Während eines ökumenischen Gottesdienstes im Kurpark wurde sie von einem Mitglied des Arbeitskreises angesprochen. „Das hatte ich noch nicht“, dachte sie sich und sagte kurzerhand zu. So war ihr Leben schon immer. Einen genauen Plan gab es nie. Nur die Offenheit, sich auf Neues einzulassen.

Ihre zweite große Naturschutzaktion „Ein Schiff für die Umwelt“ kam auf ähnliche Weise zustande: Nachdem Ernst bei einer Chorprobe davon erfuhr, wurde sie prompt Teil der Mannschaft auf dem Projekt-Schiff, das unter anderem vom BUND initiiert wurde.

Um auf die Verschmutzung der Elbe und der angrenzenden Wälder aufmerksam zu machen, fuhr sie von der Nordsee bis zur Elbquelle nach Tschechien. Schon damals, Anfang der 90er-Jahre, war Gertrud Ernst eine der ältesten an Bord. „Ich war immer mit Jüngeren zusammen. Mir hat das Auftrieb gegeben,“ sagt die Seniorin.

Pflege auf den Orchideenwiesen

In den nachfolgenden Jahrzehnten blieb sie dem Umweltschutz treu. Mit dem NABU pflegte sie sieben Jahre lang die Orchideenwiesen Elfenbruch in Oedeme. An die Arbeit mit den dort ansässigen Mohrschnucken erinnert sie sich gerne zurück.

In diesem Sommer ist sie das dritte Jahr beim Permakulturgarten in der Gartenkolonie Pferdeteich dabei. Um sie herum? Größtenteils Studenten. „Ich stelle mich aber nicht mehr hin und grabe“, sagt sie lachend. Sie müsse sich nicht mehr beweisen. Stattdessen guckt sie, wo etwas zu tun ist, wo gegossen werden muss, welche Pläne geschrieben werden müssen. Die größte Belohnung ist dann ganz klar das selbst geerntete Gemüse. „Das ist irre, wie das schmeckt“, schwärmt sie.

Gertrud Ernst ist das, was man eine rüstige Rentnerin nennen kann. Einem Auto kann sie nichts abgewinnen, wo sie hinmöchte, da kommt sie mit ihrem Fahrrad hin. Dass Bewegung zu ihrer Vitalität im Alter beiträgt, davon ist sie überzeugt – und möchte sich auch dafür einsetzen. In ihrem aktuellsten Projekt, der Mitarbeit an der Wandelwoche, die dieses Jahr zum zweiten Mal in Lüneburg stattfinden wird (19.–28. Oktober), plant sie Aktionen für mehr Radverkehr und eine autofreie Innenstadt. „Man kann Parkplätze und Straßen so viel besser nutzen“, ist sie überzeugt und verweist auf die Gesundheitsrisiken von Smog und den Erholungswert von Grünflächen. Nachhaltigkeit zieht sich, wie bei vielen Menschen, auch durch ihr ­Leben.

Nächstenliebe trägt die Arbeit

Ihren Antrieb bezieht Ernst seit jeher aus der christlichen Einstellung heraus. Ob und woran die Menschen glauben, ist ihr egal. Der Gedanke der Nächstenliebe ist das, was sie durch ihre Arbeit trägt.

Außerdem sagt sie, wem es so gut gehe wie ihr und wer im Alter noch so fit sei, der habe eine Verpflichtung, sich einzubringen. Es sei ihre Art, ihre Dankbarkeit auszudrücken.
Belohnt fühlt sie sich durch viele kleine Momente, in denen Menschen mit ihr in Kontakt gehen. Wenn die Kinder, denen sie im evangelischen Familienzentrum vorliest, sie mit ihrem Spitznamen „Vorlesegertrud“ rufen oder wenn sich Menschen bei einer Demonstration zu ihr setzen und mit ihr ins Gespräch kommen und Kuchen essen.
Gegen Lustlosigkeit im Alter hilft nur eins: rausgehen und aktiv werden. Davon ist Gertrud Ernst überzeugt.

Während viele Altersgenossinnen sich beschweren, dass ihre Enkel nicht oft genug zu Besuch kommen, sucht sie einfach selbst den Kontakt zu jungen Menschen „Es gibt so viele Ältere, die sagen: ,Keiner liebt mich, keiner kümmert sich um mich, keiner ist für mich da‘ “, sagt die Rentnerin. Zu sehen, wo man als älterer Mensch gebraucht wird, ist ihr Schlüssel zum Glück. „Man muss rausgehen und sich trauen“, resümiert Gertrud Ernst ihre Lebensphilosophie. „Wenn ich nur auf dem Sofa gesessen hätte, hätte ich das alles nicht ­erlebt.“

Von Sebastian Reimann